Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Article
- Repertoire der öffentlichen Veranstaltungen der zionistischen Vereine Wiens [Nachricht]
- Date
- 1903-11-27
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 „bi* & w^it tt Nr. 48 Repertoire der öffentlichen Veranstaltungen der zionistischen Vereine Wiens. Frauenkomitee der Makkabäerfeier, Sonntag den 29. November. Um 4 Uhr nachmittags im „Hotel Post*, I., Fleischmarkt. Gemütliche Zusammenkunft des gesamten Komitees der Makkabäerfeier. Verein jüd. jugendlicher Arbeiter „Leopoldstadt". Sonntag den 29. November. Va3 Uhr nachmittags. Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: 1. Die Lage des jüdischen Proletariats. 2. Warum organisieren wir uns auf jüdisch-nationaler Basis? 3. Diskussion. Ort: IL, Stephaniestrasse 8. Literarischer Geselligkeitsverein jüdischer Mädchen „Moria". Sonntag den 29. November. Um 3 Uhr nachmittags im Kongressbureau. Vortrag. Thema: „Die Frauentage im Judentum." Keferent: Dr. Karl Lif czis. Einzelverein „Brigitten a a". Dienstag den 1. Dezember. Um V\% Uhr im „Cafe Neptun", XX. Mathildenplatz 7. Vortrag. Thema: „Die Frau im Zionismus." Referentin: Frau Dr. Sidonie Kahn. Donnerstag den 3. Dezember. Eröffnung des „Jüdischen Bildungsheims % XIV., Ullmanngasse 31. (Kauerhof 10 a.) Samstag den 12. Dezember. Makkabäerfeier im Sofiensaale. Samstag den 19. Dezember. Makkabäerfeier der jüdischnationalen Arbeiter Wiens. * Verein jüdischer Handelsangesteliter, Wien. Dienstag, 1. Dezember a. e. findet im Cafe Weiss IL, Stefaniestrasse 8, das Referat des Herrn Dr. A1 b achary über den VI. Kongress statt. Anfang 8 Uhr abends. Gäste willkommen. jUÜ Jüdisches Bildungsheim. Wien. Dienstag den 8. Dezember findet im Vereinslokale, XIV., Ullmannstrasse 31, Kauerhof 10A, das Erinnerungsfest anlässlich des dreijährigen Bestandes des Vereines statt. Beginn 8. Uhr abends. Programm: Heitere und ernste Vorträge, Schönheitspreis. Zum Schlüsse Tanzkränzchen. Die Gesinnungsgenossen werden um zahlreichen Besuch ersucht. — Besondere Einladungen werden nicht verschickt. * Todesfall. In Krakau verschied vor einigen Tagen einer unsererer treuesten Gesinnungsgenossen aus der orthodoxen Judenschaft, Herr Israel Krasucki. Er gehörte seit vielen Jahren dem Vorstande des dortigen „Zion* an und arbeitete eifrig für den Zionsgedanken in Wort und Schrift. Dem Kaufmannetande angehörig, widmete sich K. auch dem hebräischen Schrifttum und schrieb mehrere Werke rabbbinischenInhaites,sowiehäufige Korrespondenzen an die „Hazefirah". Er war 73 Jahre alt. Ehre seinem Andenken! B. <peail1etoo* Ein jüdisches Winkeltheater. Lieber Victor 1 Ich soll Dir mitteilen, was ich bei der „Jüdischen Orpheumgesellschaft" gesehen habe; du bist offenbar, irregeführt durch den Namen, ebenfalls der Ansicht, dass ich in einem jener Musentempel war, wo die Minien durch geflissentliches Mauscheln und Zotenreissen die Zuhörerschar zu wiehernden Heiterkeitsausbrüchen verleiten. Die jüdische Schauspielertruppe, die ich mir ansah, war anderer Art. Sie war von einem ernstgemeinten künstlerischen Streben durchdrungen, wobei freilich Wille und Erfolg nicht immer gleichen Schritt hielten. Da Du, lieber Victor, ein „Arier" bist und somit manchen Mysterien dieser jüdischen Theatergesellschaft verständnislos gegenüberstehen dürftest, will ich meiner Schilderung die gebotene pädagogische Nachsicht zugrunde legen. Wir betreten einen grossen luftigen Gartensaal, dessen Stirnseite von1 einer sehr einfachen Bühne ausgefüllt ist. Die Zuschauer sitzen in dichtem Gedränge bei kleinen Tischchen, essen, trinken, rauchen und "blicken gleichzeitig mit gespanntem Interesse auf dfe Bühne. Es wäre Dir versagt geblieben, mit lückenlosem