Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Article
- Ein Rabbiner als Prediger in der Christenkirche
- Date
- 1903-12-11
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „bi* & W*lt Nr. 50 habe es infolge meiner mangelhaften, diesbezüglichen Erziehung nie gelernt. Vom Vereinspräses aufgefordert, ergreift nun Dr. Kecskemeti das Wort. Der reine Gottesglaube war das Hauptbestreben der Propheten, klang es in der Rede, und alles andere sind blosse Zutaten. Alles Leitmotiv jedoch war immer der Gedanke, dass der Gottesglaube alles sei und Unitariertum und Judentum eins seien. Es war dies der Eindruck, den die, übrigens formvollendete und in poesiereicher Sprache gehaltene Redeauf die meisten Zuhörer machte, und behalten wir uns noch ein näheres Besprechen derselben vor, wenn sie bereits in Druck erschienen sein wird. Der ganze Vorfall jedoch ist Assimilation in ihrer letzten, äussersten Konsequenz. Uns Juden passt Intoleranz allerdings am wenigsten, aber deshalb ist es nicht notwendig, dass der jüdische Rabbiner in der christlichen Kirche den Unitarismus dem Judentum gleichstellt. Muss denn überhaupt ein Vortrag des Rabbiners über ein jüdisches Thema vor 95 Prozent Juden in der christlichen Kirche abgehalten werden, oder glaubt etwa der Herr Oberrabbiner dadurch Mission fürs Judentum zu leisten? Es ist wohl kaum zweifelhaft, dass, wenn heute Juden und Unitarier zuerst das eindrucksvolle, glaubenserfüllte Gebet des unitarischen Geistlichen und darauf die tiefe Verneigung des Rabbiners vor dem fremden Glauben und seine Worte hören, dass die Gesetzesvorschriften in seinem Glauben bloss menschliche Zutaten sind, die Bilanz nicht zugunsten des Judentums ausfällt. So wird auch wahrscheinlich der Effekt des Vortragsabends sein, dass einige Juden — zum Unitariertum übertreten. Unwahr ist es aber, dass Judentum und Unitariertum gleichwert seien. Den andern Glauben können und dürfen wir wohl achten, aber unser Judentum ist uns heilig und einzig auf der Welt. Dann wären ja unsere Ahnen Narren gewesen, dass sie nicht vor Jahrhunderten den Unitarismus angenommen und so die Judenfrage aus.derWelt geschafft hätten. Doch dieser Fall lehrt uns wieder, wie innig mit der Religion der jüdischnationale Gedanke, der Zionismus, verbunden sein muss. Bloss der Assknilant, der in der jüdischen Religion eine Sammlung von Gottesglauben und anderen Zutaten erblickt, nicht aber weiss, dass sie mit der jüdischen Nation, auf das innigste verbunden ist, kann sie mit einer anderen Religion vergleichen. Wir aber, die wir in jeder religiösen Vorschrift einen Abglanz unserer tausendjährigen Geschichte sehen, wissen, dass wir nicht deshalb der jüdischen Religion angehören, weil und so lange sie besser oder gleich ist der unitarischen, sondern weil wir sie als Juden von unseren Vätern ererbt haben, wissen, dass wir Juden sind, ohne uns den Kopf zu zerbrechen, wie viel die anderen Religionen wert sind. Das überlassen wir den Assimilanten, die vielleicht bald sich einen neuen „besseren" Glauben suchen werden, wie sie bereits statt der jüdischen neue „bessere44 Nationalitäten erworben haben. Max Nordaus Wort findet wieder eine Begründung: „Das Judentum wird zionistisch sein, oder es wird nicht sein!'1— Lavoslav Schick. Entwicklung. Als Boche r im Galizierland War gerad' er wie 'ne Pappel, Jetzt trägt er den Zylinderhut — Und Peies nicht und Kappel. Und langsam senkt sein Rücken sich Zum Buckel hin — zum breiten: Was ein Reformrow werden will, Das krümmt sich schon beizeiten. —Oih— Aus dem BSchleiniltt. Die Gesetze Hammurabis. Von A. Coralnik. Der berühmte französische Abbat