Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-12-11 · 50 (11.12.1903) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
50 (11.12.1903)
Article
Kischenew [Kommentar]
Date
1903-12-11
Page
11 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316070--45042-3339794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr, 50 „bie & weit Seite 11 legen nach meinem Begehr. „Wir führen nur billige Sorten", fügt er gleich hinzu. „Die besseren Sorten wurden Ihnen wohl in den Schreckenstagen geraubt", meinte ich? ohne viel Umschweife auf mein Ziel losgehend. Der gute Mann sah mich vorerst misstrauisch an, dann sagte er mit einem resignierten Lächeln: „ Alles haben sie auf die Gasse geworfen, mit den Füssen zertreten, zu Staub gemacht." „Legten sie auch Hand an Sie an?* »Nein, ich hatte mich in den Keller geflüchtet, und als ich mich nach drei Stunden wieder ans Tageslicht wagte, fand ich vor und in meinem Laden einen Trümmerhaufen vor. Mein Nachbar zur Linken wollte seine Habe verteidigen und büsste es mit seinem Leben. Wir fanden ahn im Hausflur mit zerschmettertem Schädel tot auf." „Nun seid ihr aber nicht mehr mit Besorgnissen erfüllt?" fragte ich weiter. „Wie denn nicht?" antwortete mein Gewährsmann, „und wenn die Leute, was wahrscheinlich der Fall sein wird, freigesprochen werden, werden sie da nicht glauben, dass das Gesetz das Morden von Juden erlaube? Wer weiss, was uns die nächsten Ostern bringen!* Hier mischte sich plötzlich ein altes Männchen, das ich im Zwielicht bis dahin gar nicht bemerkt hatte, ins Gespräch. „Wie der Prbzess auch ausfallen sollte, uns Juden in Kischenew wird es schlecht ergehen. Wenn die Leute verurteilt werden, wird die Erbitterung und der Hass steigen; werden sie freigesprochen, wird sich die Ansicht festsetzen, dass man die Juden ungestraft morden darf. Wir werden alle von Kischenew wegziehen müssen." „Wohin?" fragte ich. Er zuckte mit den Achseln und schwieg. Der Jüngere hatte die trüb brennende Petroleumlampe angezündet und nun konnte ich den Alten deutlich sehen. Es war mir, wie wenn ich ein lebendig gewordenes Bild Ahasvers, des Heimatlosen, sähe! . . .. . Abends ging ich dann auf den Korso, der sich in der Alexanderskaja, dort, wo die elegantesten Läden sich befinden und wo mächtige elektrische Bogenlampen das Europäertum markieren helfen, lebhaft entwickelt, „ Sr amja" und „Bessarabetz" weiden feilgeboten und finden guten Absatz. Herr Krusehewan macht gute Geschäfte. In der „Snamja" lautet der leitende Artikel: „Juden und noch? mals Juden.. „Die Verhandluug." Die A n g e kl a g t e n, mehr als dreihundert ander Zahl, werden von acht Advokaten verteidigt. Unter diesen vertreten drei, und zwar S chmakow und Pagoschew aus Moskau und Romanianko aus Kischenew, den brutal antisemitischen Standpunkt, sie ignorieren in ihren Ausführungen und Fragen den Einzelfall und verbreiten sich über die Schädlichkeit des jüdischen Elements; man nennt sie spottweise die Polizeiadvokaten. Die übrigen fünf Verteidiger bilden die „ Fraktion der jungen Advokaten". Ihr Verteidigungsplan geht dahin, die Tat als solche zuzugestehen, die Angeklagten aber als. w illenlose Werkzeuge der Polizei hinzustellen. Did Verhandlung selbst wurde in sechs Teile geteilt. Einteilungsgrund bildeten die Plünderungs- und Mordrayons der Stadt. Als der Vorsitzende bei Beginn der Verhandlung die Mitteilung macht, dass zunächst die Verhandlung gegen 37 Angeklagte, welche sich des Mordes, Raubes etc. in der Ulica Goszinia schuldig gemacht haben, durchgeführt werden soll, richtete einer der Anklagevertreter die Frage an den Präsidenten, weswegen diese Scheidung vorgenommen