Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Article
- Eine jüdische Volksversammlung in Wien
- Date
- 1903-12-18
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „bis & weit Nr. .51 dass die geplante zionistische Kolonisation im Rahmen der landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaft vor sich gehen müsse. Am Beispiel erklärt, heisst das: Einige zur Bodenarbeit taugliche Leute bekommen ein Stück Boden zugewiesen. Ausser einem festen Lohn bekommen sie noch den Ueberschuss des Ertrages, der bleibt, wenn man die Zinsen des Kaufpreises für das Land in Abzug bringt. Das heisst, je mehr die Leute arbeiten, desto mehr verdienen sie. Redner erhärtet nun seine Behauptung, dass man in Palästina landwirtschaftliche und nicht etwa industrielle Produktivgenossenschaften ins Leben rufen müsse, an einer Reihe von Beispielen und Gründen: Alle industriellen Produktivgenossenschaften, die in .den verschiedensten Ländern, so in England von den christlichen Sozialisten, in Deutschland, Amerika, Frankreich usw. gegründet wurden, sind kläglich gescheitert. 95 Prozent sind im Kampfe ums Dasein überhaupt zusammengebrochen, die übrigen 5 Prozent haben sich in Aktiengesellschaften verwandelt, in denen eine Menge von Arbeiteraktionären ein paar Lohnarbeiter ausbeuteten. Die Gegensätze zwischen industriellen und landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften sind noch mannigfacher Art. Erstere brauchen bei der Gründung Personalkredit zur Gründung von Werkstätten, für Werkzeuge und Rohmaterialien. Sie brauchen Kredit für eine zweifelhafte Unternehmung, die fremd und unerfahren in den Konkurrenzkampf der Grossindustrie hineingeworfen wird. Die landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft dagegen beansprucht nur ein Stück Land mit Gebäuden darauf; das geborgte Kapital ist durch Hypotheken auf eben dieses Land gesichert. Die Gegensätze zeigen sich auch bei einer Erweiterung des Betriebes. Wenn eine industrielle Produktivgenossenschaft neue Mitglieder erhält, braucht sie vergrösserte Werkstätten, mehr Werkzeuge, mehr Rohmaterial. Bei der landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaft braucht man nur Unterkunft für die Ankömmlinge, ein paar Ackergeräte und nichts weiter. Uni sie zu beschäftigen, geht man vom extensiven zum intensiven Betriebe über, d. h. baut statt Getreide Kartoffeln, resp. betreibt die Gärtnerei. Auch der Kampf um den Absatz, der die Hauptklippe der industriellen Produktivgenossenschaften bildet, wo der Mehrhesitz an Maschinen und Geschäftserfahrung entscheidet, fällt bei der landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaft fort. Je mehr Leute in die erstere eintreten, einen umso grösseren Absatzmarkt hat sie notwendig, je mehr Arbeiter zur letzteren kommen, umso intensiver wird der Betrieb, umso edlere Produkte mit Vorzugspreisen werden hergestellt. Ein weiterer Vorteil für die landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft ist die Aufrechterhaltung der Disziplin. Bis jetzt ist es in den wenigsten Fällen in den industriellen Produktivgenossenschaften gelungen, die Arbeiter dahin zu bringen, ihrem Leiter, der ihr eigener Angestellter ist. diszipliniert zu gehorchen. In landwirtschaftlichen Betrieben aber gibt es nur einerlei, und zwar selbstverständliche Arbeit, alle Arbeiter müssen zu gleicher Zeit und in gleicher Art arbeiten, und auf nebeneinanderliegenden Bodenstücken haben sie nebeneinander nicht einer unter dem Befehl des anderen zu arbeiten. Auch die bis jetzt gewonnenen praktischen Erfahrungen bestätigen einen hohen moralischen und materiellen Gewinn für die Gründer von landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften. (Redner zitiert praktische Erfahrungen von glänzenden Erfolgen in Irland und Amerika.) Es ist einleuchtend, dass