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Die Welt · 1903-12-04 · 49 (4.12.1903) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
49 (4.12.1903)
Article
Boykott
Date
1903-12-04
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite'2 „biS # W^lt" Nr. 49 Rechte in sehr ungleichmässigem Verhältnis zu einander gestanden. Man braucht nar auf den Umstand hinzuweisen, dassin den meisten Staaten die Militär- und Staatsämter den Juden hermetisch verschlossen sind und dort, wo einzig und allein individuelle Fähigkeit und Tüchtigkeit in Betracht kommen dürften, Abstammung und Glaubensangehörigkeit den Ausschlag geben. In anderen Staaten hinwieder macht sich das Bestreben bemerkbar, trotz Emanzipation und Gleichberechtigung die Juden ihre Schwäche und ihre gegnerischerseits stets betonte Inferiorität dahin fühlen zu lassen, dass man zu der alten Praxis zurückkehrt, die da heisst: Boykott und Aushungerung. So ist denn vielerorts seit Jahren eine Bewegung im Zuge, die sich unter dem Deckmantel der Volkswohlfahrt zum Ziele gesetzt hat, den geschäftlichen Boykott auf der ganzen Linie gegen die armen Juden am Lande in Aktion zu setzen. Mit welchen Mitteln dies geschieht, kann man sich nur dann vorstellen, wenn man weiss, dass die ecclesia militans die Bewegung initiiert hat und auch leitet Aristokratie und Geistlichkeit haben mit einemmale ihre Gefühle für das arme Volk entdeckt und wollen nun dem so lange zurückgehaltenen Herzensbedürfnis entsprechend Rechnung tragen. Sie tragen nun auch ihrem Gefühle Rechnung, aber — auf Rechnung der Juden. Dem Volke, das aus Mangel an Boden und infolge Einführung der landwirtschaftlichen Maschinen in der Landwirtschaft, aus Mangel an Arbeit gezwungen ist, auszuwandern, soll nun dadurch geholfen werden, dass in jedem Dorfe eine christliche Konsumgenossenschaft gebildet wird. Die Sache erhält einen ausgeprägt konfessionellen Charakter. Die Genossenschaftsläden stehen unter Patronanz der Geistlichkeit und nicht selten kommt es vor, dass der Dorfpfarrer selbst den Verkäufer spielt oder die Eröffnung des Geschäftes feierlich mittels Prozession vornimmt. Und welche Agitationsmittel sonst dem unter dem Schutz der Kirche stehenden Genossenschaftswesen zur Verfügung stehen, braucht nicht erst gesagt zu werden; man muss nur wissen, dass zu diesen Mitteln nicht in letzter Reihe die Kanzel gehört. Welche Folgen diese systematische Boykottierung des armen jüdischen Dorfkrämers für die Jud^n am Lande und unmittelbar auch für die in den Städten haben muss, kann man wohl voraussehen — liegen doch schon jetzt unzählige Fälle von zu gründe gerichteten Existenzen vor — aber in ihren Endkonsequenzen nicht überschauen. Das Bild würde nicht vollständig sein, wenn wir nicht noch eines Boykotts gedächten, der, wenn er auch nur eine kleine Minderheit des jüdischen Volkes, die bemittelte Klasse trifft, doch nicht minder traurig ist. Es ist dies der gesellschaftliche Boykott Wir nennen auch ihn traurig, weil er von demjenigen Teile unseres Volkes, den er vornehmlich trifft, als Unglück empfunden wird, und wir können nur mit ihnen fühlen, wenn wir bedenken, dass dieser Boykott in den meisten Fällen von Elementen ausgeht, die sowohl moralisch, als auch an Intelligenz tief unter ihnen stehen. Wie nun die Sache momentan liegt, so liegt die Befürchtung sehr nahe, dass der wüsten Agitation und diesem modernen Boykott noch viele jüdische Existenzen zum Opfer fallen werden und es hiesse Vogelstrausspolitik treiben, wollte man sich den Konsequenzen verschliessen, die ein längerer