Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Article
- Die Gesetze Hammurabis
- Date
- 1903-12-11
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 50 Jfbi^ & weit11 Seite 9 auch die Bibelerzählungen in diesem Sinne umgedeutet. So haben auch: die alten Philosophen der . Schule P h i 1 o s getan, indem sie den Abraham als das Symbol des n Geistes des religiösen Fanatismus", Sarah als das der „Gerechtigkeit", der „Milde" u. s. w. auslegten. So verfuhr zum Beispiel in der letzteren Zeit der bekannte Historiker M a n f r i n, („Gli Ebrei sotto la dominazione romana"), der alle biblischen Erzählungen und Legenden auf den Kultus des „Ewig-weiblichen" zurückführte u. s. w. Alle diese Exegeten und Erklärer waren aber auf einem Holzwege. Sie haben eine falsche Methode angewendet, die der philologischen Kritik, des modifizierten Rationalismus. Dieser Weg' konnte nicht zum Ziele führen, konnte uns keine wissenschaftliche Erklärung, keine positive Beleuchtung der biblischen Tradition geben. Und da trat eine neue, eine unerwartete Wehdung in dieser ganzen Frage ein/ Als die uralten epischen Erzählungen der Bibel angezweifelt und abgeleugnet zu werden begannen, da traten die beleidigten Manen die hingeschiedenen Ahnen auf, Steine traten aus dem Schutt der Jahrtausende, um Zeugnis abzulegen für ihre Zeit, um den Lebenden über die Toten zu berichten. Die Keilschriftenlehre, die Aesyriologie bemächtigte sich der Bibelfrage. Und welche verblüffende Resultate haben diese halbverblichenen, in rätselhaften Zeichen beschriebenen Steine zu Tage gefördert. Unser geschichtlicher Gesichtskreis weitete sich aus, weit über die uralten Griechen, Juden, weit über die uns bekannten Kulturvölker, ein eisgraues Altertum öffnete uns seine Schätze. Datraten auf den Thontäfelchen vom Tell-el-Amarna die Spuren eines gewaltig pulsierenden Lebens in den damaligen Kulturländern Babylonien und Aegypten auf. Aus der Bibliothek des Assurbanipal, aus dem Grabstein des Königs Mesa von Moab, aus den altbabylonischen Inschriften von Hammurabi erstanden vor unseren erstaunten Augen neue Generationen, die vor Jahrtausenden gelebt und gedacht haben, die unsere Kultur geschaffen haben. Und noch weiter führt uns der Forsch er fleiss. Er zeigt uns die Spuren einer noch früheren, der babylonischen Kultur vorangehenden Kultur — der sumero-akkadischen. Ein altaisches Volk, aus Zentralasien stammend, sprachlich und anthropologisch mit den türkisch-mongolischen Stämmen verwandt, haben sich die Sumerierin uralter Zeit im Euphrattal niedergelassen und haben ihre unverwischliche Spur in der ganzen Geschichte des semitischen Vorderasien gelassen. Die Eiamiten, die Kossäer, diese in dem Pentateuch vielfach genannten Völker, gehörten zu diesem sumerischen Stamme, was trotz des Widerspruches Halevys, ich [mit Hommel vollständig akzeptiere. Und siehe, diese Sumerier beleuchteten uns ein gutes Stück biblischer Geschichte. Jedem von uns sind die Namen „Kodolaomer und Ariok* bekannt. Viele von uns hielten diese Namen für eine phantastische Erfindung, wie uns ja die ganze an sie geknüpfte Geschichte erschien. Und sieh/, da erweist sich aus den alten babylonischen Denkmälern, dass diese Persönlichkeiten wirkliche, lebendige und geschichtliche waren. Die Keilschriftforschuog kam und bewies, dass es in der Tat einen König Kudur-Lagamar gab, wobei Lagamar der Name einer alten sumerischen Gottheit war, Kudiir aber der übliche Name eines Königs wie zum Beispiel Küdur- Mabuk, Kudur-Nachundi (G. Smith), dass es in der Tat einen König Iri-Aku von Larsa-Eiassar gab (Rawlinson). Da kam die Entzifferung der alten minäischen Denkmäler und bewies, dass die Erzählung von Abraham und Melchizedek keine „tendenziöse Erfindung", noch eine „Mythe" ist, sondern eine historische Begebenheit. Die ganze Bibel erscheint uns in einem neuen Lichte. Und wenn wir die Geschicl^e der Genesis mit der babylonischen beinahe K - fr t?.i*ÖU Bnö^-ß^V«,;^- m-^-'. iV^fc.