Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-12-04 · 49 (4.12.1903) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
49 (4.12.1903)
Article
Die Dreyfus-Affäre
Date
1903-12-04
Page
9 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316069--44831-3339583
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 49 „bis & W^lt" Seite 9 Die Dreyfus-Affäre« Die „Agence Havas" meldet: Das Revisionsgesuch des Exkapitäns Dreyfus wurde dem Justizministerium am 26. v. M. überreicht. Es heisst, dass gewisse von Dreyfus angeführte Tatsachen einige dem Dossier entnommene Umstände, die Kriegsminister Andre seinerzeit dem Justizminister mitgeteilt hatte, bekräftigen. Anlässlich der bekannten Interpellation Jaures' gab Kriegsminister Andre die Absicht kund, persönlich die Akten der Affäre zu prüfen. Das Resultat dieser Prüfung habe nun Andre dem Justizmimster übermittelt. Die von Andre festgestellten Umstände sollen angeblich ziemlich schwerwiegender Natur sein, da sie den Justizminister bestimmten, sie der Revisionskommission vorzulegen. Ueber den Inhalt des Gesuches Dreyfus' ist noch nichts bekannt geworden, doch will man wissen, dass Kriegsminister Andre in den Akten des Kriegsministeriums Dokumente von mehr als zweifelhafter Authentizität gefunden, ferner Spuren gewisser Machenschaften aufgedeckt habe, deren man sich 1897 oder 1898 im Kriegsministerium bedient hätte, um gewisse Aktenstücke oder wichtige Tatsachen zu verheimlichen; endlich sollen Andre vom früheren Archivar Gribelin schwerwiegende Enthüllungen gemacht worden sein. In kurzer Zeit wird die Revisionskommission die ihr vom Justizminister Valle übermittelten Dokumente in Empfang nehmen. Die „Agence Havas" erfährt weiter von verschiedenen Persönlichkeiten, dass Kriegsminister Andre in das Dossier Dreyfus' deshalb Einsicht genommen habe, weil er als Chet der Armee, die gegen einige in die Affäre verwickelte Offiziere gerichteten Anschuldigungen auf ihre Wahrheit prüfen wollte. Man behaupte unter Reserve, dass Andre in dem verdaulichen, nur dem Kriegsgerichte in Reimes unterbreiteten Dossier zwei formeil als falsch erkannte Aktenstücke gefunden habe, die — davon sei man überzeugt — zur Verurteilung Dreyfus' beitragen mussten; ausserdem seien gewisse Dokumente, welche die Unschuld Dreyfus' dartun könnten, dem Militärgerichtshofe nicht vorgelegt worden. Endlich sei eine Zeugenaussage, welche die Entscheidung des Kriegsgerichtes in Reimes beeinflussen konnte, nicht freiwillig abgegeben worden und zudem nicht unparteiisch gewesen. Das seien — unter aller Reserve — die vom Kriegsminister im seinem Berichte an den Justizminister erwähnten Tatsachen. Ueber das Resultat der Untersuchung, welches die Regierung bestimmen musste, die Revision des Dreyfus-Prozesses einzuleiten, verlautet, wie die „N. Fr. P." meldet, dass, abgesehen von Gribelin, sich die Aussagen mehrerer Zeugen in Reimes als falsch, erwiesen. Diese Zeugen haben selbst ihren Irrtum eingesehen und eingestanden, sich aber zu ihrer Entschuldigung auf die in Reimes herrschenden Einflüsse berufen. Es wurden in Rennes mehrere Dokumente produziert, die, wie sich herausstellte, Fälschungen, waren. Man hat den Inhalt dieser Schriftstücke gefälscht und in einem Falle das Datum verändert, um das Beweisstück auf Dreyfus beziehen zu können. Oi ibelin hat, wie bereits gemeldet, verschiedene Dokumente mit Oberst Henry zusammen gefälscht und ein volles Geständnis abgelegt. Der Kriegsminister hat überdies Rechnungsbelege gefunden, welche von einem noch aktiven General unterschrieben sind, aus denen hervorgeht, dass verschiedene Zeugen, welche zugunsten der früheren Generalstabsclique in Lennes ausgesagt haben, Geldunterstützungen und sogar eine Zeitlang regelmässige Monatsbeziige aus dem Geheimfonds erhalten hatten. Die wiederholt beabsichtigte Interpellation seitens der nationalistischen Partei ist bisher unterblieben, weil die Regierung, so lance das gerichtliche Verfahren schwebt, jede Beantwortung ablehnen würde. Interessant ist die Meinung Georges Clemen.ceaii, der in der „Aurore" verlangt, dass der Kassationshof das Urteil des Kriegsgerichtes von Rennes aufheben und Dreyfus vor ein neues Kriegsgericht verweisen solle: nicht nur das staatliche Interesse, sondern auch das "besondere Interesse der Armee erfordere es. dass der von militärischen. Richtern begangene Irrtum von Militärs wieder gut gemacht werde. Die Einzeichnungen ins goldene Buch. Das A.