Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
48 (27.11.1903)
Article
In der "Jüdischen Rundschau" [Kommentar]
Date
1903-11-27
Page
7 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316068-3339142--44648-3339292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 48 „bis & weit" Seite 7 Bildung und am allermeisten die Ausbreitung und Ausweitung unserer hebräischen Sprache. Kulturaufgaben sind es, die wir in Palästina zu erfüllen haben. Aber diese Arbeiten, die unbedingt notwendig sind, stören nicht die Kreise unseres Aktionskomitees, sondern sind ihre notwendigen Ergänzungen. Daium haben wir ja die Palästinakommission mit festem Etat auf dem Kongress gewählt, darum eben geht die Tätigkeit der Ge'ulah Hand in Hand mit dem politischen Zionismus, dessen integrierender Teil sie ist. Nicht zum Fallstrick für den Zionismus soll die Kolonisation werden, wie unsere Berliner und Pariser Schmollwinkler schon frohlocken, die in Ostafrika den Schamir gefunden zu haben glauben, mit dem sie ohne Schwertstreich den Zionismus spalten können. Die Kolonisation wird im Gegenteil weiter der feste Grundstein bleiben, auf dem die Gegenwartsarbeit des Zionismus aufbaut, die in keinem Widerspuch steht zu unsern ßemümühungen um die öffentlich-rechtlichen Garantien, die wir erstreben. Denn ohne diese Sicherheiten bängt die ganze Gegenwartsarbeit in der Luft. Vor allem aber wissen wir Zionisten alle, und gerade auoh unsere Gesinnungsfreunde in Russland sehr wohl, dass die Kolonisation und die plötzlich erwachte Zionsliebe nur der Köder sind, mit dem man sie vom Kongress hiweglockeu möchte. Unsere russischen Freunde wissen viel zu gut, dass die Spaltung des Zionismus seinen Untergarg bedeuten würde. Sie verstehen eben so gut wie wir, dass die „guten Leute", die auf diese Spaltung hinarbeiten, nicht die Freunde von Zion, sondern die Feinde des Zionismus sind. Wir kennen sie und hüten uns vor ihnen, wenn sie, wie es im Psalm heisst, „ihre Zungen glätten"* Wir, die alten Zionisten, die alten Kämpfer für den Kolonisationsgedanken, wir halten treu zu unserer Führung, die den Zionismus gross gemacht hat. Wir werden den Feinden unseres Volkes und des Zionismus nicht den Gefallen tun, Uneinigkeit in unsere eigenen Reihen zu tragen. Aber wir werden weiter für Gegenwartsarbeit in Palästina tätig sein. Wir arbeiten gern und unentwegt für Kolonisation in Palästina — für innere Kolonisation, Ein russischer Apologet des Zionismus. Eine vor Kurzem in Russland erschienene Schrift des bekannten Bürgermeisters von Baku und ausgezeichneten Publizisten, Alexander Nowikow, wird im Zarenreiche gegenwärtig äusserst lebhaft besprochen. Diese unter dem Titel „Die einzige Novelle des Herrn K a t z e n b o g e n"*) veröffentlichte Schrift bietet tatsächlich grosses Interesse. Es dürfte wohl zum erstenmale sein, dass ein Nationalrusse, welcher noch dazu das Amt eines Bürgermeisters in einer der Grosstädte Russlands bekleidet, seine Stimme zur Verherrlichung der zionistischen Bewegung erhebt, um sie als den einzig möglichen Ausweg für unsere Volksgenossen zu bezeichnen, die überall in der ganzen Welt Verfolgungen, Erniederungen und Beleidigungen ausgesetzt sind ... Nowikow verlieh seiner Schrift die Form einer Novelle, in welcher aber nicht die Handlung, sondern die Schildeiung der Leiden unserer Volksgenossen und der verheissungsvollen Zukunft, welche der Zionismus in eich birgt, die Hauptrolle spielt. Und in dieser Beziehung ist die Wirkung, welche die Novelle übt, eine nachhaltige. Iq flammenden und beredten Worten schildert Nowikow die unmögliche Lage, welche *) „Die einzige Novelle des Herrn Katzenbo gen." Von Alexander