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Die Welt · 1903-12-18 · 51 (18.12.1903) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
51 (18.12.1903)
Article
Am Abend
Date
1903-12-18
Page
6 (sequence 1)
Language
German
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Seite 6 „bi* & W^lt" Nr. 51 Am Abend. Abends fand die Chanukafeier für die Grossen statt. Herr J. Bauer, Oberkantor der türkischen Gemeinde, war mit seinem Chore erschienen und vollzog in erhebender Weise den Akt des Lichtentzündens. Als er mit seiner schönen klangvollen Stimme das weihevolle Lied „Gepriesen sei die Stunde* anstimmte, und als sich dann die, frischen hellen Stimmen der Chorknaben dazu gesellten, bemächtigte sich aller Anwesenden eine andächtige Stimmung. Unter den üblichen Gebeten und Segenssprüchen, von Herin Oberkantor Bauer meisterhaft vorgetragen, wurde das erste Chanukalicht entzündet. Hierauf folgte der Vortrag des Herrn Lektors Fried mann. Der begeisternde Eindruck desselben auf das Publikum wird von berufener Seite geschildert werden. Herr Oberkantor Bauer hatte noch die Liebenswürdigkeit, nach dem Tee zwei Lieder vorzutragen: „Das bettelnde Kind" von Gumpert und „Das Mädchen von Juda" von Abt, wobei wir Gelegenheit hatten, den Herrn Oberkantor auch als vorzüglichen Liedersäuger kennen zu lernen. Das Publikum, das äusserst zahlreich erschienen war, dankte Herrn Oberkantor Bauer stürmisch für die auserlesenen Genüsse, die er an diesem Abend geboten. Der abendlichen Chanukafeier der Grossen ging die nachmittägige der Kleinen voraus (siehe oben). Den musikalischen Teil besorgte das kleine Trio, die 14jähr. Tochter und die beiden 10 und 12 Jahre alten Söhne des Klavierfabrikanten Herrn Josef Saphir. Es exekutierte flott und präzise die „Paukensymphonie* von Haydn, ein Potpourri" aus der „Puppenfee" und den „Fledermauswalzer" unter grossem Jubel des kleinen Publikums. R. F. * Der Geist der Agacia. Letzten Sonntag abends, am ersten Chafcukaabend, haben wir ihn leibhaftig gesehen und gehört. Lektor M. Friedmann hat in der Toyubee-Halle die Geschichte von Jos^f und seinen Brüdern erzählt. Die an Sonntagen stets überfüllte Halle hat diesmal eine solche Menge von Besuchern und Besucherinnen gehabt, dass jedes Stückchen Podium als Sitzplatz gebraucht, jedes Fleckchen Stehraum zwischen den Sesselreihen als eine Gunst des Schicksals ausgenützt wurde. Und diese vierhundert Leute, Männer, Frauen und Mädchen, hingen gebannt an den Lippen des Erzählers, strahlten vor Vergnügen und nickten einander bei einzelnen Stellen beglückt zu. Und die Erzählung ging beträchtlich über das Zeitmass hinaus, das die Toynbee- Halle in der Regel ihren Vortragenden gewährt. Lektor Friedman!) sprach fünf Viertelstunden über die uralte Geschichte, die wir schon als Kinder auswendig wussten, und als er aufhörte, ging ein Beifallssturm durch den Saal wie man ihn nur nach einem geistigen Hochgenüsse spendet. Wo liegt das Geheimnis des unglaublichen Erfolges? Die einzelnen Urteile der Zuhörer geben uns den Schlüssel zu dem Rätsel der seltenen Wirkung. „Das ist ja ein Poet!" rief ein Herr, der ein Urteil über Poesie hat, da seine Gedichte das Werk eines echten Poeten sind. „Das ist ein Psycholog!" sagte ein Gelehrter, der manchen wertvollen Beitrag zur Seelenforschung geliefert hat. „Das ist ja ein Altertumsforscherl* meinte ein anderer, der sich eingehend mit der Geschichte des alten Aegypten beschäftigt hat. Die verschiedenen Ausrufe hatten alle einen Beigeschmack von gekränkter Verwunderung, Man hörte förmlich den Zusatz: „Wir glaubten, einen Bibelausleger vor uns zu haben, einen berühmten