Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Article
- Auch ein "Feind" des Zionismus
- Date
- 1903-12-11
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 50 „Di* <* Welt" Seite 7 genug, ihre Brüder (?) ins Verderben zu führen. Ich habe Lust, darüber ein ganzes Buch zu schreiben, das das Verhalten Ihrer Regierung vollständig rechtfertigen würde, doch ohne Ihre Unterstützung vermag ich es nicht, wie Exzellenz Graf Cassini bestätigen wird. In aller Devotion S. W i n e r. Der. Schreiber dieses Briefes heisst nicht S. Winer, sondern S. Wiener, und ist der Vater des bekannten Prof. Leo Wiener, Lektors der slavischen Sprachen an der Harvard University. S. Wiener ist ein Mann von beinahe siebzig Jahren, mit langen grauen Haaren und einem weissen Barte. Seiner Beschäftigung nach ist er Lehrer und Uebersetzer aus fremden Sprachen. Als einer der Redakteure der „World" zu ihm kam und ihm den Brief vorzeigte, hielt ihn Wiener für einen russischen Agenten und gestand, dass der Brief von ihm herstamme. Es begann zwischen ihnen folgendes Gespräch: „Sie deuten an, Informationen an die russische Regierung bezüglich der Zionisten dieser Stadt oder anderer Orte verkaufen zu können. Wie sind diese Informationen geartet? Was haben Sie zu verkaufen?" — „Alles, alles. Ich weiss alles, was sie machen/' „Und welche Belohnung erwarten Sie für diese Information?" — „Ich habe es doch in meinem vorigen Briefe an Cassini klargelegt." „Cassini hat vielleicht davon v. Plehwe nicht in Kenntnis gesetzt." — „Ach, so, Sie kommen von Plehwe? So, so, dann wissen Sie es nicht." — „Was haben Sie an Cassini geschrieben und was erwarten Sie zu verdienen?" Mit einem gierigen Blick antwortete Wiener: „Geld! Ich bin ein armer Mann." „Welchen Beweis können Sie erbringen, dass Dr. Nordau im Solde der britischen Regierung steht?" — „Ich weiss es. Er ist mein Verwandter. Das Hauptquartier der zionistischen Verschwörung ist nicht hier. Es ist in Paris, und Dr. Nordau ist der Chef." „Ist Dr. Nordau Ihr Verwandter?" — „Ja, er ist von meinem Stamme. Ich kenne die Geheimnisse. In meinem Buche werde ich die russische Regierung wegen ihrer Behandlung der Juden rechtfertigen. Ich habe unter ihnen gelebt. Ich war dreissig Jahre in Russland. Ich kenne diese Leute. Ich war hier zehn Jahre." „Welche Unterhandlungen haben Sie mit Cassini gepflogen?" — „Das werden Sie von ihm erfahren. Früher kann ich nichts mehr sagen. Ich werde Sie heimlich wiedersehen, nachdem ich mit ihm oder mit seinem Vertreter Hansen gesprochen habe. Wir müssen vorsichtig sein. Ich kann nichts mehr sagen." Derselbe Wiener war bis zum Jahre 1900 ein eifriger Zionist und war sogar eine Zeitlang Mitarbeiter einer zionistischen Zeitung in New-York, die von Dr. M. Singer herausgegeben wurde. Plötzlich wurde er ein wütender Gegner des Zionismus und richtete, wo er nur konnte, schmähliche und giftige Verleumdungen gegen die Zionisten. Eine dieser Schurkereien ist sein Artikel vom 6. September in einer deutschen New-Yorker Zeitung unter dem Titel „Das zionistische Sibirien". Dieser Artikel, der gegen * das Ostafrika-Projekt polemisierte, wurde vom Autor auch dem nissischen Minister v. Plehwe zugeschickt..... Die New-Yorker Zionisten sind empört über eine solche bodenlose Schurkerei. Dass die Artikel und die Denunziation des Wiener keine Bedeutung haben, ist selbstverständlich, es ist aber eine furchtbar traurige Tatsache, dass auch noch jetzt und sogar auf dem Böden^der Renaissance-Idee des jüdischen Volkes, solche tückische Lumpen, solche hässliche Früchte des Gorslebens gedeihen können. — Die „World" benützt diese Gelegenheit, um unsere Bewegung und ihre Führer zu loben und