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Die Welt · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
48 (27.11.1903)
Article
Ein jüdisches Winkeltheater
Date
1903-11-27
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 48 „bie # weit" Seite 15 des Negers Zingeritang, der xien Hanswurst des Stückes repräsentiert, mit dem geziemenden Ernst hinzunehmen. Sie lassen sich in Zuschauerstimmung hineinlocken und haben Mühe, nicht in das Gelächter des Publikums mit einzustimmen. Auch die genannte Katze, die mit so hervorragendem dramaturgischen Verständnis mitwirkt, wird Deine Neugier, lieber Victor, erweckt haben, Schriftgele'hrte teilen mir mit, dass die Idee dieses sonderbaren deus ex machina einem uralten jüdischen Buche, der Hagadah, entnommen sei. Dort heisst es, dass selbst ein Wieseltier, das zufällig Zeuge eines Eides istt den gebrochenen Schwur rächen werde. Um diese Wieseltier- oder Katzenandeutung hat nun der Dichter die übrige Handlung herausgesponnen. Aus der Musik des Singspiels klingen zumeist synagogale Weisen heraus. Der Tonfall der Klagelieder. Die Sänger verstärken noch die schwermütige Klangfarbe, indem sie nicht ganz schulgemässe, stöhnende Laute als Glissando zwischen die einzelnen Töne einschalten. Das Publikum--hier müsste ich, lieber Victor, ein neues, umfangreiches Kapitel beginnen; aber ich bin schon auf der achten Briefseite. Das Publikum nimmt Stück und Darsteller sehr ernst, und das Tüchlein, das bei rührenden Stellen verstohlen die Tränen wegwischt, kann man im Zuschauerraum oft genug sehen. r. Beschwerdekästchen. J. Kohn: Ueberlegen Sie sich's noch ein wenig! Sie sehen ja, dass ein Kohn nicht unbehelligt bleibt, selbst wenn er dann zum Erzbischof avanciert. Beachten Sie die Gereiztheit, die sich der antisemitischen Zeitungen bemächtigt, wenn vom Olmützer Fürsterzbischof Kohn die Rede ist; sie können es nimmer verwinden, dass sich die allgemeine Verjudung bis in einen erzbischöflichen Ornat hineingedrängt hat. Ein solcher Kohn gibt zu den schlimmsten Besorgnissen Anlass; wer weiss denn, welchen Bräuchen er sich heimlich hingibt: er ergötzt sich vielleicht abends in verstohlener Stille an der Lektüre des Talmuds oder anderer jüdischer Presserzeugnisse, oder er übt sich, wenn er musikalische Anwandlungen bekommt, hinter wohlverschlossenen Türen im Schofarblasen oder er treibt, angestachelt von seinem eingewurzelten Kohn - Instinkt, anderen jüdisch-rituellen Unfug. Deshalb betrachtet es die antisemitische Presse als heilige Pflicht, mit dem Erzbischof Kohn auf sehr gespanntem Fuss zu stehen und von Zeit zu Zeit Berichte zu veröffentlichen, die mit Bestimmtheit ankündigen, dass der Erzbischof demnächst demissionieren werde. Die christlichen Zeitungsschreiber wünschen sehnlichst, dass das Thema „Erzbischof Kohn" aus der Oeffentlichkeit verschwinden möge; schon deshalb, weil sie dann nicht mehr die leidige Versuchung bekämpfen müssten, hinter das Wort Kohn das übliche stigmatisierende Ausrufungszeichen (!) hinzusetzen. Jüdischer Kaufmann. Das ereignet sich Jahr für Jahr. In den letzten Novembertagen beruft der „Wiener christliche Frauenbund" eine grosse Frauenversammhang in die Volkshalle, auf die Rednertribüne steigen einige Kenner des Frauenherzens hinauf und konstatieren, d<ass das Weihnachtsfest vor der Türe stehe und dass es heiligste Pflicht einer jeden christlichen Frau sei> die Einkäufe in nichtjüdischen Geschäften zu besorgen. Es; wird als himmelschreiender Widerspruch empfunden, wenn am Weihnachtsabend unter dem leuchtenden Tannenbaume Geschenke aus dem Warenhaus Tannenssapf u. Komp. liegen. Die Juden haben ja auch gewisse Feste, die ihre Spitze mit beabsichtigter. Bosheit gegen christliche Geschäftsleute richten: zum Beispiel das Fest