Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
48 (27.11.1903)
Article
Kischenew
Date
1903-11-27
Page
9 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316068--44653-3339294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 48 „bit weit" Seite 9 Aus Russland. Kischenew. Der Prozess gegen die Judenmörder von Kischenew hat am verflossenen Donnerstag seinen Anfang genommen. Die Geheimführung der Verhandlung wurde so streng durchgeführt, dass nicht^einmal die geplünderten Juden, welche als Zeugen figurieren, das Recht erhielten, einige Vertreter der Gemeinde als Delegierte den Verhandlungen zugezogen zu sehen. Inzwischen fahren die antisemitischen Blätter von Petersburg und Moskau fort, die Juden von Kischenew der Hauptschuld an den Exzessen zu zeihen und für die Mörder Partei zu ergreifen. Die »Nowoje Wremja" verlangt noch immer, dass „Juden als Schuldige an der Ermordung von Christen" unter Anklage gestellt werden sollen. Inzwischen verlautet, dass in Kischenew vor den Exzessen ein gewisser Baron v, L evendall eintraf, der eine ganze Bande von Agenten führte, welche das Volk zu den Exzessen aufhetzten und die Exzedenten sogar an den Schreckenstagen zu den Morden aufstachelten. Jetzt ist Baron v. Levendali verschwunden und die geplünderten Juden sollen die Absicht haben, diese Tatsache vor Gericht zur Sprache zu bringen. Petersburg. Die „Peterburgskija Wjedomosti8 melden, dass im Ministerium des Innern die Absicht besteht, fünfunddreissig Dörfer in Südrussland in Städtchen zu verwandeln und den Juden das Wohnrecht in denselben einzuräumen. Irkutsk. Wie die „Wostotschnoje Odosrenje* meldet, hat der neue Generalgouverneur von Irkutsk, Fürst Kutaissow, die Polizeichefs von Irkutsk beauftragt, die Wohnrechte der in Irkutsk lebenden Juden zu überprüfen und alle Juden auszuweisen, deren Wohnrecht nicht genügend formuliert werden könnte. Grodno. Gegen den sogenannten „Rabbiner kongress/ welchen der berüchtigte Poltawaer „Daian" R a b i n owitsch nach Grodno einberufen hat, haben einflussreiche russisch-jüdische Blätter scharfen Protest erhoben. Der „Woskhod* sagt, die besten Elemente des russischen Rabbinats sollten dem Kongress in Grodno fernbleiben, auf dem eine so dunkle Persönlichkeit, wie der »vj von Poltawa die führende Rolle spielen wird. Odessa. Die neue „Künstler- und Artistengesellschaft,* welche in Odessa unlängst gegründet wurde, hat — wie die „Odesskija Nowosti" melden —beschlossen, Juden als Mitglieder nicht aufzunehmen. Berdjansk. Wie der „Wjestnik Jugatf meldet, hat der Polizeimeister von Berdjansk, Andrejew, 62 Juden, welche im Hofe der Synagoge eine Versammlung abhielten, um Delegierte für den VI. Kongress zu Basel zu wählen, dem Gerichte unter der Anklage angezeigt, unerlaubte Versammlungen abgehalten zu haben. Das Bezirksgericht sprach alle Angeklagten frei, wobei die Begründung des Freispruches in hohem Masse beachtenswert ist. In seiner Begründung sagt das Gericht unter anderem wörtlich : „Dass die Angeklagten sich im Hofe der Synagoge versammelt haben, um ihre Angelegenheiten zu beraten, kann nicht als unerlaubte Zusammenkunft betrachtet werden. Kann man die Juden dafür beschuldigen, dass sie die Frage der Verbesserung ihrer Lage lebhaft interessiert? . . .* Gt. Die Waisen von Kischenew. Donnerstag den 13. d. M. sind sie mit dem Abendzuge der Nordbähn in Wien eingetroffen. Mitglieder des Landeskomitees, des Distriktskomitees, unsere rührigen Gesinnungsgenossinnen Frau Fanny Weiss und Frau Hartmann, zahlreiche Arbeiter und Studenten hatten sich zum Empfange der Kleinen eingefunden. Führer der Kleinen ist unser wackerer Pionier in Palästina, Lehrer B e 1 kin d, ein Teilnehmer der „Biluu, jener berühmten Studentengruppe aus Russland, die nach den Exzessen der 80er Jahre nach Palästina auswanderte; weiters fahren zwei Frauen mit, welche die Bewachung und Betreuung der Kinder besorgen. Die Kinder würden bei ihrer Ankunft von den Studenten aus den Waggons gehoben und ihre erste Frage galt Dr. Herzl. Hierauf wurden die Kleinen in zwei Omnibussen einwäggoniert und ins Hotel Romania überführt, wo ihrer ein kräftiges Abendmahl wartete. Im Hotel herrscht ein reges Treiben, Frauen und Mädchen, zumeist aus unseren Organisationen, stellen sich ein, um sich den Kindern zu widmen und für ihre Bedürfnisse Sorge zu tragen, Studenten kommen, üm mit den Kindern spazieren zu gehen und ihnen die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Die Firma M i c h e 1 s t e 11 e r hat einige