Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Article
- Südafrika über Ostafrika [Kommentar]
- Date
- 1903-11-27
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „bis * Welt Nr. 48 Das Referat behandelte das Ostafrikaprojekt. Referent erklärte sich vollkommen einverstanden mit dem Plane, erzählte, dass er bereit war, selbst an der Expedition teilzunehmen, was aber von Dr. H e r z 1 abgelehnt wurde und äusserte sich in sehr enthusiastischer Weise über die Beschaffenheit des vorgeschlagenen Gebietes und über die allgemeine Politik Englands, das so viele Völker unter seiner Flagge vereint in Frieden und in Freiheit. Dann sprach Mr. Robert Chamberlain, der Ostafrika genau kennt. Seine Ausführungen waren etwa folgende: Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass ßritisch- Ostafrika und die glänzenden Resourcen dieses Landes in Südafrika trotz der nicht allzugrossen Entfernung gar nicht bekannt sind. Jetzt wird es zwar ein wenig besser in dieser Beziehung; die Südafrikaner gewinnen immer mehr Interesse für dieses Land. Die Reise von Johannesburg bis in das Herz des osiafrikanischen Plateaus dauert etwa 12 Tage und kostet 30 Pfd. Sterl. in der 1. Klasse des Dampfschiffes und der Eisenbahn. Die beste Route ist über die Delagoa Bucht, von der die Deutsch-0>tafrika-Linie in neun oder zehn Tagen nach Mombasa führt. Die natürlichen Anlagen Mombasas sind enorme. Als Hafen steht es hinter keinem anderen an der Ostküste zurück, in manchen Beziehungen übertrifft Mombasa sogar die Delagoa Bucht. Der Hafen ist gut gelegen für den natürlichen AusflLuss des inländischen Handels und ist anerkannt als Verteilungszentrum für Ostzentralafrika bis zum Kongo- Staat. Da Mombasa am Endpunkte der Ugandabahn liegt, empfindet es die Wohltat der Expansion des ganzen nördlichen Teiles des deutschen Ostafrika. Gold wurde sowohl in Deutschals auch inBritisch-Ostafrika entdeckt. Es gibt zwei Häfen; der eine an der östlichen Seite der Insel Mombasa, der von den Kaufleuten von Arabien, aus dem Persischem Golfe, Indien und Madagascar benützt wird, und der zweite heisst „Kilindini", das heisst „die Stelle des tiefen Wassers". Er ist ausnahmslos der bostgeschützte Hafen an der Ostküste Afrikas. Er ist ungefähr 3 Meilen lang und l/a Meile breit und 75 bis 90 Fuss tief. Er vereinigt in sich alle Eigenschaften eines ausgezeichneten Hafens, nämlich einen leichten Ein-und Ausgang der Schiffe, einen guten Ankerungsplatz usw. Nach innen zu heisst Kilindini auch Port Reitz, der ebenfalls ein sehr guter Hafen ist, ungefähr 4 Meilen lang und eine Meile breit. Im Februar 1890 landeten 11 britische Krieger in Port Reitz und kauften im Namen der Admiralität ein beträchtliches Landstück, Die britische Admiralität beabsichtigt, Mombasa zu einer Schiffsstation zu machen, die nur Simonstown an Wichtigkeit nachstünde. Die Bevölkerung Mombasas beträgt ungefär 30.000 Menschen und besteht hauptsächlich aus Suahelis, einer Mischlingsrasse aus Arabern und Negern. In der Stadt Mombasa befinden sich mehrere steinerne Gebäude, darunter Gerichtshöfe, Behördengebäude, Banken, Kirchen etc. Die Bevölkerung der Küstenländer, die an die Insel von Mombasa anschliessen, beläuft sich auf 150.000 Köpfe. In diesen Küstenländern gibt es zwei Regenzeiten, vom April bis Juli und im Oktober und November» Sie wirken sehr fruchtbar. Es gibt dort zahlreiche Kokosnusspflanzungen, wogegen Mango, Orangen und andere tropische Gewächse frei wachsen. Die Küstenländer nördlich von Mombasa sind ebenfalls ausserordentlich reich an Naturerzeugnissen. Es gibt dort enorme Wälder von Gummibäumen. Dieses Land kann das Paradies des Kaufmannes genannt werden. Alle diese Vorzüge sind sehr wichtig, wenn man sie mit den sonstigen Eigenschaften des Hochlandes von Mombasa in Verbindung Dringt, da dieses Gebiet von der Eisenbahnlinie in einer Strecke von 45.000 Quadratmeilen durchkreuzt wird. Die ganze Maschinerie, die zur Entwicklung des Landes erforderlich ist, steht zur Verfügung. Der Siedler hat auch nicht zu fürchten, dass er etwa^keinen Absatzmarkt für seine Produkte finden werde. Er kann seine Agrikulturprodukte in 12 Tagen nach Südafrika schicken, seineWolle, Federn u. s. w. in einem Monat nach London oder Hamburg bringen. Er ist gar nicht abgesperrt von der grossen kommerziellen Welt, sondern steht vielmehr mit ihr in steter Verbindung-. Der Reisende, der mit der Ostafrikabahn