in das richtige Licht zu stellen. Es ist selbstverständlich, dass dieser Wiener, der eine schwunghafte Fabrikation von Bettelbriefen betreibt, mit keinem unserer Führer in irgendwelcher Verbindung stand oder steht. Ein Rabbiner als Prediger in der Christenkircho. Budapest, 5. Dez. 1903. Samstag den 5. Dezember abends veranstaltete die unitarische Ferencz-David-Gesellschaft in der hiesigen unitarischen Kirche eine Festversammlung. Orgel- und Violinpiecen, Lieder und Gedichte, Gebet und Vaterunser waren auf dem Programm und daneben als great attraction ein Vortrag Dr. Kecskemeti Lipot's, Oberrabbiner von Nagyvärad (Grosswardein), über die „Epoche der Propheten". Die Budapester unitarische Gemeinde ist nicht gross und zählt nur wenige hundert Seelen. Im zweiten Stocke eines Fabrikshauses besitzt sie einen Betsaal. Einfach und schmucklos ist derselbe, ohne Bilder, ohne Altar, ohne Kruzifix, mit schlanken, in die Höhe schweifenden Säulen, und wir glauben uns in einem jüdischen Tempel zu befinden. Allerdings in einem „modernen", denn Kanzeil und Orgel sind da. Bald bemerken wir vollends unseren Irrtum, fehlt doch die Bundeslade, denn „die Thora, die uns Moses gab, ist ein Eigentum Israels" und darum hat sie keinen Platz im der unitarischen Kirche. Aus Schottland nach Siebenbürgen verpflanzt, hat sich der unitarische Gedanke, trotzdem er von Katholiken und Reformierten gleich heftig angegriffen wurde, durch die drei Jahrhunderte seines Bestehens unerschüttert erhalten. Nicht nur in der Einfachheit des Gotteshauses, sondern auch in der Glaubenslehre sind sie dem Judentume näher gekommen- und in dem Streben nach Licht und Wahrheit ist sogar eine Sekte unter ihnen, die siebenbürgischen. Sabbatarier, nach langen Kämpfen und schweren Verfolgungen 1848 zum Judentum übergetreten. Heute denken, die Unitarier nicht im Entferntesten an einen Uebertritt ins Judentum, denn wenn itaen auch die hehre Lehre desselben, der Glaube an einen einzigen Gott gefallen würde — die heutige Klebepolitik der Judenheit lockt niemanden wie einst zum Uebertritt ins jüdische Lager. Uebrigens braucht das Judentum keine Proselyten — mögen die Unitarier also nur bei ihrem geläuterten Christentume bleiben! Die, Kirche war um 6 Uhr abends überfüllt. Es waren bei 800 Personen anwesend, zur Hälfte Damen, und vielleicht 40 Unitarier, sonst lauter Juden, Rabbiner und Professoren, Studenten und Advokaten, Kaufleute und Fabrikanten, die Leopoldstädter Damenweit — noch nie gab es so viele Juden bei den Vorlesungen der ungarischen israelitischen .Literaturgesellschaft wie hier in der unitarischen Kirche. Die Idee Dr. Kecske.me.tis ist eigentlich nicht so schlecht und. wird wohl Schule machen. Statt dass die modernen Assimilationsrabbiner vor leeren Bänken in den Tempeln predigen, sprechen sie in der Versammlung irgend eines ad hoc gegründeten christlichen Vereines, notabene wenn derselbe für solche Dinge seinen Namen hergibt. Die nötige Auswahl ist nicht so schwer, denn ausser den Unitariern gibt es noch Maroniten, Kopten, Syrier, Nestorianer, Mormonen, Baptisten, Duchohorzen etc. Je exotischer, desto besser, und der Herr Doktor findet so zu seiner Predigt jüdisches Publikum. Der musikalische Teil des Prograrnimes ist erschöpft und der unitarische Geistliche Jözan besteigt die Kanzel. Ein Gebet in einfachen schlichten Worten an den Allmächtigen, er möge uns alle in einen Glauben führen, lehrt uns, dass wir nicht etwa bei einem blossen Vereinsabende sind, sondern in einer christlichen Kirche, in einer kirchlichen Versammlung. Hierauf betet er laut das Vaterunser und wir beten es andächtig mit — doch nein, ich kotfhfe es nictit beten, denn ich