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Die Welt · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
48 (27.11.1903)
Article
Väter und Söhne
Date
1903-11-27
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „bi$ # W$lt" Nr. 48 ihre Söhne sind zum grössten Teile die Träger und Verfechter unserer Gedanken. Wir haben selten eine grössere Genugtuung empfunden, als bei der Nachricht, dass der Sohn Dr. Adler s, des Chiefrabbi von London, ein geschätzter Agitator des Zionismus geworden ist. Es ist nicht lange her, dass der Vater sich in der ersten Reihe unserer Gegner zu unserem Leidwesen hervortat. Welch ein Kraftbeweis unserer Idee, dass sie sich diesen Sohn als Vorkämpfer herausgriff! Sie schuf sich so den glänzendsten der zahllosen Fälle, wo der Zionismus den Sohn eines liberalen Vaters zum Heile des Judentums für sich reklamierte. Nicht nur dieses eine Vorkommnis ist so aufsehenerregend. Wir wissen von sehr vielen Haupthelden und Hauptherden der Assimilation, dass um sie und auf ihnen manch ein zionistischer Ketzer zu finden ist. Das heisst, wir schreiten unaufhaltsam vorwärts. Das heisst, wir haben für die Mitarbeit der nächsten Jahre noch mehr energische und moderne Menschen zu erwarten, als wir schon haben. Das Band, womit der Zionismus das Judentum umschliesst, wird immer stärker. Es ist ein unwahres Argument unserer heutigen Widersacher, dass unsere Bewegung im Westen hauptsächlich von jungen Elementen geführt wird. Dawären wir, wenn sie Recht hätten, noch immer viel besser daran als sie, deren Politik an Alterschwäche ohne Erben stirbt. Unser ist aber nicht nur die kraftvolle Gegenwart, sondern auch eine hoffnungsvolle Zukunft, eine unabsehbare glückliche Zukunft, von weitschauenden Vätern zur verdienten Dankbarkeit der Söhne geschaffen, y. Armenier und Juden in Ungarn — und anderswo. In den führenden jüdischen Kreisen Ungarns wird es gar oft auf das lebhafteste bestritten, dass die Juden eine eigene Nationalität bilden oder überhaupt bilden können. In Sprache und Gefühlen vollständig magyarisch, sind sie von der anderen Bevölkerung nur durch den Glauben unterschieden und, so weit dies etwa in einzelnen Landesteilen nicht der Fall ist, sei es Pflicht und politische Klugheit der Juden, sich je eher und je gründlicher der magyarischen Bevölkerung zu assimilieren. Denn alle ihre bisherigen Errungenschaften hätten die ungarischen Juden der magyarischen Nation wegen ihrer Assimilation zu verdanken, und es wäre, wie erst jüngst „Egyenlöseg" feierlich betonte, grausamer Undank, Vaterlandsverrat und Felonie, wenn die Juden ihre eigene jüdische Nationalität betonen möchten und nicht in Ungarn Magyaren wären. Auch in den anderen Ländern werden der nationaljüdischen Bewegung die gleichen Einwendungen entgegengebracht, denn der Jude dürfe eben Deutscher, Franzose oder Russe sein, aber ja nicht Jude, sonst sei es für ihn von den ärgsten Folgen begleitet und er werde in seiner Heimat sämtlicher staatsbürgerlichen Rechte beraubt oder gar aus denselben verwiesen werden. Der Beweis, dass die Juden auch in jenen Ländern, wo sie eine eigene Muttersprache nicht mehr haben, eine eigene Nationalität bilden, ist bereits zu wiederholten Malen in streng wissenschaftlicher Weise erbracht worden, wenn überhaupt eine so selbstverständliche Tatsache eines Beweises bedarf. Wie herrlich weit es die Assimilationspolitik fast überall gebracht bat, und dass sie auch in jenen wenigen Ländern, wo ihr Weizen noch blüht, unmittelbar vor dem Bankerotte steht, dafür braucht es wohl nach den Ereignissen der letzten Jalire keiner besonderen Erörterungen und Beweise. Es wäre also nur zu betrachten, wie wohl die Lage der Juden in einem Lande wäre, in dem sie, treue Söhne des Vaterlandes und eifrige Freunde und Anhänger der Landessprache, fest und unerschütterlich an ihrer jüdischen Nationalität, an ihrer heimatlichen Sprache und ihrem alten Glauben hielten. Ein solches Beispiel jedoch haben wir nicht, und wir müssen uns daher ein fremdes Volk zum Muster nehmen und