Paar Schuhe gespendet, die Firma Neumann lässt drei Knaben bekleiden, die Bäcker Kantor und Kraus haben Gebäck, eine andere Firma Kämme geschickt und der „kleine Hans aus VösIauV der sich immer einstellt, wo etwas zu spenden ist, hat aus seiner Sparbüchse 5 Kronen geopfert, eine andere Kindergruppe hat 10 Kronen 40 Heller gesammelt. Auch die Kleiderfirma Mandl hat sich erbötig gemacht, 6 Knabeii mit Kleidung auszustatten. Die Kinder stehen im Alter von 5—17 Jahren. An ihren Führer Herrn B elkin d, den sie „Adoni" anrufen, hängen die Kinder mit grosser Liebe und Herr Beikind nimmt jede Gelegenheit wahr, um den Kindern väterliche Ermahnung und Belehrung zu geben. Die Kinder sind überaus aufgeweckt und. es geschieht alles, um sie bei guter Laune zu erhalten. Der Besucher ist im Nu umringt, ein freundliches „Schalom" wird ihm geboten und die Hände zum Grusse entgegengestreckt. Freitag abends begaben sich die Kinder zum Gottesdienste in den Leopoldstädter Tempel, wo sich eine grosse Menschenmenge eingefunden hatte. Sonntag nachmittags wurde zu Ehren der Kleinen in der Toynbeehalle eine Kinderjause veranstaltet, wo es äusserst munter zuging; die Kinder sangen hebräische Lieder, Rev. H e c h 1 e r demonstrierte ihnen an plastischen Karten die Lage ihrer zukünftigen Heimat Palästina und forderte sie auf, immer brav und ihrem Lehrer folgsam zu sein. Herr Dr. Herzl besuchte die Kleinen, erkundigte sich nach ihrem Befinden und erfreute sie durch Liebesgaben. Von Wien aus schliesst sich unsere bekannte Gesinnungsgenossin Frau Swenigorödskaja aus Russland der Expedition an und wird die Kinder nach Palästina begleiten. So wird alles getan, um den Kindern, den zukünftigen Ackerbauern in Palästina, den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen und sie an die schrecklichen Stunden vergessen zu lassen, die sie miterleben müssten. Der um den Empfang der Waisen in Husi.atyn verdiente Obmann des dortigen kaufmännischen Kasinos ist Herr Benzion Hollenberg. Weiters traten durch tätige Hilfeleistung hervor: Fräulein C. Kawallek und die Herren B. Hollenberg, Ph. Kawallek und O. Häusling er. * Die Kischenewer Waisen und die Wiener Kultusgemeinde. Ein Hauch weht durch die Lande, der nationale Geist, und hat das jüdische Volk zu neuem Leben erweckt. Die Grenzen der Provinzen, Länder und Erdteile, welche uns Juden bis dahin trennten, versanken dem Zionisten in nichts. Ja, der Volksgenosse ist uns umso herzlicher willkommen, je weiter er herkommt und je fremder er sich trägt. Diese reine Freude des Wiedersehens werden uns jene, die da von dem tiefen Gegensatz zwischen Ost und West kläffen, nicht vergällen. Dieses Gegensatzes werden wir uns nur bewusst, um ihn zu überwinden. Als vor drei Wochen die Nachricht nach Ostgalizien drang,- dass eine an 30 Kinder starke Gruppe der Kischenewer Waisen auf der Fahrt nach Jaffa dort durchfahren werde, bemächtigte sich eine tiefe Erregung der jüdischen Grenzbevölkerung von Brody über Podwoloczyska bis riussiatyn. Alles verlangte darnach, die Kinder zu begrüssen, sie mit Beweisen" der Liebe zu überhäufen. In Hussiatyn, Kopzczynze und Tarnopol wurde diesen Wünschen Erfüllung und es gab Mühe, die Ausbrüche der Liebe unserer Volksmassen im Zaum zu halten. Um die Kinder diesen Aufregungen zu entrücken, wurden sie vom Lehrer Beikind in durchgehendem Zuge bis nach Wien geführt, zur schmerzlichen Enttäuschung aller Judensiedlungen längs der Bahn, die, überzeugt, dass auch ihnen die Verbrüderung mit den Pionieren des Volkes vergönnt sein werde, sich zum festlichen Empfang gerüstet hatten. Und erst in Wien! Von der Stunde der Ankunft bis zu jener der Abfahrt wollte der Zulauf von Zionisten und Nichtzionisten nicht enden, welche keineswegs müssige Neugier zu unseren Waisen führte, sondern Liebe, warmquellende, jüdische Liebe. Als Beweis dessen die Zärtlichkeit, die sie an die Waisen wandten und die ihnen in gleichem Masse vergolten wurde, Beweis die Liebesgaben, die sie unaufgefordert herbeibrachten: Geld, Stoffe, Wäsche, Kleider, Hüte, Beschuhung, Arbeits- und Spielzeug, Ess- und Naschwaren, ernste und heitere, hebräische und deutsche Bücher. Nachdem die Waisen von Kopf zu Fuss neu equipiert waren, mussten noch neun grosse Kisten angefüllt werden, die der Spediteur — natürlich gratis — zur Bahn führte. Und Südbahn und Lloyd wetteiferten miteinander, die äussersten Fahrtermässigungen zu gewähren. Und wohin man die Waisen in Wien führte,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.