Verständnis den Vorgängen auf der Bühne zu folgen, denn die' Umgangssprache der Schauspieler ist der „Jargon". Dem Stammpublikum, das sich hier einfindet, ist der Jargon die Muttersprache; zumeist galizische oder russische Juden, die von der Bühne herab eine vertraute Sprache vernehmen wollen. Im Zuschauerraum des Burgtheaters müssten sie sich einer gelinden Uebersetzungsarbeit hingeben, wenn sie zur klaren Auffassung Goethe'scher oder Lessing'scher Verse gelangen wollten. Wenn man sich im Jargon nicht heimisch fühlt, so ergeben sich im jüdischen Theater oft und oft Kontraste zwischen dem heroisch-hochgestimmten oder zart sentimentalen Inhalt des Dialogs und der sprachlichen Hülle. Aber schliesslich kann man sich mit diesem Gegensatz ebenso aussöhnen, wie beispielsweise mit der fühlbaren Disharmonie, die im „Pfarrer von Kirchfeld" zwischen den hochtrabenden Gefühlen des Wurzelsepp und seinem dörpischen Dialekt besteht. Die Schauspieler des jüdischen Theaters bemühen sich übrigens in Dialoggegenden, wo sich das Pathos zu besonders wolkennahen Flügen aufschwingt, den Jargon in ein unverfälschteres „Hochdeutsch" übergehen zu lassen. Auf dem Theaterzettel figuriert das Singspiel „Sulamith". Ich will Dir die Handlung des Stückes, die für ein naives Publikum berechnet ist, nicht ausführlich rekapitulieren. Nur das Leitmotiv: Sulamith, Tochter des Patriarchen von Jerusalem, verfehlt in einer Wüste den rechten Weg und irrt schliesslich mutterseelenallein zwischen Kulissen herum, deren gelbe Farbe den Wüstensand veranschaulichen soll. Unsere Vermutung, dass ein Retter in der Not nicht fern sein könne, erfüllt sich alsbald: es erscheint Absalon. Er ist, wie aus der lakonischen Berufsangabe des Theaterzettels hervorgeht, „ein Held". Sofort erkennt er in Sulamith das lange gesuchte Ideal, und die beiden schwören einander ewige Treue. Während der Eideszeremonie taucht auf der Bühne ein merkwürdiges Ding auf, nämlich eine aus Pappendeckel geformte Katze. Ueber die Bedeutung dieser Katze konnte ich vorerst nur vage Vermutungen aufstellen. Ich dachte, vielleicht soll damit angedeutet werden, dass — entschuldige den schlechten Scherz! — der Schwur „für die Katz" sei, eine Hypothese, die darin eine Stütze findet, dass Absalon im Verlaufe des Dramas den Schwur bricht und ein anderes Mädchen, die Abigail, heiratet. Der Treubruch wird prompt geahndet. Absalon, nicht vertraut mit den Eigenheiten der Schicksalstragödie, begibt sich eines Tages unvorsichtigerweise mit seinen beiden Kindern wieder in jene Wüste, und eh' er sich's versieht, stürzt das eine Kind in einen Brunnenschacht, während dem anderen Kinde ein noch grausamerer Tod bereitet wird: es wird nämlich von der erwähnten Pappendeckelkatze erwürgt Dieses Familienunglück verschafft dem Absalon die Gewissheit, dass er an Sulamith ein Unrecht begangen habe, er wird von aufrichtiger Reue ergriffen, und da er just zur rechten Zeit hier zwischen den gelben Kulissen wieder die Sulamith antrifft, so heiratet er sie. Die Darsteller sind etwas besser als der Dichter. „Durchdacht" hat auf dieser Bühne wohl kein einziger Schauspieler seine Rolle, aber ein richtiger Instinkt bewahrt diese Naturmimen vor allzu gröblichen Verstössen. Von den vielen naiven Zügen nur paar Aeusserlichkeiten: Absalon tritt mit einer üppigen, goldblonden Perrücke auf, so dass man erwartet, er werde in tadellosem Althochdeutsch eine Reihe von Stabreimen zum Besten geben. Auch Abigail mit ihrem schönen, blonden Haar scheint geradenwegs aus irgend einer Nibelungenlandschaft herzukommen, so dass wir überrascht sind, aus ihrem. Munde unverfälschte Jargonlieder zu vernehmen. Die Schauspieler haben nicht die Selbstbeherrschung, die Spässe