Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Article
- Der Zionismus und seine Gegner
- Date
- 1903-12-11
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Ei* $ W^lt11 Nr. 50 hassen und lieben sollten, da müssten gerade die Juden verehrt werden, da die jüdischen Vorzüge die jüdischen Fehler und — was noch mehr ist — manchmal arische Vorzüge weit übertreffen. Diejenigen aber, die wirklich keine Abneigung gegen Juden hegen, trennt von ihnen die völlige Unkenntnis der jüdischen Gefühlswelt und Denkungsart. Wenige, leider nur sehr wenige von uns, erfahren es mit der Zeit, dass, wenn man ein guter Christ sein will, man vorerst ein wenig Jude werden muss. Man muss unter, Juden gehen, ihren Geist, ihre Seele kennen und begreifen lernen und sich an ihnen in vielen Beziehungen ein Beispiel nehmen. Bei jenen, die ihr Wille oder ein Zufall in enge Judenkreise bringt, weicht bald der Hass der Liebe, die Verachtung der Bewunderung, und den grössten Nutzen haben sie selbst davon» weil sie dadurch von niedrigen, eines, intelligenten Menschen unwürdigen Gefühlen befreit werden- Diese Wenigen nun blicken mit tiefer Scham und schmerzlicher Empörung auf das Denken und Handeln ihrer Brüder, wobei sie zur Ueberzeugung; kommen, dass es wohl besser sein mag, der Verfolgte als der unfreiwillige Genosse des Verfolgers zu sein. Diese Schändlichkeit, die man Antisemitismus nennt, hat mehrere Ursachen, doch keine ist tief genug, um sie zu rechtfertigen. Und wenn man bedenkt, dass Judenhass die Menschen so weit gebracht hat, dass sie Verständnis- und mitleidslos den qualvollen Tod des jüdischen Volkes verursachen und ansehen konnten, dann hört man auf darüber zu staunen, dass nun auch dessen glänzende Wiedergeburt weder ihr Verständnis, noch ihre Teilnahme erwecken kann. Diese Teilnahmslosigkeit ist noch immerhin besser, als der Versuch einiger Zeitungen, der anlässlich des 6. Kongresses unternommen wurde, den Zionismus als utopistisch, lächerlich und, o Graus! konservativ zu brandmarken. Utopistisch ist die zionistische Partei nur so weit, wie jede Partei, die um ein Ideal kämpft; lächerlich finden kann sie nur derjenige, der die Grösse ihres Gedankens nicht begreift und konservativ schelten kann sie nur jener der im fortschrittlichen Eifer vergisst, dass der Zionismus an und für sich weder fortschrittlich, noch konservativ sein kann. Denn, was erstrebt der Zionismus? Eine rechtlich gesicherte Heimstätte für die Juden. Dieses Streben teilen kann der Fromme und Freidenker, der Freisinnige und Fanatiker, der Ultramontane und Sozialdemokrat. Es fragt sich, welche von diesen Elementen bei Erreichung dieses Zieles am stärksten vertreten und folglich Sieger sein werden? Und die Antwort darauf ist sehr einfach : Die Konservativen werden in d e m Fal 1 e si e g en, wenn die aufgeklärten Juden es vorziehen werden, fremde Völker, statt das eigene zu belehren. Leider zeigen die Juden einen ausgesprochenen Hang dazu und bilden auf diese Weise die jüdische Gegnerschaft des Zionismus, die demselben viel verhängnisvoller wird, als die Feindseligkeit öder der Gleichmut der Christen. Letzteres ist nur bedauerlich, ersteres direkt schädlich. Und doch haben wahrhaftig die Juden, welcher Geistesrichtung sie auch angehören mögen, keine Ursache, dem Zionismus abhold zu sein. Die zionistische Bewegung vermag jedermann und allseits zu befriedigen. Die Feindseligkeit dieser Bichtung gegenüber kann man nur den Reichen nachfühlen, aber in der jüdischen Lehre sind schon seit uralten Zeiten Reichtum mit Egoismus, Armut mit Gottgefälligkeit veranschaulicht. Die Zionistenführer wandten sich auch vorerst und hauptsächlich an