Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Article
- Modernes Makkabäertum
- Date
- 1903-12-11
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316070-3339688--45011-3339785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 „bis $ W^lt Nr. 50 ausdehnen, wollten sie sich neue Provinzen erobern? Seit den Tagen Salmanassars von Assyrien undNebukadnezars von Babylonien haben unsere Vorfahren keine Machtgelüste mehr genährt. Sie waren zufrieden und froh, unter der Oberhoheit der Perser, der Makedonien der Aegypter und syrischen Griechen selbständig und frei in ihrer Schalten, ruhig und unangefochten den Idealen ihrer sittlichen Lehre, ihrem Gotte zu leben. Da kam der syrisch-griechische König Antiochos IV., der sich Epiphanes nannte und ihnen befahl, ihre Lebensweise, ihre Sitten und Bräuche, ihre reine und heilige Sittenlehre, ihren Gott, mit einem Wort, ihre Nationalität aufzugeben, um sie mit den Unsitten, Lastern und Greueln der damaligen hellenistischen Welt zu vertauschen. Das war aber noch nicht das Schlimmste. Es fanden sich in der Mitte und im Schosse des jüdischen Volkes selbst feige und feile Subjekte, die sich dazu hergaben, die Werkzeuge dieses schmachvollen Befehls zu sein. Da entbrannte der heilige Zorn der freien jüdischen Männer und Frauen. Sie zogen dieser Schmach den qualvollen, grausamen Tod vor. Siegen oder sterben wurde ihre Parole und sie siegten. Judaismus und Hellenismus gerieten also mit einander in einen Kampf, der nur zur Vernichtung Judas, so schien es, aber nicht zu der des weitverbreiteten und weitverzweigten Hellenismus führen konnte. Und doch blieb Juda Sieger, doch triumphierte das kleine Häuflein der Makkabäer über die unzähligen Scharen der Griechen. Ganz dasselbe Drama spielt sich in unseren Tagen ab. Eine erschreckend grosse Zahl unserer Volksgenossen ist feige genug, ihre jüdische Abstammung — ihre Abstammung von eben den Makkabäern, die wir heute feiern, ihr innerstes jüdisches Fühlen um nichtigen, vergänglichen Tand verleugnen zu wollen. Wenn aber die Abtrünnigen vor zweitausend Jahren von ihren nichtjüdischen Bedrängern zu ihrem schmachvollen Tun direkt gezwungen wurden, so befinden sich die Assimilanten unserer Tage gar oft in entgegengesetzter Lage. Nicht sie werden von der Umgebung zur Assimilation gedrängt, sie drängen sich der nichtjüdischen Umgebung auf. Es gesellt sich zum Tragischen das Komische. Denn solche Aufdringlinge, solche Kriechlinge müssten verlacht, verspottet werden. Und wir hätten solchem Anblick gegenüber wirklich lachen müssen, wenn nicht die Ursache solchen Lachens über eigene Stammesgenossen der traurigste Grund zum Weinen wäre. Aber weder weinen, noch lachen, sondern arbeiten wollen wir. Wir wollen wie Männer kämpfen für unser Volk, ringen um die Wiederherstellung unserer nationalen Ehre. Denn uns Zionisten fällt in der modernen Zeit die Aufgabe der Makkabäer zu! Und jüdisch-modern sind auch die Waffen, die wir gebrauchen: Die hingebende, unermüdliche Arbeit, die Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit Die ewigen jüdischen Ideale der Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit sind uns Wehr und Schild und mit solchen unwiderstehlichen Waffen werden wir siegen müssen! Chanuka. Dämmerstunde, Wolkenschleier Hüllen noch die Sterne ein. Wart ein Weilchen — und die Stube Wird voll sanfter Sterne sein. Vater zündet Licht um Lichtlein Der Menorah zärtlich an, Und die Kinder schaun befangen, Wie in einem Zauberbann. . ♦ . Kleine Lichtlein, grosse Taten. — Ob es Kinder auch versteh'n? — Warte — diese Dämmerstunde Wird einst leuchtend aufeisteh'n* M. S eh e r I a g. Jüdinnen! Ihr seid der Stolz unseres Volkes. Nicht nur, weil die Dichter Eure Mädchenschönheit in allen Sprachen umschmeichelt haben; nicht nur, weil Ihr unter den Frauen und Müttern den Lorbeer besitzt; sondern vornehmlich deswegen, weil Eure Gedanken hoch und Eure Empfindungen edel sind. Denken und Fühlen seiner Frauen rtift unser Volk mit einer Bitte an. Sie ist so gross wie Euer Ruhm. Sie ist so ernst, wie unsere Zeiten. Das jüdische Volk bittet Euch, für eine wichtige Seite seiner Zukunft Sorge zu tragen. Welches ist diese Zukunft und wo der Platz für Euere Arbeit? Zur Erklärung soll ein Auszug vorausgeschickt werden aus einem Kapitel, das viele Bücher und viele Gräber füllt. Es ist das Kapitel vom Judenelend: Da ist die tolle Grausamkeit des Schicksals gegen die Millionen unserer russischen Brüder; schaut nicht auf den kleinen Mörder, den Kischenewer Russen — den Hungertyphus fasst ins Auge! Folget seinen Spuren hinüber auch nach Rumänien, wo er anfing, als man den jüdischen Handwerkern die Werkstätten schloss. Da ist endlich Galizien. In den Löchern östlicher Juden quartiere ist die Fahrkarte über See die Lebenssehnsucht, das grosse Los. In hastender Flucht machen sich täglich neue Scharen von Auswanderern auf den Weg unter den neidvollen Blicken des zurückbleibenden, weil kraftlosen Elends. Zehntausende wandern aus, hundertmal soviel bleiben. Und wie jener Schlange des Herkules erwachsen der Judennot für jeden entschwundenen Kopf zwei neue — ein Schrecken ohne Ende. Diesen Verhältnissen gegenüber ist die Lage der Juden in den Kulturstaaten noch eine gute zu nennen, wiewohl der bürgerliche Tod ihnen schon unheimlich viele Vorboten geschickt hat. In jedermanns Erinnerung ist noch die Atemlosigkeit, mit der man seinerzeit nach Rennes herüberlauschte, wo die gerechte und die antisemitische Welt ihre Kraft an den Hintermännern des Kriegsgerichtes über Dreyfus massen. Sieger blieb auch hier der Sieger von Konita, von Polna und vielen anderen Orten, die erst durch ihre Juden berühmt wurden. Auch im Westen ist der lautere Antisemitismus der kleinere. Der stille, der die jüdischen Geschäfte verödet, Gesetze gegen den Handel schafft und die Gesellschaft in eine jüdische und eine hasserfüllte christliche teilt, ist der beiweitem gefährlichere. Die Kündigung der Gerechtigkeit für die Juden ist eine allgemeine. Selbst die grossen Traditionen Englands und Amerikas hinderten diese nicht, die Reihe der Staaten zu schliessen, die alle, jetzt Gesetze gegen jüdische Einwanderung besitzen. Ein steter Zug zum Wandern wirkt in der Judenheit. Die vom äussersten Osten flüchten nach dem äussersten Westen. Im übrigen Europa ziehen sich die Juden in den grösseren Städten zusammen. Alle tun es, um den besseren Erwerb zu suchen. Alle finden neue Herren mit neuen Launen. Ei gibt aber einen Weg zum Glück abseits der Knechtschaft. Wir werden von niemandes Gunst abhängen, wenn wir von der Erde den Lebensunterhalt verlangen, den uns die Menschheit so spärlich gewährt. Von einer für