in das Innere des Landes dringt, ist erstaunt zu sehen, dass trotz der immer grösseren Nähe des Aequators die Hitze bei weitem nicht unerträglich wird. Das Klima der Hochländer, obwohl subäquatorial, ist mild und mässig. Es ist ein gesundes und reicnes Land. Die erste Provinz im Hochlande heisst Ukamba und nimmt ein Gebiet von 40.000 Q ladratmeilfin ein. Ungefähr 10.000 Quadratmeilen sind bewaldet und 20.000 Qjadratmeilen sind Weideland. Die Höhe des Landes schwankt zwischen 1000 und 7000 Fuss ausser dem Kenia, der über 18.0.0 Fuss hoch ist. An den Abhängen des Kenia befinden sich die besten Schaf- und Viehweiden der Welt. Die Eingeborenen sind ungefähr 800.000 Mann stark und sind zumeist Wakikuyis und Massai, von denen die ersteren ein Agrikulturvolk und die letzteren ein Hirtenvolk sind. Es gedeihen in Ukamba alle europäischen Gewächse; am meisten werden Kartoffeln von sehr guter Qualität gebaut. Vom südafi ikanischen Gesichtspunkte ist der wichtigste Teil Britisch-Ostafrikas die Naivasha - Provinz, die das Britisch-Ostafrika-Protektorat am 1. April 1903 vom Uganda-Protektorat übernommen hatte. Es ist dies umso mehr zu beachten, weil man immer meint, diese beiden Protektorate seien ein und dasselbe. Es ist aber nicht so. Uganda ist ein tropisches Land, das sich für die Schwarzen eignet, Britisch-Ostafrika dagegen eignet sich auch für weisse Siedler. Die Insassen von Naivasha, die Massai, sind ein sehr freundliches Hirtenvolk. Das Klima ist gesund und übertiifft sogar das von Transvaal. Die Höhe beträgt 6000 bis 8000 Fuss. Der Boden eignet sich während der Regenzeiten für Ackerbau nicht, ist aber für Viehzucht sehr geeignet. Es gibt dort auch wilde Strausse in Fülle und es liesse sich viel versprechen von der regelrechten Züchtung dieser Vogelart. Ueberhaupt ist zu erwarten, dass die Siedler von Naivasha und Mau in nächster Zukunft einen reichen Exporthandel an Wolle undStraussfedern führen werden. Glücklich werden die Leute sein, die dort Land erlangen und die natürlichen Reichtümer auszunützen verstehen werden.14 * In der „Jüdischen Rundschau" schreibt Dr. Heinrich Loewe, unser geschätzter Kollege, unter anderem folgendes: So lange der Kongresszionismus besteht, hat man von wohlwollender Seite versucht, ihn über die Kolonisationsfrage stolpern zu lassen. Noch ehe der erste Kongress zustande kam, haben diese Manöver begonnen. Damals wurde von Berlin und Paris aus mit Hochdruck daran gearbeitet, in Palästina die Kolonisten zu einem voreiligen Protest gegen das Zustandekommen des Kongresses zu verleiten. Bezeichnend ist ee, dass mich, der ich von je ein ausgesprochener Freund praktischer Tätigkeit im Lande Israel war, auf dem ersten Kongress ein Herr, der seitdem längst im Schmollwinkel sitzt, dahin instruierte, dass er mit Anhang oder besser „er im Anhange" dazu auf dem Kongresse sei, zu stören und ihn möglichst zu zerstören. Er verwechselte eben wohl auch praktische Arbeit für Palästina mit dem Kampf gegen den Zionismus und seine Führer. Wir, die wir auf dem Standpunkte positiver Arbeit im Heiligen Lande stehen, wir denken nicht daran und dürfen unter keinen Umständen je daran denken, durch diese notwendige Arbeit jemals die Tätigkeit unseres Aktionskomitees zu durchkreuzen. Wir würden das aber gewiss tun, wenn wir ungesetzliche Schritte auf türkischem Boden unternehmen, wenn wir durch Backschisch eine Einwanderung fördern wollten, die durch Regierungsverfügung eingeschränkt ist. Denn Kolonisation und Einwanderung sind keineswegs identisch. Wie wir es seit vielen Jahren gelordert haben, so erheben wir immer den Ruf, in Palästina mit einheimischen, palästinischen und anderen türkischen Juden zu kolonisieren. VVenn auch kein einziger fremder Jude in Jaffa landet, so wird man Jahrzehnte lang eine intensive Kolonisation treiben können, indem man die Hungerer und Lungerer von Jerusalem, Tiberias. Safed, fiaifa, Hebron u. s. w. in fleissige Arbeiter verwandelt, die im Schweisse ihres Angesichts ihr Brot verdienen. So wandelt man eine zahlreiche jüdische Bevölkerung Palästinas, die heute ein erhebliches Minus darstellt, in ein ebenso gewichtiges soziales Plus. Dahingehört in erster Linie die Einführung von Gerechtigkeit und Vernunft in die Verteilung der Ohalukah. Dahin gehört vor allem die Ueberführung der jüdischen Städter zu Gewerbe und Landwirtschaft, dahin aber auch der Ausbau der Schulen, die Erhöhung der