bei so hervorragenden Erfolgen das notwendige Kapital auf dem Geldmarkt zu erhalten ist. Wenn mit dessen Hilfe eine dichte Bevölkerung von Ackerbauern im Lande ansässig sein wird, wird die Zeit für die physisch schwächeren, aber noch arbeitsfähigen Elemente des Judentums gekommen sein, sich im Lande anzusiedeln. Denn Handwerker,. Lehrer, Aerzte, Geistliche sind den Bauern vonilöten, und werden so die wünschenswerte Ergänzung der Bevölkerung eines modernen Staates bilden, der nach unseren Ideen zur Erlösung des Judentums und zum Beispiel für die ganze Menschheit hoffentlich in Bälde erstehen wird. Rauschender Beifall lohnte die geistvollen Ausführungen Dr. Oppenheimers, der in seinem Schlussworte Gelegenheit fand, seiner Meinung dahin Ausdruck m geben, dass, wo immer Gelegenheit sei, man an die Regeneration der Judenheit schreiten müsse, damit sie nicht wie bisher auf die gnädige Rückgabe ihrer Heimat warten müse, sondern sie mit ihrem erworbenem Reichtum oder mit ihrer erworbenen Kraft wieder ei langen könnte. Nach ihm ergriff Herr Architekt Marmorek das Wort, der, wiederholt von stürmischem Beifall unterbrochen, die Tätigkeit unserer Gegner und die unsere gegeneinander hielt. Wir werden seine glänzenden Ausführungen in der nächsten Nummer vollinhaltlich bringen. Die Diskussion förderte bei der Klarheit der Referate keine neuen Momente zutage; bemerkenswert ist bloss eine Aeusserung des Herrn Hofrat K a r e i s, der sich als humanitärer Zionist bekannte. Herr Dr. J. W. Marmorek richtete demgegenüber einen geistreichen Appell an die Versammlung, nicht Zionisten für ändere zu sein, sondern für sich. Herr Sekretär Fleischer von der „Union" Hess einen Wunsch erkennen, dass alle Juden dem Zionismus gegenüber ihre materiellen Pflichten erfüllen möchten. Nach dem oben erwähnten Schlussworte Dr. Oppenheimers konnte der Vorsitzende 'Dr. Max Bern h a r d t den schönen Abend in vorgerückter Stunde schliessen. Hierauf zogen sich die anwesenden Mitglieder der Wiener schlagenden Verbindungen mit zahlreichen Gästen in einen Nebenraum zurück, um die Anwesenheit Dr. 0 p p e n h e i m e r s im intimen Kreise zu feiern. Nach einigen herzlichen Worten des Vorsitzenden F r a n K1, Obmann des Verbandes der schlagenden Verbindungen, ergriff der gefeierte Gast selbst das Wort, wobei er den Standpunkt der Verbindungen als richtig und männlich kennzeichnete und sie zur Arbeit und Konsequenz ermahnte. Hierauf ging ein langgehegter Wunsch der Verbindungen in Erfüllung, da sie Gelegenheit nahmen, dem anwesenden Herrn Direktor Kremenetzk y, dem ebenso bescheidenen als unschätzbaren, weil unermüdlichen Verwalter des Nationalfouds, eine spontane, tiefgefühlte Ehrung zu bereiten. Sie wurden 'durch eine Ansprache dieses ihres Gastes erfreut, der intensive nationale Arbeit verlangte und unter stürmischem Beifall schloss. Nach ernsten Reden und Gesängen erhielt die Heiterkeit ihr Recht, und unter dem strammen Kommando Dr. Oppenheimers an der einen, Direktor Kremenetzkys an der anderen Seite der Tafel blieb man gesellig zusammen, bis ein später Abschied den zionistischen Würden- und Bürdenträgern neue Sympathiekundgebungen brachte. Zur Geschichte des frühen Zionismus. Von Dr. Theodor Zlocisti. Die Verdichtung der alten, nie in unserem Volke erstorbenen Zionssehnsucht zu praktischer Forderung hat uns erst das 19. Jahrhundert ermöglicht. Es bedurfte eines freieren Einblickes in das Getriebe der Völker, in das Werden der Geschichte, um die grossen Lehien für die Wohlfahrt unseres Volkes zu verwerten. Wir können deutlich in der Geschichte des früheren Zionismus vier Höhepunkte erkennen: 1840, 1862, 1882, 1897. 1840 hatte die erschütternde Damaskustragödie die Träumer jäh aus ihrem Schlummer gesehreckt und die frohe Lust an den Danaergeschenken der Gegenwart