die Armen und dabei konnten sie freilich nicht erwarten, gerade bei denjenigen ^uden ^uf Widerstand zu stossen, deren Wirken der Abschaffung der Not gewidmet ist und die jedes Elend verstehen, ausgenommen das jüdische. Man ist versucht zu glauben, das Schicksal des jüdischen Volkes sei es, dass all seine Grösse, sein Edelmut und seine Aufopferungsfähigkeit denen zu Gute kommen, die sie hassen und verfolgen. Ein Mensch nun, der aus Eigennutz nicht hilft, ist abstossend, ein Mensch aber, der Blut und Schweiss in falscher Arbeit schwitzt, ist bemitleidenswert, wenn nicht gar lächerlich. Und ein bisschen lächerlich sind jene, die der Konservatismus im Zionismus schreckt, und die ausserhalb desselben jene Iieen verbreiten und verwirklichen wollen, die im Herzen auch jener Juden, die den ältesten Lehren und Bräuchen anhängen, . — dank eben diesen Lehren — tief eingewurzelt sind. Diese Herren, die Knechtschaft und Sklaventum bekämpfen, leisten selbst die grösste und ausgeprägteste Sklavenarbeit, denn die Allgemeinheit, der sie dienen, ist inihrem Falle ein Herr, der sie auf Kosten ihrer nationalen Individualität schamlos ausnützt und mit gelegentlichen Peitschenhieben entlohnt. An diesen ihren Herrn sollen sie die stolze Forderung stellen: Gleiches Recht und gerechte Entlohnung! Diese Forderung heisst — der Zionismus! Ist diese Forderung nicht vollkommen gerechtfertigt und demokratisch genug? Der Zionismus ist eine der grössten und erhabensten Bewegungen, die je die Menschen erfassten. Er hat den seltsamen Vorzug, nichts zu stürzen, nur zu bauen, niemand zu bekämpfen, nur zu sammeln. Er ist eine Kraftprobe der Menschen und zeigt, was pauch der Aermste und Schwächste vermag, wenn ein Ideal und ein festes Ziel ihm vorschweben. Er befriedigt schliesslich auch die Judenhasser und ist die allerchristlichste oder wenn man will, die allerjüdischeste, sicherlich aber die edelste Antwort, die man auf Jahrhunderte währende Verfolgungen geben kann. Den Juden bietet er Gelegenheit zur würdigsten, weitgehendsten und idealsten Betätigung und uns Christen die letzte unschätzbare Möglichkeit, einen kleinen Teil der grossen Schuld abzutragen, die wir der Judenheit gegenübertragen, indem wir ihnen in ihrem letzten schweren Kampfe um die Erlangung ihrer Heimat behilflich sein können. Auch ein „Feind" des Zionismus. Die folgende heitere Lumpengeschichte entnehmen, wir zur Belustigung unserer Leser einem amerikanischen Blatte, das sie in einer für den Urheber wenig schmeichelhaften Weise berichtet. Die New-Yorker Zeitung „The World" erzählt in der Nummer vom 26. November unter dem Titel „Ein Angebot, die angeblichen Pläne der Zionisten an Russland zu verkaufen" dass sie in den Besitz eines Briefes kam, der von einem gewissen S. Wiene r an den russischen Minister des Innern v. P I e h w e gerichtet wurde. ,,Der Brief war deutsch geschrieben und trug bereits den Stempel des russischen Ministeriums. Er lautet folgendermassen; New-Yo rk, 27. August 1903. 160. E„ 82. Str. Exzellenz! Mehrere Monate sind bereits verflossen, seitdem ich Sr. Exzellenz Grafen v. Cassini, dem russischen Gesandten in Washington, meine Ansichten über das rabbinische Judentum und den Zionismus unterbreitete und meine Dienste anbot zur Bekämpfung dieser Gefahr und zur Aufdeckung dieses Weltschwindels. Der Verlauf der Ereignisse müsste Ew. Exzellenz belehrt haben, wie recht ich hatte. Der Zionismus ist ein ploitisches Experiment Englands und Dr. Herzi :;<up4 Dr. Nordau. hancieki in t englischem! Solde..,.Ais es ihnen rtnit Palästina nicht gelang, haben sie sich auf einen Exodus ii^eh Afrika geeinigt, und genannte Führer sind gewissenlos