untersuchen, ob denn wirklich die Assimilation zum gleichberechtigten Staatsbürger notwendig ist. Gerade im Lande der blühendsten Judenassimilation, in Ungarn, ist so ein Volksstamm, dessen Angehörige es zu grossem Ansehen und Einfluss gebracht habem, Führer und Spitzen der ungarischen Politik und Regierung sind, und trotzdem durch Jahrhunderte ihr besonderes Volkstum bewahrt, ihrer Nationalität, Muttersprache und ihrem Glauben treu .geblieben sind. In der Geschichte des ungarischen Volkes ist ihr Wirken einschneidend, ihre Zahl ist ganz gering und doch sind sie keine Magyaren, sondern bloss Freunde des magyarischen Volkes und auch diejenigen, die bloss die ungarische Sprache beherrschen, bekennen sich — und seien es Minister und Obergespäne, Grafen und Barone — zu ihrem altehrwürdigen, armenischen Volksstamm. Gegen das Ende des 17. Jahrhunderts wanderten zirka 3000 armenische Familien nach Siebenbürgen ein, die, durch die Krim und das Fürstentum Moldau ziehend, aus der armenischen Hauptstadt Bagratida kamen. Oxentius Verzar bekehrte seine schismatischen Landsleute zur katholischen Kirche, deren erster Bischof nach armenischem Ritus in Siebenbürgen er war, und gründete 1702 die Stadt Armenopolis oder Sramosujvar, die bis heute Metropole der Armenier und der armenischen Katholiken in Siebenbürgen und Ungarn geblieben ist. Dte zweite, wichtigste Niederlassung der siebenbürgischen Armenier ist Erzsebetvaros, das mit zwei anderen kleineren Orten noch heute seinen überwiegend armenischen Charakter behalten hat. In kleinerer Zahl sind die Armenier im ganzen Lande, insbesondere in den Städten Siebenbürgens und Südungarns verbreitet. Den heimischen Völkern fremd, in Sprache, Sitte und Glauben verschieden, wussten sie bald eine angesehene Stelle in ihrem neuen Vaterlande einzunehmen und dies ist ihnen bis heute vollständig gelungen. Die magyarische Sprache haben sie gar bald angenommen und Leid und Freude des ungarischen. Volkes redlich geteilt, Armenier aber sind'sie dabei geblieben. Manche haben durch den fortwährenden Verkehr mit der nichtarmenischen Bevölkerung ihre Geläufigkeit in der armenischen Sprache eingebüsst, viele sie überhaupt vergessen und das Magyarische, einzelne das Rumänische oder Deutsche bei den amtlichen Volkszählungen als Muttersprache angegeben, aber Armenier sind sie alle geblieben und so schätzen sie sich auf 20 000, von denen 1890 3523 armenisch als Muttersprache bekannten, um 203 mehr als im letzten Dezennium. Da es nur m einigen Orten Ungarns armenischkatholische Kirchen gibt, so werden viele Armenier römischkatholisch getauft und erzogen und bleiben trotzdem Angehörige der armenischen Nation, vielfach das Armenische als Muttersprache bekennend. Es bewahrheitet sich hier also vollkommen, dass weder die Sprache, noch der Glauben die Bedingung der besonderen Nationalität bildet, oder, wie ein armenischer Schriftsteller schreibt: „Die Bekenner unserer armenischen Muttersprache und eo ipso die Gläubigen der armenischkatholischen Kirche berechnend, die Armenier, die in der Muttersprachenrubrik das Magyarische angegeben, sowie jene, welche dem lateinischen Ritus angehören, nicht ausgeschlossen, sind wir in Ungarn 15—20 000 Armenier.*' Der dies schreibt, ist kein „vaterlandsloses Subjekt und Vaterlandsverräter", wie es irn Assimilantenlager immer von den jüdischnationalen Zionisten heisst, sondern ein angesehenes Mitglied der Kolosvärer ungarischen Gesellschaft, Merza G y u l a, Hauptsekretär des Siebenbürger und ungarischen Karpathen/vereins. Es ist noch niemandem eingefallen, das Ungartum dieses Mannes zu bezweifeln, trotzdem derselbe seine Stammesgenossen öffentlich und energisch auffordert, bei der Volkszählung Armenisch als Muttersprache anzuführen. In der armenischen Metropole Szamosujvar erscheint bereits seit 16 Jahren das publizistische Organ der ungarländischen Armenier, die Monatsschrift „Armenia", in ungarischer Sprache, aber, wie sie sich selbst (1901, Nr. 2) nennt, ein

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