Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Article
- Lemberger Brief
- Date
- 1903-11-27
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr4 48 #lbi$ # W^lt" Seite 11 Und die Direktiven des D.-tC Als Wichtige Aufgabe des D.-K1 betrachtet eiaüch die Gründung von Vereinen zur Kolonisation Pal ästin as; Auf Antrag des Gesinnungsgenossen Leon Reich wurde dein D.-K. die Pflicht auferlegt, in die Provinz Redner zu entsenden, mehr Volksversammlungen in jüdischen Angelegenheiten einzuberufen und jüdisch-nationale Festabende in Lemberg und der Provinz zu veranstalten. Dr. Korkis beantragt die Gründung eines Zentrums in Lemberg äur Vertiefung des Zionismus. (Angehbttimeni) In der Zweiten Nachtsitzung sprach Gesinnungsgenosse Adolf Stand, Mitglied des A.-K, über Kolonisation und Ostafrika und stellte die Devise aufJ Ohne Ostafrika nach Zion! Wir haben heute eine Idee, wir haben Geld, wir haben einen Führer. Es wäre eine Sünde, wenn wir diesen Moment für ein anderes Land als unser heiliges Palästina benützen wollten. Ueber die Stellung der Zio nisten zu den Kultusgemeinden referiert Gesinnungsgenosse Doktor Gabel, welcher den Leitsatz aufstellt: „Die Kultusgemeinden müssen zu Volksorganisationen werden" und eine ganze Reihe von Reformen hervorhebt. Die Zionisten müssen die Kultusgemeinden erobern, wobei Nichteingehung in Kompromisse mit anderen jüdischen Parteien zu beobachten wäre. Das neue D.-K. bilden die Herren Adolf Stand, Dr. Löwenherz, Leon Reich, Dr. P o r d e s, J. Philipp, Gustav Bader, Z. Aschken asy und Herz, Eine Anti-Orgelversammlung in Berlin. Die wegen des geplanten Neubaues einer Synagoge für den Nordbezirk Berlins auf der Rykestrasse herrschende Erregung, ob das Gotteshaus eine Orgel erhalten solle oder nicht, und die bei der überwiegenden Zahl der hierfür in Betracht kommenden Anwohner vorhandene entschiedene Abneigung gegen eine Orgel und den damit verbundenen Kultus kamen in höchst energischer Weise in einer äusserst zahlreich besuchten Versammlung zum Ausdrucke, welche der „Zentralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde in Berlin" lür den 19. November einberufen hatte; der Saal der Brauerei Königsstadt vermochte nicht die Anzahl der Besucher zu fassen, so dass viele keinen Einlass fandrn. In der Versammlung, deren Vorsitz Herr Geheimer Sanitätsrat Dr. Blumenthal führte, erstattete Herr Aron Hirsch ein vorzügliches Referat» Der Referent führte aus, dass er die Orgelfrage für Berlin nicht entscheiden wolle, da dieselbe durch die bestehenden Orgeln im gewissen Sinne schon entschieden wäre, es handelte sich einfach um die Frage, ob diese Synagoge eine Oigel erhalten solle. Auf Grund genauer statistischer Zahlen wies er nach, dass sowohl die Betstätten der Privat-Synagogen- Vereine, als auch die von der grossen Gemeinde für die hohen Festtage eingerichteten Betstätten ohne Orgel einen vollen Besuch aufweisen, woraus deutlich die Stimmung gegen die Orgel hervorgehe. Die Nichtigkeit der Einwände des Vorstandes der Gemeinde, eine Andacht ohne Orgel sei in einer grossen Synagoge nicht möglich, beweise eine ganze Anzahl grosser Gemeinden; der Grund, mit Rücksicht auf die Hochzeiten eine Orgel zu haben sei auch nicht stichhältig, da nur der geringste Teil der Trauungen in der Synagoge stattfinde. Er schloss mit der Aufforderung, durch ein einstimmiges Votum gegen die Orgel den konservativen Repräsentanten die Möglichkeit zu geben, ernst gegen die Forderung des Vorstandes Front zu machen im Interesse der Gemeinde selbst. Herr Geheimrat Blumenthal erklärte in den Dankesworten an den Referenten, dass man die Versammlung einberufen habe, damit dieselbe den Repräsentanten das Rückgrat stärke. An der Diskussion beteiligten sich im wesentlichen die Herren: Redakteur Kl a u s n e r, Hartmann, Ludwig B.ehr, Wedeil, Weinberg, Dr. Ro serberg, Bernstein, welche sich mit Ausnahme des Herrn Hartmann gegen die Orgel aussprachen. Herr Behr bedauerte, dass er nach einem Redner wie Herr Hartman^ sprechen müsse, da dieser Herr es verstehe, durch die Form und Art seiner Sprache das Niveau auch der ernstesten Versammlung herabzudrücken. Herr Behr wandte sich speziell grgen den Referenten in dem Punkte, worin er sagt, die Orgelfrage sei für'Berlin erledigt' Er> wies nach,*dass-" manr die Orgel zu einher &eit eingeführt habe, als man sich bestrebte, überall nichtjüdische Sitten nachzuahmen. Es sei jetzt