Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Article
- Ein russischer Apologet des Zionismus
- Date
- 1903-11-27
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „bie # weit Nr, 48 harten Bette in einem kleinen und schwülen Z immer chen, und ein Schwärm böser Erinnerungen peinigte seine Seele. Aber alle diese Erinnerungen wuchsen zu einem Bilde heran, das nur die unmenschlichen Leiden seiner Brüder zum Gegenstände hatte. Und es kam ihm vor, dass er immer mehr in die Höhe fliege und mit einer Stimme, welche in der ganzen Welt vernehmbar wurde, wo Juden leben und leiden, der ganzen Menschheit zuriefe: „Warum martert Ihr uns?!* Und er wollte die ganze Welt verfluchen, welche seine unschuldigen Brüder quält; aber in diesem Augenblick öffnete sich die; Tür und ein Mann trat herein, welchen der Kranke im ersten Augenblick nicht erkannte. Der Mann näherte sich alsbald dem Bette und sagte: „Ich habe mit grosser Mühe Ihre Adresse erfahren. . [ . Ich wollte so rasch als möglich Sie sehen . . . Sie umarmen ... für Ihre Novelle . . .* Und er umarmte den kranken Jüngling und wollte ihn küssen . . . Dieser aber wehrte ab. Er erkannte in dem Manne den berühmten russischen Schriftsteller und seine Nerven, in den Misserfolgen des Lebens und in Beleidigungen gtstählt, hielten die Begeisterung nicht aus, welche ihmein Mann entgegenbrachte, den er stets als ein höheres Wesen betrachtet hatte. Er brach in Schluchzen aus. Der russische Schriftsteller gab sich Mühe, ihn zu beruhigen. Er spendete seinem Werke rückhaltloses Lob, bezeichnete es als eine kolossale Bereicherung der heimatlichen Literatur und versicherte Katz enbo gen, dass ihm nunmehr in der Literatur und in den Reihen der besten Juden ein ehrenvoller Platz gesichert sei. Aber Katzenbogen dachte in diesem Augenblick nicht an seinen Ruhm, sondern ausschliesslich an seine Brüder, welche tiberall verfolgt werden, welche überall unglücklich sind, und denen er vor seinem Tode irgend welchen Dienst erweisen wollte. Und unter dem Einflüsse dieser Gedanken begann Katzenbogen die Leiden seiner Brüder zu schildern. Er erzählte, wie er als Kind, als Jüngling, als Student und als Mensch überall verfolgt und beleidigt wurde, wie seine Geschwister leiden mussten, wie seine Volksgenossen wie Parias behandelt werden, und seine Schilderungen erhoben sich zu einer furchtbaren Anklage gegen die Peiniger der Juden, zugleich aber auch zu einem erschreckenden Bilde der Qualen unserer Volksgenossen in der ganzen Welt. Und erschöpft sank Katzenbogen in seine Polster zurück und ein unheimlicher Husten brach seine Schilderungen ab . . . Tiefbewegt stand der russische Schriftsteller da und bemühte sich, den aufgeregten Katzenbogen zu beruhigen. Unter anderem versprach er, die Novelle nach Petersburg zu nehmen, und sie in einer dortigen liberalen Monatsschrift unterzubringen. Am folgenden Samstag fand in der grossen Synagoge eine stark besuchte Zionistenversammlung statt, der auch viele Studenten, Katzenbogen und auch der russische Schriftsteller beiwohnten. Die Versammlung wurde durch eine Rede des Zionisten Israelson eröffnet, welcher vom letzten Zionisten-Kongresse heimgekehrt war* Und Israelson entrollte ein schauderhaftes Bild der Leiden und der Qualen, welche unsere Volksgenossen überall erdulden. Seine Erzählungen wurden oftmals durch lautes Weinen unterbrochen. Der russische Schriftsteller hörte den erschütternden Erzählungen gesenkten Hauptes zu, als ob er sich selbst schuldig fühlen würde; Katzenbogen atmete schwer und wandte die Augen von dem Redner nicht ab, zwei alte Juden in ihrem langen Kaftan hörten nicht auf zu weinen. Seine erschütternde Rede schloss Israelson mit den Worten : „Das ist die Lage. Urteilt nun selbst . . ♦ was jetzt tun? Soll man so weiter fortleben, oder irgend einen Ausweg suchen?