Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 49 (4.12.1903)
- Article
- Brief aus Odessa
- Date
- 1903-12-04
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
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Nr. 49 „bie & weit" Seite 5 Bewegung unter den Studenten gesetzt hatten, so werden sie nun einsehen, dass sie sich arg verrechnet haben. Als Seitenstück zu der Begründung des antisemitischen Studentenvereines in Odessa kann die Begründung eines jüdischen Studentinnenvereines hierselbst dienen. Das was ich oben über die „Kosmopoliten* gesagt habe, trifft im erhöhten Masse bei den „Kosmopolitinnen" zu. Noch gibt es viele Juden, die es für ihre Pflicht halten, ihre Knaben irgend etwas vom Judaismus gemessen zu zu lassen. Dagegen gibt es ausser den Zionisten sämtlicher Schattierungen wohl keine Juden,#die es für nötig halten, ihre Mädchen in etwas Jüdisches einzuweihen. Wenn die jüdischen Jünglinge einfach „Kosmopoliten" sind, so sind die Mädchen „Kosmopolitinnen" in dritter Potenz. Und dieselben Mädchen, die noch vor vier Wochen in den zionistischen Vereinen unserer Jugend „Engheit" und »Reaktion" vorwarfen, weil sie jüdisch e n Vereinen angehören, wurden nun in der vorigen Woche durch den furchtbaren Antisemitismus in den Geburtshilfekursen selbst» dazu gezwungen, einen jüdischen Verein zur Abwehr des Antisemitismus, dessen baldiges Verschwinden sie noch kurz vorher mit dem Brustton der Ueberzeugung verkündeten, zu begründen. Man spricht hier nun davon, dass diese zwei charakteristischen Fälle viele der früheren „Kosmopoliten" dem Zionismus zuführen werden. Gewiss wäre es sehr wünschenswert, dass so viele intelligente Jünglinge unserer gerechten Sache beitreten. Aber noch viel Zeit wird vergehen, bis es im Bewusstsein der „Kosmopoliten" dämmern wird, bis sie einsehen werden, dass es doch besser und ehrenwerter ist, Herren im eigenen Lande als, im besten Falle, Geduldete zu sein, bis sie einsehen werden, dass „Einigung Kraft ist". A. Benjamin. Ein Jubiläum. Sonntag, den 22. November, wurde in Kiew ein glänzendes Fest gefeiert. An diesem Tage waren 35 Jahre verflossen, seitdem unser Gesinnungsgenosse Pioftsfor Dr. Max Mandelstamra in den Dienst des dortigen Jüdischen Krankenhauses getreten ist. Der geschätzte Jubilar hatte sich gegen jede Kundgebung gesträubt und deshalb mussten es seine zahlreichen Verehrer, sowohl in der Verwaltung als auch unter den Aerzten, unterlasi-eü, etwas über die geplante Feier in die Oeffentlichkeit dringen zu lassen. Er konnte es aber, trotz aller Bescheidenheit, nicht verhindern, dass die grosse Schar seiner Verehrer den Jubiläumstag zu einer ehrenvollen Kundgebung benützte, über die uns folgender Bericht vorliegt: Gegen Mittag versammelten sich die Gäste, darunter Aerzte, Gelehrte, Schriftsteller, die Leiter der zionistischen Organisationen und andere angesehene Persönlichkeiten in dem festlich geschmückten Saal, in dem der Jubilar anwesend war. Hier wurde ihm von der Spitalverwaltung eine kunstvoll ausgeführte Adresse in einer silbernen Kasette überreicht. Auch die Spitalsärzte überreichten ihm eine warmempfundene Adresse, einige von den in seiner Behandlung stehenden Patienten erschienen in den Spitalskleidern, und einer aus ihrer Mitte begrüsste den Jubilar aufs wärmste. Die zionistische Parteileitung übergab ihm eine Adresse folgenden Inhaltes : „Wir Zionisten benützen die Gelegenheit Ihres fünfunddreissigjährigen ärztlichen Jubiläums, um Ihmn nicht allein als einem Manne der Wissenschaft, sondern auch als unermüdlichem Kämpfer für unsere nationale Sache die herzlichsten Glückwünsche und unsere Gefühle tiefster Verehrung zum Ausdruck zu bringen, denn Sie haben während dieses Zeitraumes nicht bloss Ihrem wissenschaftlichem Berufe, sondern auch den nationalen Gesamtinteressen Ihres Volkes Ihre Kraft und Ihren Eifer gewidmet. Sie befanden sich stets in den ersten Reihen derjenigen, die sich um das traurige Schicksal unserer leidenden Brüder kümmerten, so oft es galt, über das Schicksal der Gesamtheit oder Einzelner in schweren Zeiten der Not zu beraten. Als in den 60 Jahren das jüdische Volk unter dem liberalen Regime Alexander II. etwas freier aufatmete, waren Sie trotz Ihrer Jugend fern davon, den damaligen assimilatorischen Bestrebungen der Judenheit sich in die Arme zu werfen. Sie sahen und empfanden schon damals mit der ganzen Kraft Ihrer liebenden Seele und Ihrer klaren Einsicht, wie leer und eitel die verführerischen, stolzen Freiheitshymnen waren und Sie Hessen sich vom Strome nicht mitreissen; Sie reservierten sich zum Schutze Ihrer Volksinteressen, Sie blieben felsenfest in der Verteidigung unserer nationalen Sache, in der allein Sie unsere Hilfe voraussahen — nicht der Nationalität, die Hass und Unfrieden zwischen Angehörigen anderer Völker zu ihrer Aufgabe macht, sondern der humansten, tolerantesten Nationalidee, die uns lehrt, alle Völker als gleiche Brüder einer Menschenfamilie zu achten. Leicht wäre es Ihnen gewesen, mit dem Strome zu schwimmen: vermöge Ihrer wissenschaftlichen Befähigung und Ihrer Charaktereigenschaft hätten Sie eine vornehme Führerrolle in jener modernen Bewegung erringen, Ehre und Lob seitens aller ernten können. Aber Sie blieben Ihrer Ueberzeugung treu. Und Sie galten der russisch-jüdischen Intelligenz als Fanatiker und Reaktionär, und anstatt Anerkennung zu finden, stiessen Sie auf Undank seitens jener, in deren Dienst Sie Ihr Leben gestellt. Allein das Volk, unsere grosse Volksmasse, erkannte in Ihnen instinktiv den liebenden Freund und wusste und weiss Ihre glänzenden Eigenschaften zu schätzen. Bis in Ihr hohes Alter blieben Sie ungeteilten Herzens und in engelreiner Harmonie zwischen dem inneren Bewusstsein und den äusseren Taten. Dies Ihr Lohn für Ihre langjährige redliche Arbeit um das allgemeine Wohl, der Lohn dafür, dass Sie Ihr Leben lang der Verkünder und Vertreter des unpraktischen Grundsatzes waren : „Alles für andere, nichts für mich!" In den letzten Jahren des politischen Zionismus eignete sich Ihre zartfühlende Seele diese Idee an, die sich mit Ihrer Ansicht über die endgiltige Lösung der Juden-