überall das Bestreben vorhanden, zu dem spezifisch Jüdischen zurückzukehren. Er wies nach, wie Schriftsteller der Vierzigerjahre sich höchst abfällig über diese Nachahmungssucht ausgesprochen hätten, und verlangte, dass wir in unseren jüdischen Kultus-Einrichkirjgen uns nur nach uns selbst richtten, entsprechend der alten Vorschrift der Thora: Uwchukkaussom lau sselechu. Wir wollen keine israelitischen Kirchen, keine verchristlichten Synagogen, sondern eine rein jüdische Synagoge, in der man sich freut, die alten Gepflogenheiten des traditionellen Gottesdienstes wiederzufinden, er verlange daher einen absolut unveränderten Gottesdienst. Herr Klausner sprach sich gegen die Orgel aus, machte aber den anwesenden Repräsentanten den Vorwi rf, dass sie es nicht verhindert hätten, dass der Platz für die Orgel frei blieb und dass sie nicht eher zu dieser Frage Stellung genommen hätten und ausserdem ihr Versprechen, das Parochial-System einzuführen, noch nicht wahr machten. Wenn dieses System eingeführt wäre, dann hätte man überhaupt keinen Anlass, die Frage einer Orgel für den Norden zu diskutieren, vielleicht nicht einmal für den Westen. Herr Rechtsanwalt Dr. Cohn wies allerdings die diesmal in der Form ganz milden Angriffe des Herrn Klau sn e r zurück, indem er erklärte, dass die Repräsentanten ernstlich für das Parochial-System wirksam wären, auch sei die Orgelfrage bereits in einer, im Acschluss an die General- Versammlung des Zentral Vereins einberufenen Versammlung eingehend erörtert worden und zwar auf eine Anfrage des Herrn Behr hin. Es sei den Repräsentanten der Vorwurf gemacht worden, dass sie sich erst das Rückgrat stärken lassen müssten, aber die Gemeindemitglieder sollten bedenken, dass ein Teil des Rabbinats, darunter ein sehr einflussreicher Herr, sowie fast der ganze Vorstand für die Orgel eingetreten seien; sie hätten daher mit den Wählern Fühlung nehmen sollen, um sich von der Stimmung in den Stadtvierteln selbst zu überzeugen, und nachdem sie von der einmütigen Stimmung Kenntnis genommen hätten, würden sie in dem Sinne der Versammlung ihre Stellung in der Frage weiter fest behaupten. Herr Klausner führte ein zweites Mal aus, dass er lediglich deshalb gegen die Orgel sei, weil diese chukkos hagBuim wäre, und auf den Zuruf des Herrn Behr, die Orgel wäre ein Symptom, akzeptierte er diesen Ausdruck, und sagte, gerade deshalb sei er dagegen. Nach einmütiger Annahme einer von Herrn Behr eingebrachten Resolution folgenden Wortlauts: „Die am 19, November 1903 in der Brauerei Königsstadt tagende Versammlung, überaus zahlreich besucht von Herren und Damen der in den Vierteln Schönhauser-, Prenzlauer- und Königstor wohnenden jüdischen Bevölkerung Berlins, protestiert Regen die Absicht, in der Synagoge Rykestrasse eine Orgel zu errichten, und drückt den entschiedenen Wunsch aus, dass der Gottesdienst in dieser Synagoge nach a 11 hergebrachter Weise eingerichtet werde." wurde die Versammlung gegen 11 Uhr geschlossen und Hess in den Teilnehmern das Bewusstsein zurück, hoffentlich zu einer Sache beigetragen zu haben, die nicht nur für die Gemeinde zu Berlin, sondern auch für viele andere Gemeinden von Bedeutung ist. Denn es gibt immer noch eine Reihe von kleinen Gemeinden, die glauben, dem grossen Berlin nicht nachstehen zu müssen in Bezug auf Einrichtung einer Orgel, als eines der modernen Zeit entsprechenden, unbedingt notwendigen Erfordernisses. Hoffentlich wirkt es auch in Zukunft weiter auf die Provinz-Gemeinden zurück, wenn sie sehen, dass in Berlin endlich mit dem Wahne gebrochen wird, dass es ohne Orgel nicht geht. Die Autorität des Rabbinats aber und vor allen Dingen des ,,angesehenen Mitgliedes desselben", welches sich für die Orgel aussprach, hat durch den Verlauf der Versammlung wahrlich nicht gewonnen. Dies bezieht sich natürlich auf diejenigen, bei deren die Autorität des jetzigen Rabbinats in seiner Gfsamtheit überhaupt noch etwas einbüssen konnte, denn es gibt ja manche einfache jüdische Hausfrau, die im Falle sie einen religionsgesetzlichen Entscheid haben will, nicht an diese Herren appelliert, sondern ganz wo anders Belehrung sucht und findet. Wir nehmen an, dass der Vorstand der jüdischen Gemeinde auf seiner Vorlage nicht bestehen bleibt, wenn anders er sich nicht den berechtigten Vorwurf zuziehen will, dass er es versteht, einen grossen Teil der Gemeinde geistig zu vergewaltigen. X. Y. Z.