Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Article
- Die Stätte des Tempels Salomonis
- Date
- 1903-12-11
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „bi* # W^lt1' Nr. 50 kontrastiert. Suleiman der Prächtige hat sie dem Heiligtum gestiftet. Wir müssen die Stiefel ablegen und treten ins Innere. Den ganzen Mittelraum füllt ein gewaltiger, schwarzer Felsen, der Juden, Christen und Mohammedanern heilig ist. Die Ueberlieferung erzählt, dass Gott mit ihm den Abgrund verschloss, in dem noch die Wasser derFiut brausten. Abraham wollte hier den Isak opfern und Jakob schlief auf ihm in jener Nacht, als er die Engel auf der Himmelsleiter aufuud Biedersteigen sah. Er ist der Mittelpunkt der Welt und deshalb war auch ihm der unaussprechliche Name Gottes eingeschrieben und auf ihm stand die ßundeslade, bis Jeremias sie vor den einbrechenden Besiegern verbarg. Es ist freilich nicht wahrscheinlich, dass die Tradition die Wahrheit berichtet. Offensichtlich hat der Tempel Salomonis so weit zurückgestanden, dass der Fels vor dem Tempel lag. Richtiger dürfte die Annahme sein, dass auf ihm der Brandopferaltar sich befand. Noch heute sieht man eine Blutrinne, vielleicht warf man die Reste der Opfer durch ein Loch im Felsen in die unter ihm befindliche Höhle. Der Stein wurzelt nur auf einer Seite im Boden, auf den drei anderen Seiten schwebt er frei. Als nämlich Mohammed von hier auf dem Zauberross Burak in den Himmel flog, wollte der Stein ihm folgen. Schon hatte er sich auf drei Seiten losgerissen, als der Engel Gabriel ihn gewaltsam zurückhielt, so gewaltsam, dass man noch den Handabdruck des Engels auf dem Stein si* ht. Inmitten der so entstandenen Höhle befindet sich eine Steinplatte, die ebenfalls hohl anklingt. Hier ist Bie el Arwah, der Brunnen der Seelen, durch den die Toten hinabsteigen in das versunkene Paradies, und drunten fliesst der Paradiesesbach. Manchmal hört man sein Rauschen in der Tiefe, oft auch das Beten der Seelen, die zu Allah rufen. Aber am jüngsten Tage kommt der Stein erst recht zu Ehren. Gott selbst wird dann seinen Thron auf ihn stellen, und die Kaaba wird von Mekka herbeifH »gen. Der Stein, den Adam mit seinen Tränen benetzte, wird sich gewaltig, wie eine schwarze Wolke, vor die Sonne legen. Dann dröhnt. die Posaune, Dunkelheit umhüllt die Erde, unaufhörlich rollt der Donner über das Land, die Jaspisplatte im Boden hebt sich5Tunter der König Salomo ruht, Mohammed tritt auf das verschlossene, heilige Tor im Osten der Stadtmauer, Christus jenseits auf die Spitze des O^lberges. Beide halten einen dünner, roten Faden. Ueber ihn wandern die Seelen der Dahingeschiedenen, aber nur die Gerechten langen glücklich drübea tm : die durch Schuld Beschwerten stürzen hinunter ins Tal Josaphat, das sich öffnet und aus dem brausend die Flammen der Hölle emporschlagen. Man sieht, die mohammedanische Tradition wird durch die mittelalterlichchristlich <m Phantasien kaum überboten. Als die Kreuzfahrer Jerusalem eroberten, meinten sie, der Felsendom sei der alte Tempel Salomonis und der neugegründete Templerorden nahm deshalb die Moschee in sein Wappen auf. So kam ihr Bild nach Euiopa und wir sehen z. B. in der Brera zu Mailand auf Raphaels „Verlobung der Maria" den achteckigen Kuppelbau abgebildet. Am südlichen Ausgang der Moschee steht eine einfache eiserne Truhe. Sie enthält ein Barthaar, das der Prophet bei seiner wunderbaren Himmelfahrt verlor. Der „Bart des P/opheten" wird hier als Heiligtum aufbewahrt und zuweilen gezeigt. Durch das Tor gelangt man weiter auf den weiten Platz. Nach Süden zu umgeben vier alte Zypressen eine Zisterne, im Hintergründe liegt, prächtig