Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 49 (4.12.1903)
- Article
- Ein Jubiläum
- Date
- 1903-12-04
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „bi* # W$lt" Nr. 49 frage in vollem Einklang befindet. Und auch hier blieben Sie sich treu. Sie begnügten sich nicht mit der passiven Anerkennung der Zionsidee, sondern traten als einer ihrer energischesten Verkünder auf, und Sie fahren unermüdlich fort, mit Worten und Taten das eingeschlummerte Nationalgefühl zu wecken und den Zionsgedanken unter der russischen Judenschaft zu verbreiten. Wir alle haben es von Ihnen gelernt, Ihnen verdanken wir die Einsicht, dass unser Heil. nicht in der Assimilation bestehe, sondern in einem freien nationalen Leben, und dass wir diesem Werke alle unsere Kräfte widmen müssen. Wie können wir Ihnen nun danken für Ihre Arbeit zum Heil des jüdischen Volkes, für die kostbaren Opfer, die Sie ihm brachten? Wir glauben es nicht passender tun zu können, als dadurch, dass wir Sie in das Golctene Buch des Jüdischen Nationalfonds eintragen lassen. Gleichzeitig wollen wir mit unserer tiefsten Verehrung und Ergebenheit, die wir zu Ihrer schätzenswerten Persönlichkeit hegen, in der den Menschen eigenen Selbstliebe folgende Wünsche zum Ausdruck bringen, deren Erfüllung uns weit mehr Vorteile bietet als Ihnen : Das zukünftige Haupt unseres Volkes, der Eichenstamm der Zukunft, den uns die reiche Phantasie unseres Führers so schön ausgemalt hat, möge Ihnen gleichen, möge ein wahrer Mandelstamm sein mit seinen geistigen und seelischen Vorzügen. Gott erhalte Sie uns noch recht lange in frischer Kraft, auf dass Sie mit ungeschwächter Energie für das Blühen und Gedeihen des „Hauses Jakob" arbeiten können." Es sprachen noch die Vertreter verschiedener Vereine und Wohlfahrtsinstitutionen; der gewesene Rabbiner, Herr Zuckermann, hielt eine warme Ansprache und auch der Pastor der deutschen Gemeinde hob mit Genugtuung das humane Wirken des Jubilars hervor, dassichohne Unterschied der Konfession auf alle Armen und Unglücklichen erstreckte. Die zahlreichen Gäste waren von dem Verlauf der Feier tief gerührt, Die feierliche Stimmung erlangte ihren Höhepunkt, als der Jubilar das Wort ergriff und in einer glänzenden Rede den Anwesenden dankte. In seiner bekannten Bescheidenheit meinte er, es wäre ihm zu viel Lobes gespendet worden, das seine wirklichen Verdienste übersteige. Er habe gewiss auch viel gefehlt und geirrt. Er bitte seine lieben Freunde nur um eines: sie mögen sich den Arbeiten zuwenden, denen er bis jetzt seine Kräfte gewidmet, sei es zum W7ohle einzelner oder der gesamten Menschheit. Sie mögen mit noch grösserem Eifer und mehr Kraft und Energie das von ihm Begonnene fortsetzen. B. Aus Russland. Kischenew. Die Verhandlung gegen die Kischenevver Judenmörder hat, wiewohl sie bei geschlossenen Türen stattfindet, so viel gravierende Umstände ergeben, welche die Rolle der Kischenewer Polizei während der Exzesse genügend beleuchten, dass von Petersburg aus die Amtsenthebung einiger Beamten der Kischenewer Polizei verfügt wurde. Wie der „Odesskij Listok" und auch die „Nowosti" mitteilen, wurden der ehemalige Polizeimeister von Kischenew, ßr oniko wskij, welcher in letzter Zeit das Amt des Direktors des Kischenewer Gefangenhauses bekleidete und der Polizeileiter des L Bezirkes von Kischenew, v. O h 1 i o, vom Amte suspendiert. Der Polizeileiter v. Ohlio, eine Kreatur des antisemitischen ehemaligen Vizegouverneurs Ustrugow, war der rücksichtsloseste Peiniger unserer Volksgenossen in Bessarabien. Als Chef des Grenzdistriktes hat Ohlio alle an der russisch-rumänischen Grenze lebenden Juden rücksichtslos ausgewiesen und hunderte von Existenzen veinichtet. Bronikowskij und Ohlio wurden gleichzeitig dem Gerichte wegen tätlicher Beleidigung des Polizeikommissärs Baschanow übergeben. Moskau. Der Direktor der Handelsakademie