Agadisten, und der Mann entpuppt sich als Dichter, als Psycholog, als Altertumsforscher — wo ist der Agadist?a Ja, das ist eben das Geheimnis des richtigen Agadisten : er ist vor allen Dingen ein Poet, dann Menschenkenner, dann auch Geschichtsforscher und ausserdem hat er Fühlung mit allem, was die Gegenwart bewegt und nach alledem hat er ein offenes Auge für alles Leben und Treiben der Menschen. Kein Handwerk ist ihm ganz unbekannt, keine Schichte der menschlichen Gesellschaft ist ihm ganz fremd, ein wenig ist er auf allen Gebieten des Wissens, in allen Abarten der menschlichen Tätigkeit zuhause. Und dieser Mann mit dem offenen Auge und der gestaltenden Dichterseele, der in jeder anderen Volksgemeinschaft ein Erzähler, ein Maler oder Bildhauer geworden wäre, bescheidet sich, da er ein Jude vom alten Schlage ist, mit der jetzt so wenig gewürdigten Stellung eines Erklärers. Das ist eine der vertraulichsten, heimlichsten Eigenarten des altjüdischen Geistes. Vom Dichter, namentlich vom Lyriker, gilt, wie Oliver Wendell Holmes so hübsch sagt, der Bibelspruch aus der Genesis: Er ist nackt und schämt sich nicht. Ein Goethe legt sein Herz bloss und zeugt uns scheulos seine heiligsten, wie seine unheiligsten Gefühle; sein Liebesleid ist uns ebenso vertraut, wie seine Schwäche, sein Verrat an Liebe und Treue. Diese Selbstentblösrsung ist dem Juden vom alten Geiste unmöglich; die Katharsis durch die Dichtung ist ihm versagt. Was aber wurde aus dem Sturme in der Brust? Der jüdische Goethe übertrug alle innere Erfahrung auf einen biblischen Helden. Was er an Liebesleid und Liebesglück erfuhr, was er an Lebensweisheit aufspeicherte — alles kam der Bibelerklärung zugute. Deshalb ist die Agada nicht allein ein unerschöpflicher Schatz von Spruch- und Parabelweisheit, sondern unsere lyrische Anthologie. Ein solcher Agadist ist Lektor M. Friedmann und die Besucher der Toynbee-Halle haben am ersten Chanukaabend vielleicht den letzten grossen Vertreter der Agada gehört. —r. Die Wiener Makkabäerieier. Völkerwanderung trotz der starken Erhöhung des Eintrittspreises gegen das Vorjahr. Die antisemitische Kommune Wien macht gute Geschäfte; alle Wartehäuschen und Wagen ihrer Tramway sind von 7—9 Uhr dicht gefüllt. Jeder Kondukteur hat dutzendmal die Frage zu beantworten: „Fahren Sie Marxergasse?" Dort ist der Sophiensaal, der grösste Festraum Wiens. Die Garderoben sind um 9 Uhr bis zur Decke gefüllt; hundert Ordner bemühen sich, den endlosen Menschenstrom, der durch die Flügeltüren eindringt, zu teilen und zu dirigieren. Es geht alles wie am Schnürchen. Kopf an Kopf ist bald der weite Saal gefüllt, und der mit seinem zionistischen Herzen beteiligte Zuschauer geht erfreut in Loge Nr. 1, dem braven Distriktskomitee, dem Veranstalter, sein Kompliment zu machen. Ehre, Wem Ehre gebührt! Der wochenlange Permanenzdienst im Komitee-Lokale, das Schreiben, Laufen, Bitten und Mühen, bis am Vortragspodium und ringsherum alles in Ordnung war, soll dem braven Distriktsobmann Dr. Bernhardt und seinen Getreuen, dem artistischen Leiter Karl M o h r (Unitas) und Max L e d e r e r, dem Sekretär des D.-K. und dem Kassier, Herrn W a 11 u c h, unvergessen bleiben. Beim Eintritt in den Saal wird das Auge von einer aus Blattpflanzen, Teppichen und Fahnen gebildeten Dekoration gefesselt, aus welcher ein Mögen David aus blauen und weissen Glühlämpchen mit dem Worte „Zion" in derselben Ausführung (Geschenk des Herrn Ingenieurs Kremenetzky) aufstrahlt. Für den Nationalfonds gesammelt 325 K. 94 h. Die Makkabäerieier wird ins Goldene Buch eingetragen.

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