-C. fordert jene, die im goldenen Bache des jüdischen Nationalfonds eingezeichnet sind, oder andere einzeichnen Hessen, dringend auf, ausser den bereits angegebenen Namen auch die h e b r ä Ischen Namen und die genaue Adresse anzugeben, da nunmehr die Eintragungen in das goldene Buch selbst beginnen und die endgiltigen Quittungen verendet werden sollen. Die gewünschten Daten sind unverweilt an das zionistische Kongressbureau, Wien, IX., Türkenstrasse 9, einzusenden. I A. d. A.-G. Das Sekretariat. Jüdischer Nationalfonds, Das goldene Buch. Zur Eintragung des Herrn David Schuh und Isidor Epstein in Roschpinah . . Kronen Das Organisationskomitee der politischen Zionisten in Odessa......... „ Verbindung Zion. Hochschüler „Bar Koehba" und die zionistischen Mittelschüler in Tarnopol zur Eintragung des Herrn Israel Beikind.......... „ Zur Eintragung der Frau Golde Malka, Gemahlin des Schmarja Z e 11 i n inMohilew, Tochter des J. B. Zabludowski aus Woikowisk, gespendet von ihrem Enkel Jechiel Michael ben Josef Zwi Zetlin. . . „ „Mount Zion Beacon", Order Ancient Maccabeans, London...........Pfd.Sterl. Isaak Kahn, Jurjew.......♦ . . „ Isaak Kahn. Jurjew, zur Eintragung seines am 9. September d. J. verstorbenen Sohnes Dr. med. David Kahn. . ...... , „Schleimei Emunei Zion Misrachi" in Lodz zur Eintragung des Herrn Dr. Theodor Herzl........*.....Kronen 342-85 278-30 240 — 10-— 10* — 10 — MO* Die Wiener Makkabäerfeier dürtte sich voraussichtlich auch heuer zu einer glänzenden Demonstration der zionistischen Partei in Wien gestalten. Schon der Konüteeabend, der letzten Sonntag im Hotel „Post" stattfand, war äusserst zahlreich besucht und verlier sehr animiert. Die Frauen des Komitees, welche liebenswürdig die Honneurs machten, können auf den Erfolg des Abends stolz sein. Für die Hauptfeier, die am 12. d. M. im Sofiensaale stattfindet, gibt sich bereits reges Interesse kund. Der Kartenabsatz seitens der 200 Komiteedamen geht flott vor sich. Ueberaus glänzend repräsentiert sich das Programm. Dr Franz Oppenheime r, der berühmte Berliner Gelehrte, hält die Festrede. Der Jüdische Männergesangverein „Schir Zion" (Leitung Prof. Sulzer), der sich rasch im besten Sinne bekannt machte, wird eine Glanzaufführung bieten. Die Namen der Virtuosen: Prof. Jos. Sulzer, Oberkantor Bela Guttmanii, Heinrich Fiedler (Viol.) bieten die Gewähr künstlerischen Genusses. Die Kapelle Johann Strauss wird konzertieren. Ein Tauzkränzchen schliesst den Abend. Es ist durch Erweiterung der Garderobe und Vermehrung des Personales sowie durch Massregeln im Saale für jede Art der Ordnung gesorgt. Numerierte Sitze ä 5 K und 3 K, Entrees ä 2 K sind. an. Wochentagen von 5—7 Uhr im Komiteelokale, IX., Türkeiistrasse 9, sowie bei allen Vereinen zu haben. (Für diese Rubrik ist die Redaktion nicht verantwortlich.) Anregung für den Nationalfonds. Die langen Winterabende sind da. Aus dem nasskalfcen, grauen, unfreundlichen Draussen flüchtet sich der Mensch in das warme, lichte, traute Heim, flüchtet sich an das warme Herz des Freundes, kehrt in seine eigene innere Welt zurück und sucht den Menschen auf, um in Gesellschaft anderer ein^n Ersatz für die verlorene Gemeinschaft mit der Natur zu finden. Es ist ja die Saison der Geselligkeit. Der Spieltisch ist es, der nunmehr zu Ehren gelangt, der die Freunde um seine Runde zum vergnügten, geselligen Zeitvertreib vereinigt, und wohl ist's das Kartenspiel, dass die Gesellschaft beherrscht. Der praktische, politische Zionismus verargt dem Juden, im Gegensatz zu dem mystischen Zionismus, nicht die Freude an einem unschuldigen Vergnügen, verlangt von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.