der ungesäuerten Brode gegen die ehrsame Bäckergilde, der „lange Tag" gegen die Gastwirtegenossenschaft u. s, w. Es ist daher nicht zu verwundern, dass man den Juden analoge Aufmerksamkeiten erweist: zur Weihnachtszeit ist man bemüht, sie auszuhungern, in den Ostertagen arrangiert man Ritualmordskandale, Arzt in B.: Sia, sind erstaunt über das perfide Wutgeschrei, mit dem aie antisemitischen Blätter das Antituberkulose-Serurn M ar m o r e ks begrüssen? Es klingt naiv, wenn Sie verblüfft feststellen, dass das „Wohl der Menschheit", das „Interesse der zahlreichen Kranken* den genannten Blättern „anscheinend wenig am Herzen liege". Diese Leute haben nichts gegen das „Wohl der Menschheit", nur darf es nicht von einem Juden herstammen. Sie sind bereit, Millionen Menschen an Tuberkulose sterben zu sehen, wenn sie dafür die Genugtuung eintauschen können, dass man einem jüdischen Forscher nicht eine weittragende Entdeckung verdanken müsse. Wenn heute ein jüdischer Arzt ein noch so wirksames Mittel gegen Gehirnerweichung fände, würden sich die gesinnungstüchtigen Judenfeinde sicherlich weigern, sich kurieren zu lasen — nur um den Juden nicht in die Lage zu versetzen, mit «einem Mittel allfällige Heilerfolge zu erzielen. Gänsehändler. In den Wiener „christlichen" Redaktionsstuben herrschte dieser Tage ungeheuere Aufregung. Der Briefträger hatte alarmierende anonyme Zuschriften gebracht, „in denen die Absender ihrer Entrüstung darüber Ausdruck gaben, dass im Hause des Katholischen Jünglingveieins „Mariahilf", VII. Bez., Westbahnstrasse 40, sich ein jüdischer Gansler und ein jüdischer Kravattenhändler als Mieter befinden". Nachdem der Chef des „Lokalen Teiles" sich von dem Schrecken, in den ihn diese Hiobspost versetzt, ein wenig erholt hatte, rief er eiligst einen Reporter und trug ihm auf, zu recherchieren, ob die jüdischen Gänse auf Wahrheit beruhen oder ob sie — hoffentlich! — bloss „Enten" seien. Der Reporter durfte sogar, was schon seit vier Jahren nicht vorgekommen war, zur Recherche einen Wagen, einen Einspänner, nehmen. Er fuhr klopfenden Herzens in die Westbahnstraseehinaus „recherchierte" und am nächsten Morgen konnte das Blatt melden: „Den von unserer Seite gepflogenen Recherchen zufolge erweisen sich die uns zugekommenen Beschwerden als nur zur Hälfte begründet". Ob man es mit der besseren Hälfte, nämlich mit den Gansein, oder mit den minder schmackhaften Kravatten zu tun habe, darüber wird uns mitgeteilt: „Der in dem genannten Hause etablierte Kravattenhändler soll nämlich angeblich ein Christ sein, dagegen ist es richtig, dass in dem katholischen Vereinsheim, dessen Vorderfront sowie Stiegenhaus kolossale Heiligenstatuen schmücken, ein jüdischer Händler mit koscheren Gansein sein Geschäft betreibt". Und der Bericht macht zum Schluss einen erbitterten Ausfall gegen den Ausschuss des katholischen Jünglingsvereins, der „dem Erbfeind des christlichen Volkes sen von freiwilligen Beiträgen der Christen erbautes Heim zur Verfügung stellt! Eine solche Handlungsweise" — erklärt das Blatt — „richtet sich von selbst!" Die koscheren Gansein! Da erfahren wir auf einmal, dass sie der „Erbfeind des christlichen Volkes" sind. Wer hätte das hinter der harmlosen Aussenseite dieser scheinbar so behäbigen und friedlichen Tiere vermutet? Wir dürfen annehmen, dass die katholischen Jünglinge inzwischen beschlossen haben, die Höllenküche, wo über den Flammen die schönen Sünderinnen, die koscheren Gansein, in verdienter Verdammnis schmoren, mittels gerichtlicher Kündigung zu entfernen. Wenn die katholischen Jünglinge Verständnis für gute Gans-Hälften hätten, hätten sie die Annäherung an die Gansei-Gerichte der gerichtlichen Entfernung vorgezogen.

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