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Die Welt · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
48 (27.11.1903)
Article
Die Kischenewer Waisen und die Wiener Kultusgemeinde
Date
1903-11-27
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „bi* * weit" Nr. 48 sprangen alle Türen vor ihnen auf, die Museen, der Schönbrunner Tierpark, die kaiserlichen Gemächer. Von der Gasse weg wurden die Kinder in die Familien geladen, selbst christliche Passanten, Kutscher, Kondukteure und Polizeimänner verweilten, um dem menschlichen Elend ein gutes Wort zu zollen. Und von den Kultusgemeinden Galiziens liefen Anfragen ein, wie es den Waisen gehe, und die Kultusgemeinden in Graz und Triest telegraphierten und telephonierten um Aufträge, wie sie die Kinder bewirten und erfreuen könnten. Bei solcher Sachlage war es dem innerösterreichischen Distrikts-Komitee zu verzeihen, wenn es an die Wiener israelitische Kultusgemeinde und die israelitische Allianz in Wien mit dem höflichen Ersuchen herantrat, in Ausübung jüdischer Gastfreundschaft zu den Kosten des hiesigen Aufenthaltes der Kischenewer Waisen beizutragen. Der Erfolg war verblüffend. Herr Dr. Alfred Stern, der 1. Vizepräsident der Gemeinde, empfing in Vertretung des erkrankten Präsidenten Herrn Klinger eine zionistische Deputation mit den schroffen Worten: „Das ganze sei ein Schwindel, die meisten Kinder seien — seiner Information nach — weder Waisen, noch aus Kischenew, die Kischenewer Gemeinde, der Rabbiner, die angesehensten Bürger, selbst Zionisten seien gegen diesen Kinderkreuzzug durch ganz Europa, der zu blossen Demonstrationszwecken ausgenützt werde. Die Mütter der Waisen seien nur durch grosse Versprechungen „Übermacht" worden und weder die Gemeinde, noch die Allianz geben für diese hässliche Sache einen Heller." Das Landes- Komitee übersandte als Antwort auf jene Auslassungen zur besseren Informierung der Gemeinde ein ausführliches, mit Israel Beikind aufgenommenes Protokoll, aus welchem der Werdegang der unter Patronanz des offiziellen Kischenewer Hilfskomitees verwirklichten Expedition erhellte und der Neugier des Herrn Dr. Stern Befriedigung wurde, wie viel von dem Kischenewer Waisen — denn das sind sie bis auf einen auf eigene Kosten fahrenden Rostower alle — gerade durch das Massacre ihrer Eltern beraubt oder — von früher her verwaist — bei diesem Anlass selbst bloss verwundet oder brotlos gemacht wurden. Mit diesem Protokoll kreuzte sich die offizielle Antwort der Gemeinde, sie sei infolge authentischer Informationen nicht in der Lage, einen Beitrag zu leisten. Trotzdem hatte das Protokoll die Wirkung, dass Dr. K r e n - b e r g e r, Obmann des L.-K., zur Gemeinde geladen wurde, wo nunmehr Herr Dr. Stern als Grund der Ablehnung pädagogische Gründe anführte, während sein Amtskollege Herr Dr. Gustav K o h n Sich mit dem Geldmangel der Gemeindekasse entschuldigte. Alle diese Erklärungen des Unerklärlichen, dass jüdische Gemeindeväter armen Waisen, die aus dem Lande, das ihre Väter schlug, ins Land der Ahnen ziehen, jede Handreichung weigern, scheinen den Wiener Zionisten wenig plausibel. Sie sind überzeugt, dass bloss der grimmige Hass, der die altliberalen Vorsteher der Kultusgemeinde gegen die unbequemen Neuerer, die Nationaljuden, erfüllt, sie zu jenem Schritte missleitet hat. Nun steht zu erwarten, was das jüdische Volk von Wien auf diese Tat seiner Führer antworten wird. Die Zionisten werden sich der Pflicht nicht entschlagen können, das Volk zu befragen. Dr. Zweig. Lemberger Brief. Wz. Am 15. November 1. J. tagte in Lemberg die Konferenz des Lemberger D.-K. Im Namen des D.-K. erstattete Herr Dr. P o r d e s seinen Bericht. Nach einer kurzen Debatte wurde dem D.-K. das Absolutorium erteilt. Dr. H. Löwenherz referiert über unsere Stellung zu den nicht jüdischen politischen Parteien Galiziens. Referent charakterisiert die verschiedenen Meinungen, die im zionistischen Lager über Landespolitik herrschen. Die einen lehnen jede Landespolitik ab, die anderen wieder wollen Mandate für Landtag und Abgeordnetenhaus erobern, ohne sich jedoch über die Konsequenzen einer bewussten jüdisch-nationalen Politik klar zu sein. Referent vertritt die Meinung, die Zionisten müssten sich mit der Heranbildung der Juden zur politischen Reife begnügen, also mehr pädagogische als politische Zwecke verfolgen. Die zwecklosen Provokationen, welche gewissenlose Wahlmacher begehen, indem sie das