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Die Welt · 1903-12-11 · 50 (11.12.1903) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
50 (11.12.1903)
Article
Eine Erklärung
Date
1903-12-11
Page
10 (sequence 1)
Language
German
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Seite 10 „Dm* & W^lt Nr. 50 Eine Erklärung. Herr Ussischkin, ein Mitglied des grossen Aktionskomitees und des Aufsichtsrates der Jüdischen Kolonialbank, führte vor kurzem öffentlich Klage gegen unseren verehrten Führer Dr. Herz 1 über die Nichtausführung eines Beschlusses betreffend die Bank. Dass Herr Ussischkin mit dieser Anklage öffentlich auftritt, noch mehr aber, dass er diese Anklage gegen Dr. Herz 1 und nicht gegen den ganzen Aufsichtsrat — also zum Teil gegen sich selbst—oder das Direktorium führt, beweist wohl, dass er durchaus nach einem Gegenstand zur öffentlichen Anklage gesucht hat und wohl schwerlich einen anderen gefunden hat. Falls eine derartige Unterlassung, wie sie Herr Ussischkin vorwirft, wirklich begangen worden wäre, so wäre es tatsächlich die Schuld des Direktoriums, und als Mitglied des Direktoriums halte ich es für meine Pflicht, Herrn Ussischkin und allen, die aus obigem Vorgehen alle möglichen Konsequenzen gezogen haben, eine kleine Aufklärung zu geben. Diese kommt etwas spät, weil ich die Absicht hatte, diese Erklärung im Namen des ganzen Direktoriums abzugeben. Leider sind aber einige der Direktoren auf weiten Reisen und sie würde sich noch mehr verzögern, wenn ich warten wollte, bis ihre Zustimmung kommt Diese Erklärung wird sehr kurz sein: § 3 unserer Statuten lautet seit langer Zeit wie folgt: III. Die Gegenstände, für welche die Gesellschaft gegründet wird, sind (folgt der Wortlaut des alten Statuts, dann): Abänderung, genehmigt durch Beschluss der ausserordentlichen Generalversammlung vom 17. August 1899, deren Mitteilung als Weisung an den Verwaltungsrat angeordnet wurde : Anstatt: „zu fördern, zu entwickeln, zu führen und zu betreiben Industrien, Unternehmungen und Ansiedlungspläne in Palästina, Syrien und in irgend einem anderen Teile der Weit" ist zu lesen: „Zu fördern, zu entwickeln, zu führen und zu betreiben Ansiedlungspläne im Osten, vorzugsweise in Palästina und Syrien; ferner zu fördern, zu entwickeln, zu führen und zu betreiben Industrien und Unternehmungen in Palästina, Syrien oder in irgend einem andern Teile der Welt etc/ Der Offizielle englische Text lautet: IIL The objects for which the Company is established are:— Alteration authorized by Resolution of the Extraordinary General Meeting of the 17th August, 1899, and ordered to be communicated as an Instruction to the Board of Directors: Instead of: «To promote, develop, work and carry on industries, undertakings and colonization schemes in Palestine, Syria, and in any other part of the world.'* It shall read: «TO PROMOTE, DE¬ VELOP, WORK, AND CARRY ON CO¬ LONIZATION SCHEMES IN THE EAST, BY PREFERENCE IN PALESTINE AND SYRIA; FURTHER TO PROMOTE DE¬ VELOP, WORK AND CARRY ON INDU¬ STRIES AND UNDERTAKINGS IN PA¬ LESTINE, SYRIA OR IN ANY OTHER PART OF THE WORLD, stc* Kommentare sind wohl überflussig. L i b a u. Dr. N. Katzen eis ohn Direktor der Jüdischen Kolonialbank. (The Jewish Colonial-Trust). Kischenew. Aus der „Zeit" vom 8. Dezember: Kischenew wird interessant, wenn man die halbeuropäischen Boulevards verlässt und die Vorstädte,1; die den grössten Teil der Stadt ausmachen, aufsucht. Wenn ich Kischenew als eine der grösseren russischen Landstädte bezeichnete, die sich alle einander gleichen, so muss ich heute diese Behauptung einschränken. Das Zentrum sieht wohl so aus wie die inneren Stadtteile Charkows oder Jekaterinoslaws, die Judenviertel dürften einzig dastehen ünd bloss mit den bessarabischen und podolischen kleinen Judennestern zu vergleichen sein, die allen Jammer, die Unsumme von Not, Elend, Armut, körperlichem Siechtum und Unreinlichkeit, kurz das ganze östliche Judenelend in sich bergen. Von einem lipowanisehen Kutscher, der auf sein vor die Kibitka gespanntes Pferd tapfer einschlug, liess ich mich eine Stunde lang durch Kischenews Judengassen fahren. Man mag diesen oder einen ähnlichen Haufen Elend noch so oft gesehen haben, immer aufs neue muss man von Ekel, Mitleid und Schmerz erfasst werden, wenn .man der ausgemergelten, notdürftig bekleideten, schlotterigen und gebückten Männer, der abgehärmten Weiber und der von Schmutz starrenden, halbverhungerten Kinder, die im Spiel „Erholung" suchen, Unsichtig wird. Elende, wirr durcheinander liegende Hütten von Backstein und Lehm, Läden, dicht aneinandergereiht, in denen undefinierbare Waren feilgeboten werden, in den Strassen lungernde, struppige, bis zum Skelett abgemageite bessarabische Hunde, feilschende Weiber, Soldaten und Bauern, johlende Betrunkene, die im abgrundtiefen Strassenkot stehend, sitzend und liegend wühlen — das ist das Milieu. Und diese Juden sind die Ausbeuter, gegen die sich der Zorn „Kruschewans" und derer um ihn kehrt. Ich lasse den Wagen an einer Strassenecke halten und frage nach dem durch Korolenko berühmt gewordenen Haus Nr. 13 in der Ulica Asjatzka. Zehn halbwüchsige Judenknaben erbieten sich gleichzeitig, mich hinzubegleiten .. . Ein Haus, wie alle anderen dieser Art, in der Asiatischen Gasse entschieden das stattlichste. Eot angestrichene Fensterrahmen verleihen ihm ein fast lustiges Gepräge. Geflickte Fensterscheiben. Aus dem Innern dringt ein Geräusch wie von fallenden Hobelspänen. Ein Blick in den Hofraum; ein blondgelocktes Mädchen von sechs bis acht Jahren scheuert am Hausgerät. Es ist Freitag nachmittag und der Sabbat naht heran. Was sagt das Haus? Hier begann das Plündern und Morden. Ich wende mich rasch ab, denn mich umstehen bereits zwei Dutzend neugieriger Bewohner dieser Gasse der Armut. Aufwärts geht es nun gegen das Stadtinnere zu. Dort, wo Asien in Halbasien übergeht und wo auch schon die halbeuropäischen Konturen sichtbar werden, trete ich in einen Tabakladen, Der Besitze!?,; ein Jude, frJagfc mich ver-

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