S i e y e s sagte einmal: „Die Gegenwart durch die Vergangenheit erklären wollen, heisst soviel, wie ein Bekanntes durch ein Unbekanntes zu erklären*. Diese Worte sind der typische Ausdruck der Anschauung^ die das rationalistische achtzehnte Jahrhundert über das Leben, das gegenwärtige und das ververgangene hatte. Das neunzehnte Jahrhundert hat die Worte des geistreichen Abbe zu Schanden gemacht Der Rationalismus wurde aus allen Wissensgebieten verdrängt, um dem Historizismus Platz zu machen. Anstatt alle Ereignisse mit dem Massstabe der menschlichen Vernunft zu messen, anstatt die Geschehnisse auf ihren gedanklichen Gehalt zu prüfen, anstatt die Geschichte mit den Kategorien der Vernunft zu beurteilen, hat man begonnen, die Kategorien der Ursächlichkeit, der Verknüpfung zu gebrauchen. Man begann alles nicht als ein Seiendes, sondern als ein immer Werdendes, nie Anhaltendes zu betrachten. Alles, sogar die menschliche Vernunft mit ihren Satzungen, die menschliche Gesellschaft mit ihren Institutionen. Und es ist selbstverständlich, dass dem scharfen Späherauge der Pfadfinder der Geschichte auch die Religion nicht entging. Sie scheuten sich nicht, auch an diese feste Burg des starren Dogmatismus und des naiven Rationalismus zu klopfen, und auch hier vernahmen sie denselben Tom den Ton des Werdens, den rauschenden Ton des fliessenden Lebens. Durch den Wald der starren Dogmen sahen sie das noch frische Pulsieren des ursprünglichen religiösen Lebens, und an manchen verknöcherten Skeletten konnte man noch ihren embryonalen Aufbau erkennen. Es begann die Periode der religiösen Kritik. Vor allem die der Bibel, dieses „Buches der Bücher*, die Bibelkritik, — Schon in der 2. Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts behauptete der französischeLeibarzt Jean Astruc (1753), dass dieBibel nicht ein homogenes Ganzes darstelle, sondern aus verschiedenen Texten zusammengesetzt und verarbeitet sei. Seinen Spuren folgten auch andere Bibelforscher, von denen die berühmtesten Namen die von de Wette, Graf, Kuenen, Ewald, Wellhausen sind. Durch Vergleiche von verschiedenen Texten, durch die Aneinanderstellung der verschiedenen Bibelübersetzungen des Altertums, also der aramäischen und der griechischen, der Septuaginta, durch Umstellungen und Einschaltungen von Worten und Sätzen, gelangten diese Forscher zu einer eigentümlichen und grundverschiedenen Erklärung der Bibel, und sich auf ihre Hypothesen stützend, wollten sie auch die ganze Geschichte des jüdischen Volkes und der jüdischen Tradition rekonstruieren. Am weitesten ging der radikalste Forscher au* diesem Gebiete, Wellhausen. Da wurde an den einzelnen Sätzen und Worten in der Bibel eine subtile Analyse geübt, es wurde herumgedeutet und herumgekrittelt und den einfachen, lapidaren Sätzen des grauen Altertums hat man Ansichten und Anschauungen unterschoben, die ihnen ganz und gar fremd waren. Die ganze Bibel wurde — und wird auch jetzt — als eine mehr oder weniger tendenziöse Dichtung der Priester dargestellt, das eigentlich Echte wäre nur der sogenannte Priestercodex Alle Erzählungen der Bibel wurden als tendenziöse Erdichtungen erklärt. So zum Beispiel hat einer der bedeutendsten der Bibelforscher, Theodor Nö 1 d ek e, im Jahre 1867 in seinen „Untersuchungen zur Kritik des alten Testamentes" die Geschichte von der Begegnung Abrahams mit Melchizedek (Gen. 14 K.) als eine „tendenziöse Erfindung einer späteren Zeit, wenngleich einer vorexilischen* erklärt. Andererseits haben viele andere Forscher, von der allgemeinen Anschauung über das Wesen .der Religion als einer verkleideten Naturmythe aus^£nend>