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Die Welt · 1903-12-04 · 49 (4.12.1903) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
49 (4.12.1903)
Article
Der Widerspruch als welterhaltender Faktor und der Ostafrika-Streit
Date
1903-12-04
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „bie * w$it Nr. 49 kommnissen, wo eine Masse von heterogenen Elementen — was ungefähr alle Menschen sind — behufs Erreichung einer bestimmten Sache auf ein bestimmtes Prinzip eingeschworen und zusammengehalten werden soll. Nehmen wir z. B. an, es handle sich darum, einer Schichte von Menschen die persönliche Freiheit zu verschaffen; trotzdem jnüssen sich dieselben Menschen einem Führer unterordnen und von der Majorität sich majorisieren lassen. Auch demokrati.sche Prinzipien erheischen also eine absolutistische Führung: und umgekehrt wird auch der absolutistische Herrscher in den meisten Fällen von seiner nächsten Umgebung geleitet, welche auf ihn zumeist durch die Stärke ihrer Stimmenzahl wirkt. Ein weiterer Blick in die Welt der Geschehnisse bestätigt unseren Grundsatz, dass, einige Ausnahmen abgerechnet, die erstrebten Ideale mit den ihnen am besten verhassten Mitteln ihrer Verwirklichung nahe gebracht werden. Die heiligsten Güter der Religion werden von den »Völkern mit dem Schwerte geschützt, das jede Religion ohne Unterschied auf Schritt und Tritt verdammt. Die Menschenrechte mussten durch das Blut von 2 Millionen Menschen erkauft werden. Die jetzige französische Republik kann die Freiheit eines grossen Teiles ihrer Bürger in der Gegenwart und der Zukunft nur dadurch schützen, dass sie einen andern Teil ihrer Bürger — nämlich die Klerikalen — ebenderselben Freiheit beraubt. Ein talmudisches Wort sagt: „Wirklich frei ist der Mensch nur in den Sklavenketten der Morar. Ueber die letzte Wurzel dieser Erscheinungen sich weiter aufzuhalten, ist hier nicht der geeignete Platz: es genügt, bloss darauf hinzuweisen, dass der „Widerspruch" nicht nur in der menschlichen Natur, sondern in der Natur überhaupt als welterhaltender Faktor begründet ist. Diese Tatsache wollen wir konstatiert haben, um in unserer späteren Untersuchung mit ihr als mit einer gegebenen Grösse operieren zu können. Seitdem das jüdische Parlament zum sechstenmale in Basel getagt hat, wimmelt es an allen Ecken und Enden von Kritiken über die Leitung und die Majorität des Kongresses. Es wird geklagt: Die Führer hätten ihr Programm im Stiche gelassen: die Majorität habe Zion verraten — und man hat den traurigen Mut, das Männern vorzuwerfen, die stündlich bereit sind, ihre Seele für .leruschalajim auszuhauchen. — Alle unsere verkappten und offenen Feinde von anno dazumal sind sehr eifrig am Werk, unsere Organisation mit tödlichen Pfeilen zu vergiften. Es ergeht uns wie den Sozialdemokraten: zuerst brachte man ihnen Ignoranz entgegen und dann Versuche, die Partei von ihrem Programme abzulenken, zu vcrbiirgerlichen, bis Bebel die Mähne schüttelte und alle überzärtlichen Freunde unsanft hinabschleuderte. Auch wir bekommen jetzt Ratschläge von allen Seiten: wir möchten doch einsehen, dass Palästina zuerst besiedelt werden muss, wenn auch ohne öffentlich-rechtliche Garantie, ja ohne Garantie überhaupt. Noch andere Elemente, deren Zionismus nur in einer Negation jeder praktischen Betätigung besteht, sei dieselbe „diplomatischer" oder kleinkolonisatorischer Natur, glauben in den Worten des Kongresspräsidenten, „dass man