durch die Bäume eingerahmt, die Moschee el Aksa. Die Zisterne führt ebenfalls ir.s Paradies. Ein Gefährte Omars ist hinabgestiegen und hat goldene Blätter von unten heraufgebracht. Bei späteren Versuchen ist es aber nicht mehr gelungen, das Tor aufzufinden. Leider! Die Moschee selbst ist eine alte Kirche. Ihr Name el Aksa, die (von Mekka) Entfernte, erinnert an die Legende, dass Gott Mohammed in einer einzigen Nacht von Mekka herbrachte, um ihm seine Macht zu zeigen. Wir stiegen eine Treppe hinab in die sogenannten Ställe Salomos, weite säulengetragene Gewölbe, die wohl Vorratskammern oder Arsenale waren. Sie sind voll Erde, die man für heilig hält; die Araber schaffen sie herauf und lassen sich darin begraben. Auch ihnen sind ja David und Salomo geheiligte Persönlichkeiten. Ein Gang endet in einer Art von vermauerter Türe, es scheint, dass hier einst ein Weg in das südlich gelegene, alte Jerusalem hinuntergeführt hat. Langsam wanderte ich über den weiten Platz zurück und träumte, Ich sah Salomo, umgeben von königlicher Pracht, die Stufen zum Tempel hinaufschreiten, „der ganz mit Gold und edlen Steinen bezogen war", sah das eherne Meer „gegen Morgen zu, mittagswärts" und den Höhepriester, weissgekleidet, über Tausende am Versöhnungstage den Segen sprechen — und dann alles in Gluten und Rauch und inmitten des Zusammenbruches die mit den Römern kämpfenden Scharen der letzten Verteidiger. Ich sah Jupiterpriester auf dem schwarzen Stein Opfer darbringen, und daneben aufgerichtet das goldene Reiterstandbild Kaiser Hadrians. Und dann schreiten die gepanzerten Ritter der Kreuzfahrerheere barhäuptig, den Helm in der Hand, über die weite Fläche des Tempelbfzirkes und beugen die Kniee vor der Stätte, die auch ihnen nächst dem Grabe die heiligste ist. Ich hörte die gellenden Schlachtrufe der Sarazenen, die den Tempelbezirk erstürmen, um ihn mit Blut und Mord zu erfüllen. Wenn der schwarze Stein reden könnte, er würde zu berichten haben! Heute ist nur die Omarmoschee leidlich in Stand gesetzt. Alles andere ist in Verfall. Was könnte ein schöpferischer Künstler nicht alles aus dieser schönsten und schwermutreichsten Stelle Jerusalems machen! Wie müsste eine verständige Verwaltung alle diese heiligen Stätten pflegen! Ein neues Jerusalem sollte vor dem Damascustor oder drübea auf dem Berge des Aergernisses entstehen. Schon heute wohnt dort ein erheblicher Teil der Einwohnerschaft. Die alten schmutzigen Stadtteile aber sollte man niederreissen und aus allen den nahe bei einanderliegenden Heiligtümern der Innenstadt einen grossen, heiligen Bezirk bilden mit1 Gärten und Palmenhainen. Jerusalem sollte mit Recht den Namen führen, den ihm die Araber geben : Bet el Makdis, das Haus des Heiligtums. Vielleicht werden späte Enkel das dereinst erschaffen, was wir heute träumen! Adolf Friedemann. Briefkasten. Breslauer, Kremser, Stuttgarter Zionisten. Herzlichsten Dank und Zionsgruss. H. Societe des gens israelites „Eiz Chaim." Wenn Sie die „Welt" abonniert haben, um Artikel in ihr unterzubringen und sie als Fragekasten zu benützen, so tun sie gut, sie schleunigst abzubestellen. L. Frachtenberg. Ist bereits öfters verlangt worden und geschieht auch unseres Wassens. S. B. R. Miava. Das „Neue Pester Journal" wird von Juden gemacht, fast nur von Juden gelesen und durch jüdisches Inserentengeld erhalten. Sie begreifen, dass ein solches Blatt für die wichtigsten jüdischen Ereignisse keinen Raum haben kann. Der betreffende Herr ist uns bekannt, uns und anderen. Sie tun ihm viel zu viel Ehre an. J. H. B. Lemberg. Eine solche Broschüre existiert nicht. Ariesar. Dr. A. Marmorek, Paris, 7 rue Honore Chevalier.