* „Einen Ausweg sicher! ... So kann man weiter nicht leben! ♦ . riefen alle einstimmig. Und Israelson hub wieder an zu sprechen. Er sagte: „Viele behaupten, dass wir nur im Traume eigenen Boden, eigene Einrichtungen, eigene Rechte besitzen können . . . Oh, oh, es sind keine Träume! Die Männer, welche an der Spitze der Bewegung stehen, wissen, was sie tun. Viele von uns haben ebenfalis geglaubt, dass es Träume wären, aber wir mussten uns davon überzeugen, dass wenigstens vielen von uns eine bessere Zukunft bevorsteht. Hauptsache aber ist, dass unsere Brüder sich ihrer Macht bewusst und mit erhobenem Haupte einhergehen werden . . . Das allein wird ein grosses Verdienst sein. Der Mangel an nationalem Selbstbewusstsein hat unsere Erniedrigung verschuldet. Wir werden überfallen. Zweitausend Jahre haben wir die Schläge geduldig ertragen! Sollen wir dies auch jetzt tun? Oder was sollen wir dem Ueberfalle entgegenstellen?" „Liebe!" rief der russische Schriftsteller. Wie vom Blitz getroffen, sprang der kranke Katzenbogen vom Sitze auf und riet dem Russen zu: „Liebe! Wir danken dafür. Jahrhunderte lang hören wir diese Worte, aber ausser Hass haben wir nichts erhalten. Jetzt wollen wir Gerechtigkeit, und wir werden sie erzwingen! . , Und der Vorsitzende der Versammlung beeilte sich, Katzenbogen zu Hilfe zu eilen und seinen Gedankengang fortzuspinnen. Er sagte: .Verlieret den Mut nicht, gebet euch dem Kummer nicht hin! Unsere Sache ist eine heilige Sache!" Der Russo verliess Arm in Aim mit Katzenbogen die Synagoge, indem er den mächtigen Eindruck nicht abwehren konnte, welchen die Versammlung auf ihn übte... Wenige Tage darauf verliess der Schriftsteller die Stadt, um nach Petersburg zu reisen. Er nahm die Novelle von Katzenbogen mit, welche er in einer hervorragenden liberalen Monatsschrift unterzubringen versprach. Einige Wochen verstrichen und Katzenbogen erhielt vom russischen Schriftsteller die Meldung, dass seine Novelle, von der alle entzückt seien, von der Redaktion einer bekannten liberalen Monatsschrift akzeptiert worden sei, wo sie demnächst erscheinen werde. Und wiederum waren einige Wochen verstrichen. Katzenbogens Gesundheitszustand verschlimmerte sich täglich, bald trat sogar die Zeit ein, wo der Kranke nicht ausgehen konnte und im Bette bleiben musste. Erschien nurin der Hoffnung auf die baldige Publikation seiner einzigen Novelle zu leben, welche, wie er hoffte, der Welt den moralischen Wert seiner Stammesgenossen dokumentieren werde Aber noch an der Schwelle desGrabesmussteK atzenbogen erfahren, dass der Jude überall entweder gehasst oder verachtet wird. Wenige Tage vor seinem Tode erhielt er von der Redaktion der liberalen Monatsschrift, welche seine Novelle zum Abdrucke akzeptierte, ein Telegramm, in welchem er aufgefordert wurde, ein russisches Pseudonym zu wählen, da sie die Novelle unter dem Namen Katzenbogen nicht drucken könnten.....Und er überliess die Wahl dieses Pseudonyms der Redaktion... Einen Tag vor seinem Tode traf das Heft mit der Novelle ein, als Autor derselben figurierte ein gewisser Borissow... Katzenbogen verschied noch in derselben Nacht, ohne das Heft aufgeschnitten zu haben..... Aber noch im Sterben träumte er von der glücklichen Zukunft seiner Volksgenossen, welche ihnen im Lande ihrer Väter sich eröffnen werde. Er überliess seine Ideen von der Wiedergeburt seines Volkes den treuen Söhnen des jüdischen Volkes als Vermächtnis,' das zu verwirklichen die Lebensaufgabe dieser Söhne bilden muss ... G. Nola.