in absehbarer Zeit Palästina zu den vom jüdischen Volke gewünschten Bedingungen nicht haben kann" einen guten Fang gemacht zu haben für ihre Theorie der Lethargie und des Abwartens, bis die nebelhafte, verschwommene und nichtssagende jüdische Entwicklung von innen heraus ihre Wirkung getan hat. Wann das geschehen wird, darüber lassen sich die Herren keine grauen Haare wachsen — glauben sie doch selbst nicht daran. Also die Syrien- L i e b habe r von rechts und die a ristok ratische n Zionisten von links halten den jetzigen Zeitpunkt für den günstigsten, in den politischen grosskolonisatorischen Zionismus Bresche schlagen zu können und ihren separatistischen Ideen Eingang zu verschaffen. Leider gehen infolge des Konfliktes zwischen Majorität und Minorität echte und warme Zionisten aus politischer Kurzsichtigkeit den verkappten Zerstörern auf den Leim. — Wir wollen daher zur Klärung der Gegensätze das ganze Streitgebiet zwischen Leitung und. Majorität einerseits und der Minorität andererseits mit dem Massstabe des Gesetzes des Widerspruches als notwendigen, welterhaltenden Faktor messen, um dadurch den Nachweis führen zu können, dass Majorität und Führer geradezu naturnotwendig diesen bestimmten Weg einschlagen mussten, der eben vom Kongresse beschlossen wurde, und dass gerade dieser Weg uns zum Ziele führen muss.. Zu diesem Zwecke wollen wir das ganze strittige Gebiet im Laufschritt rekognoszieren: Die englische Regierung hat aus — sap*en wir wohlwollenden und uneigennützigen Gründen einem zionistischen Unterhändler für die Ausführung des zionistischen Planes ein Territorium in Ostafrika angeboten. Wenn dieses Stück als zur Besiedlung mit Juden geeignet erscheint, so wird diese Kolonie mit dementsprechendem Selbstverwaltungsrecht aller englischen Kolonien ausgestattet werden — wie es übrigens alle Niederlassungen in Brasilien und Argentinien besitzen. — Da die Bevölkerung eine jüdische sein wird, so werden die Juden, so weit ihnen das Selbstverwaltungsrecht eingeräumt sein wird, dasselbe im Interesse der nationalen und religiösen Sache des Judentums ausüben. Wie gross das anzuweisende Territorium sein wird und wieviel gehetzte jüdische Schäflein dort Ruhe finden können, ist abhängig von verschiedenen Umständen und von dem Gutachten der Fachmänner, die dorthin zu entsenden sind. Während dieses Angebot zu anderen Zeiten und in anderen Stimmungen den Enthusiasmus der Vertreter der jüdischen Nation finden würde, musste es auf die zionistischen Delegierten in Basel, die um Zions willen dort versammelt waren, deprimierend wirken. Wie? Anstatt Jeruschalajim Uganda? Ist dies das Resultat unseres neunzehnhundertjährigen Seufzens und Ringens? Die Bestürzung musste sich noch zur Vernichtung steigern, als von offizieller Se'te dem englischen Vorschlag das Wort mit der Motivierung geredet wuede:',,. . . dass in absehbarer Zeit Palästina zu den gewünschten Bedingungen nicht zu haben ist". Iidieser Enunziatio.n erblickte ein grosser Teil der Zionisten einen krassen Widerspruch mit dem Programm und der unheilvolle Kampf entbrannte für und gegen Ostafrika. Nun kann kein Mensch leugnen, dass zwischen Zion und Ostafrika ein grosser Widerspruch herrscht. Die Frage ist aber die: ist der Widerspruch ein notwendiger und zum Ziele führender? Oder ist er vielleicht ein Aufgeben des zionistischen Programmes? Gesetzt aber den Fall, Ostafrika sei einer von den notwendigen Widersprüchen, so taucht die