*, •< .vv ✓>.., identifizieren können, wenn wir m dem babylonischen Gilgamesh-Epos die ganze Sage der Sintflut, im Parnapishttm den biblischen Noah, im Eabani, im Adapa u. s. w. das ganze biblische Genesisepos erkennen, wenn wir dann die Sitten und Gebräuche der Bibel, die Form der Kleider, die Urim und Tumim, die den arabischen und babylonischen ähnlich sehen, wenn solche urbiblische Ausdrücke wie Kohen, Teruma, Thora, dem Babylonichen entlehnt oder aufs Haar ähnlich sind, dann wird uns der ganze Zusammenhang der orientalischen Kulturen klar, dann ist das Geheimnis der Bibel gelüftet. Hommel will zum Beispiel sogar den Namen Jahve schon bei den südarabischen Völkern, zu denen er auch die alten Hebräer rechnet, finden. Er sagt an einer Stelle seines Buches über „die altisraelitischen Ueberlieferungen im Lichte der Keilinsehriffcen", dass das Wort „Jahve" eine araoische Form des Wortes „jijhe", der „Seiende" ist, wie zum Beispiel das arabische Jamluk" anstatt ,;jimloku (er wird herrschen.) Jedenfalls ist der kausale Zusammenhang aufgefunden worden, die Geschichte Israels hat ihren .Nimbus" verloren, hat aber an Natürlichkeit, Verständlichkeit, Geschichtlichkeit gewonnen. Aus dem ganzen Reichtum der Urkunden, die der unermüdliche Fleiss der Assyriologen an den Tag gebracht hat, wollen wir eine herausgreifen, die alle übiigen an Bedeutung und kulturellem Wert überragt. Ich meine die GesetzeHammurabis. FriedrichDelitzsch hat mit diesem Namen viel Staub aufgewirbelt. Unsere orthodoxen Rabbiner sind über ihn hergefallen, weil er der Geschichte zu ihrem Rechte verhelfen wollte. Ich weiss nicht, was den Ausführungen Delitzschs so viel Feind* schaft zugezogen hat, aber das weiss ich wohl, dass er, abgesehen von dem überschwänglichen Lobe Hammurabis* von der unbegründeten Behauptung, das jüdische Recht wäre aus Babylon entlehnt, vollkommen im Rechte war. Und sie ist sehr kennzeichnend, uiese Aufregung der Rabbiner gegen ihn. Wer ist nun dieser Hammurabi und was leistete er? Es war in den alten Tagen Babylons. Die Sumerier hatten nicht mehr die Herrschaft über das gesamte Land des Euphrattales besessen, die Nordsemiten, die eigentlichen Babylonier, die Elamifen und viele andere Völkerschaften kämpften um die Vorherrschaft. Es war eine Verwirrung, ein Turm von Babel. Es kämpften die Menschen um Herrschaft, und auch die Götter. Da kamen die südarabischen Stämme aus der Wüste und brachten neues Leben in das Land, führten frisches Blut dem Volke zu. Eine Reihe von Königen begann die Vereinigung der verschiedenen Völkerschaften unter der Herrschaft Babels. Und diese Arbeit der Uoifikation vollzog der grosse König Hammurabi, der Hammu-rapaltu der Inschriften, der Amraphel, König von Sinaar, der Bibel. Er besiegte alle Stämme und machte sie der^babylonischen Krone botmässig. Er besiegte alle Götter und stellte an die Spitze des Pantheons den Lokalgott Babels, Marduk, der darin auch mit In-Lil-Bel identifiziert wurde. (Vgl. M. Jastrow : Religions. of. Bab. and Ass. 1898.) Hammurabi, Sohn von Sinmubalit, war ungefähr der fünfte der babylonischen Könige der neuen südarabischen Dynastie und regierte 55 Jahre, d. h. 2394—2339 (Oppert), 2287—2232 (Delitzsch), also ungefähr 2000 Jahre vor der üblichen Aera- Und dieser Hammurabi hat eine der grössten Kulturtaten vollbracht. Er hat das ganze Ergebnis der früheren Kultur, der Rechts- und Lebensverhältnisse, wie sie in den berühmten sumerischen Famüiengesetzen, i n anderen vielleicht ungeschriebenen Traditionen] des Orients enthalten^waren, kodifiziert, ihnen eine genaue, bestimmteForm verliehen. (Fortsetzung folgt.)