Nowikow. Verlag von S. O. A n t onow, Baku, 1903. menschliche Bosheit, Tücke und Ungerechtigkeit unseren Volksgenossen in der ganzen Welt geschaffen haben, um zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass nur der Zionismus in seinen Bestrebungen den einzigen Ausweg aus dieser Lage verheisst. Dar Held der N o w i k o w'schen Novelle, der von der Schwindsucht befallene Jude Abraham Katzenboge n> ist einer der vielen Vertreter der gegenwärtigen jüdischen Jugend, welche unter dem Einflüsse der zionistischen Bewegung ihre Kräfte ihrem unglücklichen, überall gehassten und erniedrigten Volke widmet, um in dieser oder jener Form die nationale Wiedergeburt dieses Volkes herbeiführen zu helfen. Auch Abraham Katzenbogen ist von dieser Idee durchdrungen und er glaubt, vorderhand nichts Besseres tun zu können, als ein Werk zu verfassen, in welehem das Leben der Juden mit allen seinen Schrecknissen und Kümmernissen geschildert und die Ungerechtigkeiten, welche gegen die Juden verübt werden, mit unerschrockener Wahrheitsliebe gezeigt werden sollen . . . Und Katzenbogen schreibt dieses Werk mit dem Blute seines Herzens und mit dem Safte seiner Nerven nieder. Die grossen Leiden seiner Volksgenossen gaben ihm neue Kräfte und beflügelten sein Talent, um eine Epopöe der jüdischen Leiden zu verfassen, eine Leidensgeschichte des jüdischen Volkes zu schreiben, welche Steine erweichen und alle tief erschüttern muss, Und voq der schrecklichen Krankheit befallen, von der kurzen Dauer seines Lebens überzeugt, macht nun Katzenbogen die Wahrnehmung, dass die Redaktionen der mehr oder weniger angesehenen Monatsschriften, denen er seine Novelle zum Abdruck gesendet hatte, seine Arbeit ungelesen zurückschickten, weil sie Jüdische Sachen" nicht drucken wollen . . . In diesem Kummer um seine „einzige Novelle," um sein „Teuerstes auf der Welt/ wie er seine literarische Arbeit nennt, erfährt Katzenbogen, dass in der Stadt ein bekannter russischer Schriftsteller weilt, der in seinen Werken stets die Ideen der Nächstenliebe vertrat und für die Aufrichtung aller Beleidigten und Erniedrigten eintrat, und deshalb im ganzen Reiche Popularität und Achtung geniesst. Und Katzenbogen fasst den Entschluss, diesem russischen Schriftsteller seine Novelle zu unterbreiten, und ihn um die Unterbringung derselben in einer angesehenen liberalen Monatsschrift zu bitten. Und Katzenbogen begibt sich zudem berühmten russischen Schriftsteller. Mit feiner psychologischer Analyse schildert Nowikow die Gedanken und die Empfindungen Katzenbogen s, mit denen er sich zu dem Russen begab, die aber nur im Kopfe und in der Seele von Menschen entstehen können, welche in tiefer Niedergeschlagenheit erzogen und aufgewachsen sind und stets die Furcht haben, beleidigt uni erniedrigt zu werden ... Der russische Schriftsteller, von der Hilflosigkeit und dem traurigen Zustande Katzen b o gens offenbar gerührt, empfing den jüdischen Autor freundlich, hörte sein Anliegen wohlwollend an und versprach ihm, die Novelle zu lesen und seine Ansicht darüber offen herauszusagen. „Ich habe Ihnen alles übergeben, was ich an Teuerem* in der Welt besitze . . . Lange werde ich nicht leben . . und mir kommt vor, dass ich ruhiger sterben würde, wenn ich wüsste, dass ich etwas Nützliches für die Meinen getan habe . . sagte Katzenbogen bei der Verabschiedung von dem Russen und Tränen rollen ihm über die Wangen . . . Aber rascher als er gehofft hatte, erfuhr Katzenbogen die Ansicht des berühmten russischen Schriftstellers über sein literarisches Erstlingswerk. Das war gegen Abend. Der kranke Katzenbogen lag in seinem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.