weitere Frage auf, auf welche Art soll die Annahme des Ostafrika-Projektes zur Erreichung Zions helfen? Wir glauben mit Sicherheit das erstere annehmen zu dürfen. Der Ostafrika-Widerspruch führt durch verschiedene Wege nach Zion. Ohne Ostafrika würde sich die Ica nie entschlossen haben, ihre Mitwirkung bei jüdisch-nationalen Dingen — wenn auch in verblümter Weise — zuzugestehen; dass sich dann diese Hilfe in eine werktätige Unterstützung des zionistischen Ideals verwandeln muss, ist für den Kundigen nur eine Frage der Zeit. Eine Ablehnung des englischen Vorschlages seitens des Kongresses würde uns die Sympathien der Mächtigen verscherzt haben, was unfehlbar die Macht der Bewegung auf Jahrzehnte hinaus lahmgelegt hätte. Dass die Ica erklärte, sie wolle die Hälfte der Afrikaspesen nur dann tragen, wenn die Kolonie keinen politischen Charakter hat, kann nur denjenigen abschrecken, der in den Werdegang der Geschichte nicht eingedrungen ist. Ohne Ostafrika wäre es unmöglich gewesen, das von unseren guten Freunden bei der russischen Regierung erweckte Misstralien gegen die Bewegung, als einen reinen jüdischen »Nationalismus ohne territoriale Grundlage, d. h. ohne Auswande.rungstendenzen, zu zerstören, angesichts der Haltung und Sprache der „Entwicklungszionisten44, die offen jeden positiven, realen Erfolg bezweifelten. Wie hätte die.Regierung die zionistischen Absichten beurteilen müssen, wenn der Kongress, trotz Kischenew, eine wirkliche Einladung eines mächtigen Staates, auf seinem Boden das angebliche Ideal der Zionisten zu verwirklichen, einfach abgelehnt hätte? Wäre hier ein widerspruchsloses Vorgehen nicht ein Attentat auf den Zionismus? Also nur die Annahme dieses Angebotes war imstande, der ganzen politischen Welt ad oculus zu demonstrieren, dass der überwiegende Teil der Zionisten weit entfernt sei von den national-demokratischen interterritorialen Bestrebungen der „Entwicklungszionisten44. Ohne Ostafrika würden wir nie von der Türkei die Bedingungen zugestanden bekommen, ohne die wir nirgends in der Welt kolonisieren können, noch wollen. Wenn der Kongress seinen Willen bekundet hätte, Palästina unter allen Bedingungen zu kolonisieren, wozu soll dann die Pforte Zugeständnisse machen? Ohne Ostafrika würden wir aber mit Rücksicht auf die gefährliche Lage der Juden in Russland und Galizieu selbst die Zerstörer des einzigen Mittels sein, das zum endlichen Ziele führen muss, nämlich des Vertrauens der Massen und der dadurch entstehenden Organisation. Denn, wie bekannt, besteht das Volk nicht aus lauter Idealisten; mag das zu erstrebende Ideal noch so hoch sein, verlangt das Volk, wenn nicht ganze, so doch teilweise reale Erfolge — was wir auch der Sozialdemokratie entnehmen können. Diese Erfolge zu bieten ist aber nur das Ostafrika-Projekt imstande. Ueberliesse man die zionistischen Massen ihrem Schicksale, so würden dieselben das Vertrauen zu den Führern, ja zur Sache überhaupt verlieren und die zionistische Idee in dieser konkreten Form wird nunmehr eine Periode in der jüdischen Geschichte der Vergangenheit sein! Aus dem Gesagten geht nun hervor, dass der „Widerspruch'4 zwischen Zion und Ostafrika ein notwendiger und zum Ziele führender „Widerspruch44 ist. Der gerade Weg würde hier der längste sein. Weil unsere Führer mit dem ganzen Herzen Zion zugetan sind, so müssen sie für Ostafrika sprechen. Wien. Dr. Josef Sinnreich.

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