in Libau, Staatsrat Dobroszakow, in Begleitung der Lehrer Jagodowskij, T s ch e p in s k i j, Jürgens und Andruschke witsch veranstalteten eine Schülerexkursion nach Moskau. Kaum waren sie in Moskau eingetroffen, als dem Direktor im Auftrage des Oberpolizeimeisters T r e p o w der Befehl erteilt wurde, die an der Exkursion teilnehmenden jüdischen Schüler heimzuschicken, weil sie als Juden sich in Moskau nicht aufhalten dürfen. Dobroszakow zog es vor, die Exkursion überhaupt abzubrechen und mit allen Schülern die Rückreise anzutreten. Angesichts dieses Vorfalles richtete der Direktor der Handelsakademie von B i a 1 y s t o c k, Staatsrat S t ep a n o w, an die „Peterburgskija VVjedomosti41 ein Schreiben, m welchem er unter anderem sagt: „Man soll uns den Weg zeigen, welchen wir wandeln sollten: sollen wir der Aufgabe des hohen Berufes, treue Söhne des Landes zu erziehen oder der Laune des bureaukratischen Fanatismus, welcher Menschenhass predigt, gehorchen und dem Vaterlande Feinde erziehen? Wäre es möglich, dass man den zweiten Weg zu wandeln hat?!" Kiew. Wie die „Kiewskaja Gazeta" meldet, hat die Operetten-Truppe im Kiewer Garten, Mate au & Fleura ihre Vorstellungen einstellen müssen, weil die jüdischen Mitglieder der Truppe, Sänger und Sängerinnen, Darsteller und Darstellerinnen auf Befehl des Gouverneurs Kiew verlassen mussten. Drjeprowsk. Die Landschaft von Dnjeprowsk hat in ihrer Sitzung unter der Leitung des Präsidenten Koltschonow, wie der „Odesskij Listok" meldet, beschlossen, das Ministerium zu ersuchen, die Anstellung von jüdischen Wundärzten, Hebammen und gelehrten Sanitätsmännern zu erlauben, weil die Ständeverwaltung gute Arbeiter auf diesem Gebiete unter den Nichtjuden nicht finden kann. Ob das Ministerium die Erlaubnis geben wird, wird in unterrichteten Kreisen stark bezweifelt. Odessa. In Odessa sind einige Partien von Bauern aus der bekannten Sekte der „JudenChristen11 aus dem Gouvernement Tainbow, welche nach Palästina auswanderten, um dort eigene Ackerbsukolonien zu gründen oder als Arbeitef in den jüdischen Kolonien Beschäftigung zu suchen, aus Palästina heimgekehrt, weil sie in den jüdischen Kolonien keine Arbeit finden konnten und in den anderen Fabriken am Samstag nicht arbeiten wollten. Die Führer dieser heimkehrenden Auswanderer erschienen vor dem Rabbiner zu Odessa, um von ihm Hilfe zur Weiterreise zu erbitten. Libau. Wie der „Libawskij Wjestnik* meldet, hat die Auswanderung der Juden aus Russland in letzter Zeit auch die Juden in Kurland ergriffen. 200 Juden sind in den letzten Tagen ausgewandert. Cherson. Wie der „Jug* meldet, hat die Auswanderung der Juden aus dem Gouvernement Cherson in letzter Zeit einen wahrhaft epidemischen Charakter angenommen. Dasselbe konstatiert die Zeitschritt „Wolynu in Bezug auf die Juden im Gouvernement Wolyn. Gt. Die Kischenewer Waisen in Triest. Am 25. v. M. erwarteten am Bahnhof die Ankunft der Kischenewer Waisen der greise Vorstand der Isr. Kultusgemeinde Herr Enrico Salem, ferner waren die Herren Dr. Sanguinetti, beide Rabbiner Prof. Castigliani und Dr. Brettholz, viele Mitglieder des Ausschusses, die Herren Mordo, Pincherle, die Konsuln Morpurgo, Rabb. Lattes, die Vertreter des Zionistenkomitees, viele Private, ansässige Russen und Polen. Der ganze Perron war dicht besetzt. Mit aufrichtiger Liebe und nicht zu verbergender Wehmut wurden die armen, so früh verlassenen Kinder aufs herzlichste begrüsst. Zwei bequeme Omnibusse waren für die Kinder bestimmt und noch andere Wagen für Gepäck. Im jüdischen Hospital haben sich eingefunden die Herren DDr. Romanini, Max Brunner, Herr Handels- Kammerrat Leo Kalmus und andere, die in liebevoller Sorge die Kinder empfingen. Für die Mahlzeiten und bequeme Betten hat Herr Giuseppe Israel Morpurgo liebenswürdig gesorgt. Dieser Herr, der überhaupt für das Judentum und dessen Rift-