jüdische Volk in ihre unlauteren Spekulationen hineinziehen, rufen gerechtfertigte Entrüstung der polnischen und ruthenischen Bevölkerung hervor. Die Bekämpfung der Wahlkorruption müsse daher einesder nächsten und wichtigsten Ziele der Landespolitik der Zionisten sein. Referent spricht über die wichtigsten politischen Parteien und stigmatisiert speziell die zweideutige Politik der allpolnischen Nationaldemokraten in ihren Organen „Slowo Polskie41 und „Przeglad Wszeehpolski". Diese Partei hat in ihrem Programm zwei neue Parolen aufgestellt: 1. Die Industrialisierung u-d 2. Die Sonderstellung Galiziens. Die erstere ist von grosser Wichtigkeit, dehn, die Industrialisierung Galiziens ist das gemeinsame Terrain> worauf wir alle zusammenarbeiten können.Unter diesfrDevise aber wird der Antisemitismus geschürt, es werden sogenannte Landesbazare gegründet u. s. w. Die Juden müssen daher acht geben, dass sich die Spitze dieser neuen Agitation ni entgegen die jüdischen In* teressen wende, Angesichts der konsequenten Präterierung der Juden bei den Aemtern und Lieferungen seitens der auto* nomen Landesbehörden, müssen wir uns gegen eine Erweiterung der Autonomie Galiziens aussprechen. Nach einer lebhaften Diskussion, an der die Herren Leon Reich, Palek, Dr. Po r des und andere teilnahmen, wurden folgende Resolutionen des Gesinnungsgen. Löwenherz angenommen. I. Landespolitik. 1. Die Konferenz des Lemberger zionistischen D.-K. erachtet die Hebung der Juden zu einem höheren Grade politischer Reife für sehr empfehlenswert. 2. Die Taktik wird den einzelnen zionistischen Organisationen nach Massgabe der lokalen Verhältnisse überlassen. Die Landespolitik soll jedoch folgende Leitsätze verfolgen: a) Die Wahlkorruption ist als schädlich und Verderblich mit allen Mitteln £u bekämpfen-. b) Bei Wahlen in die parlamentarischen und autonomen Körperschaften sind nur solche Kandidaten zu wählen, die sich verpflichten, v o n der Parlamentstribüne aus jedes den jüdischen Wählern zugefügte Unrecht zu stigmatisieren und auf die E r f ül 1 ung der Gesetze gegenüber den Juden im Sinne der Gleichberechtigung mit ihrem ganzen Einflüsse zu dringen — und welche dabei garantieren, dass sie in Erfüllung dieser Pflichten seitens ihrer Klubgenossen im Parlamente keine Beschränkung erleiden. 3. Von jüdischen Kandidaten, muss ausserdem Achtung vor unseren nationalen Aspirationen verlangt werden. Mangels dieser Garantie sind eher diejenigen nichtjüdischen Kandidaten, zu unterstützen, die mit der jungjüdischen Bewegung sympathisieren. 4. Die Propagierung dieser Ideen in Wort und Schrift empfiehlt die Konferenz wärmstens auch ausserhalb der streng parteilichen Organisationen, wobei die Konferenz im polnisch-ruthenischen Streite gänzliche Neutralität für empfehlenswert erachtet. IL Industrialisierung Galiziens. Die Industrialisierung Galiziens, welche zur Hebung der Kultur und des Landesreichtums führt, betrachtet die Konferenz als eines der Mittel zur IÄnderung des ökonomischen Elends des jüdischen Volkes, wobei wir uns jedoch gegen das Hineinschmuggeln antisemitischer Tendenzen unter dem Mäntelchen der Nationalisierung der Industrie verwahren. III. Sonderstellung Galiziens. Angesichts der offen feindlichen Stellung der galizischen autonomen Behörden zu den Juden, betrachtet die Konferenz eine Erweiterung der autonomen Rechte in dem von den Initiatoren dieser Idee propagierten Geiste als eine Gefahr, vor der sie die Gesinnungsgenossen warnt. Del. Bikeles referiert über unsere Stellungnahme zu den jüdisch-nationalen Arbeiterkorporationen. Er erachtet es als Pflicht der Zionisten, die Arbeiter auf nationaler Basis beruflich zu organisieren und sie moralisch, materiell und geistig zu beeinflussen und zu unterstützen. Die nationalen Berufsorganisationen unterliegen in allgemein nationalen Angelegenheiten dem D.-K., dagegen in Berufsangelegenheiten, die die Besserung der ökonomischen Lage der Juden anstreben, dem im Juni d. J. ins Leben gerufenen Landesverbände der jüdisch-nationalen Arbeiterorganisationen. Die in diesem Sinne gefassten Resolutionen wurden angenommen. Dr. P o r d e s referiert über „Organisation und Agitation" und befürwortet die Unterstellung Galiziens direkt unter das A.-C, was jedoch von der Konferenz abgelehnt wurde. Er appelliert an die eigenen Organisationen betreffs grösserer Disziplinund Unterwerfung unter die Befehle

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