wurde. Derselbe erwiderte, der Verhandlungssaal sei zu klein, um die grosse Zahl der Angeklagten zu fassen. Jener replizierte: „Wenn Kischenew gross genug ist, um so viele Menschen zu morden, zu berauben und auszuplündern, muss der Staat auch einen entsprechend grossen Verhandlungssaal beschaffen können." Es blieb aber dabei. Das Gericht ist nämlich bestrebt, die Kischenewer Ereignisse zu individualisieren. Von den jüdischen Zeugen, die bis jetzt einvernommen wurden, 69 an der Zahl, sind die vom Unglück heimgesuchten Juden, die am Leben geblieben sind, die wichtigsten. Ihre Depositionen machen einen erschütternden Eindruck, und keine Feder vermag das wiederzugeben, was in Miene und Ton dieser Aermsten liegt. Als ein gewisser Baranowitsch erzählte, wie vor seinen Augen sein fünfzehnjähriger Sohn, ein Gymnasiast, von den Mordgesellen in unbeschreiblich bestialisch-grausamer Weise ums Leben gebracht wurde, und als er dann schluchzend hinzufügte, er sei vor den Mördern auf den Knien gelegen und habe verzweifelt gebeten, man möge doch eher sein Leben nehmen, und ein Hohnlachen zur Antwort erhalten, weinten alle Anwesenden: Advokaten, Richter, Zeugen, die antisemitischen Verteidiger mit inbegriffen. Aehnliche Szenen spielten sich ab, als der zehnjährige Galanter erzählte, wie man seinem Vater die Arme und Beine aus dem Leibe gerissen habe. An jeden dieser Zeugen wird die Frage gestellt, ob er unter den Angeklagten bestimmt diejenigen erkenne, die den Mord oder die Plünderung vollbracht haben. Die Antwort lautet zumeist unbestimmt. Eine Jüdin, deren Gatte ermordet worden war, meinte, alle Mörder und Räuber seien gleich. Aus diesem Grunde werden auch zumeist Freisprüche befürchtet, und unter der Kischenewer Intelligenz hat sich die Meinung festgesetzt, dass die Polizei nur die Minderbeteiligten verhaftet und der Justiz ausgeliefert habe..... * Kischenew, 7. Dezember. In dem Kischenewer Prozess ist eine sensationelle Wendung eingetreten. Die der sogenannten „Fraktion der jungen Advokaten" angehörenden Verteidiger, die von allem Anfang an den Standpunkt vertraten, dass die Angeklagten unschuldig, weil willenlose Werkzeuge der Polizei seien, beschlossen heute, den Antrag einzubringen, es möge der Prozess unterbrochen und in das Stadium der Voruntersuchung zurückgeleitet werden, damit die wahren Schuldigen, auch wenn sie hochgestellte Beamte sind, auf die Anklagebank kommen. Dieser Antrag wurde abgelehnt, worauf die Antragsteller ihr V e rt eidiger am t niederlegten und den Saal verliess en. ^i*ibät)e. (Für diese Rubrik ist die Redaktion nicht verantwortlich.) An alle Vereine und Veranstalter von Versammlungen! Es ist seit neuester Zeit die nicht unpraktische Uebung, dass die Versammlungsberichte in der „Welt" aus technischen Gründen im Telegrammstile erscheinen. Es wird der Ort verzeichnet, der Redner, das Publikum, der rednerische Erfolg. Was ich aber zu meinem Bedauern und zu meiner grössten Verwunderung nicht finde, das ist die Angabe, wie viel für den Nationalfonds gesammelt wurde! Die Begeisterung ist ja gewiss eine sehr schöne Sache, aber sie sollte auch praktisch zum Ausdrucke kommen; und welches Ausdrucksmittel von zionistischer Begeisterung wäre angemessener, als eine Spende für den Nationalfonds, für den Fonds, welcher der Kaufschilling des zu erwerbenden Landes sein soll. Die Spenden, auch noch so kleine, werden im Enderfolge doch ein schönes Resultat ergeben. Darum, liebe Gesinnungsgenossen, beobachtet bei allen Veranstaltungen den obersten Grundsatz, der euch zum allgemeinen Wohle nicht eindringlich genug

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.