und systematischer Boykott nach sich ziehen muss. Unter solchen Umständen muss sich auch bei den Juden das Bedürfnis nach Sammlung der jüdischen Volkskräfte geltend machen, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, so hat in dieser Beziehung schon vielfach ein Stimmungswechsel stattgefunden* Es wird sich auch die Ansicht Bahn brechen, dass das Bestreben, der allseitig in verschiedenen Formen sich äussernden Judennot durch eine grandiose, auf Selbsthilfe basierende Aktion zu steuern, ein notwendiges und unaufschiebbares Beginnen ist. Und es wird auch endlich die Anschauung platzgreifen, dass auch die Betonung des politischen Momentes in dieser Bewegung durchaus nichts unpatriotisches enthält und dass diese Aktion in ihrer Allseitigkeit allein, in ihrer wirtschaftlichen und politischen Form geeignet ist, der wirtschaftlichen und moralischen Verelendung der Juden abzuhelfen. Dr. Ph. Frankl. Die Juden in Böhmen. Die Tatsache, dass der Zionismus in Böhmen, insbesondere in der Provinz, bis jetzt keineswegs eine entsprechende Verbreitung gefunden hat, bietet Veranlassung, die politischen Verhältniese der Juden in jenem Kronlande darzulegen und den Ursachen jenes Mangels an Aperzfptionsfahigkeit für die jüdisch-nationale Idee nachzuspüren. Wohl nirgends findet sich ein klassischeres Schulbeispiel für die politische Zerrissenheit und Zerfahrenheit der Juden als gerade in Böhmen. In nicht weniger als fünf grössere Fraktionen gliedern sich die . ungefähr 100 000 Juden, die gegenwärtig Böhmen bewohnen: man findet da deutschnationale, tschechischnationale, jüdischnationale, internationale und endlich Juden ohne jedwede politische Ambitionen. Das Gros der Juden muss man zur deutschnatiönalen Fraktion rechnen, zu »jener jüdisch-böhmisch-deutschfortschrittlichen Partei, die sich charaktervoll von hüben und drüben ins Gesicht spucken lässt und dabei fest und treu die „Wacht am Rhein" siDgt* _ wie ich diese Partei einmal in diesen Blättern zu charakterisieren versuchte. Zur deutschfortschrittlichen Partei zählt nicht nur fast der ganze deutsch sprechen de jüdische Mittelstand, auch die tschechischen Juden, wenn sie auch nur höchst unvollkommen nebenbei das deutsche Idiom beherrschen, treten mit Vorliebe für diese Partei ein und stimmen, wenn sie in einem deutsch-tschechischen Wahlkampf den Ausschlag zu geben haben — was sehr oft vorkommt — fast regelmässig für den deutschen Kandidaten. Eine Ausnahme gab's kürzlich bei den Gemeindewahlen in Mährisch-Weisskirchen — analoge Zustände herrschen ja im ganzen Sudetengebiet — wo die Juden, die bis dahin immer deutsch gewählt hatten, derart von den Deutschen brüskiert wurden, dass sie plötzlich für die tschechische Liste den Ausschlag gaben. Diese Sympathie für das Deutschtum zeigt sich nicht nur in Böhmen und hat vielleicht ihren tieferen Grund in einem ahnungsvollen Miesveretändnis, das in dem von deutschen Wort Verstümmelungen gesättigten Jargon eine Art Muttersprache vermutet Diese deutschtümelnde Fraktion, die, wie bereits bemerkt wurde, schon numerisch an erster Stelle steht — etwa drei Fünftel der Böhmen bewohnenden Juden für dies« Partei in Anspruch zu nehmen, ist gewiss kein statistischer Ueberschwang — tritt auch in anderen Beziehungen als die bedeutendste in die Erscheinung und verdient, da sie der böhmischen Judenschaft ihr politisches Gepräge gibt, noch eine eingehendere Würdigung. Die tschechischfühlende ist wohl die kleinste der aufgezählten Fraktionen und kommt, da sie, wie bereits

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