Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Article
- Libau [Kommentar]
- Date
- 1903-11-20
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- table
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316067--44516-3339067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Liepāja 1× ep/1000744
- Łomża 1× ep/1048190
OCR text
Seite 12 „bi* sfc W$lt Nr. 46 Libau. Wie die »Prikaltuskaja Gazeta* meldet, sind Ende Oktober von Libau aus neuerdings 100 Juden auß Russland ausgewandert, und zwar über London nach Nord- und Südamerika. Lomscha. Wie die „Nowosti" melden, hat unter den Juden im Gouvernement Lomscha in letzter Zeit die Auswanderung einen Massencharakter angenommen. In den kleinen Städchen und Ansiedlungen im Gouvernement fällt die täglich zunehmende Verminderung der jüdischen Bevölkerung jedermann auf. Die Emigranten gehen grösstenteils nach Amerika. Hornel. Am 1. d. fand in Hornel unter grosser Beteiligung unserer Volksgenossen die Beerdigung der während der Judenexzesse entweihten und zerrissenen Thoraroll^n statt, welche neben den getöteten Juden ins Grab gesenkt wurden. Der Rabbiner hielt eine Rede, welche die Zuhörer, sogar die anwesenden Polizeibeamten, tief erschütterte und lautes Weinen hervorrief ... Gt. Die Waisen aus Kischenew auf der Reise. Am Sonntag, den 15. November, wurde für die Kischenewer Waisen in der Wiener Jüdischen Toynbee- Halle eine Jause veranstaltet, die den Kindern viel Freude machte. Der Präsident der Toynhee-Halle, Rektor Dr. A. Schwarz, war mit mehreren Herren und Damen vom Vorstand erschienen, um selbst die Bewirtung der Kinder zu überwachen. Ausserdem waren von dem Komitee, das sich mit der Verpflegung und Versorgung der Kinder während ihres Wiener Aufenthaltes beschäftigt, fast sämtlich* Mitglieder erschienen. Die Kinder plauderten und sangen und hörten, nachdem sie eine opulente Jause genommen hatten, einen Vortrag des Reverend W. H. Hochlar über Palästina, den ihnen Herr Beikind verdolmetschte. Nach dreistündigem Aufenthalte verliessen sie unter fröhlichen Danksagungen die Toynbee-Halle. Auch andere Vereinigungen haben die Kinder zu sich geladen und bewirteten sie aufs beste. * Aus Kopyczynce schreiben uns Gesinnungsgenossen, dass am 8 November 22 der Waisen über Husiatyn dort ankamen, am Bahnhofe von einem eigenen Komitee erwartet, da^n bewirtet und mit zuverlässiger Begleitung (Herr M. Bien stock) weiter befördert wurden und zwar nach Trembowla. Die Teilnahme der Einwohnerschaft war eine äusserst lebhafte und die Art des Empfanges eine wünschenswert vorzügliche. Die Kinder sangen zum Lebewohl zionistische Lieder aus den Coupefenstern heraus. Herr B ien stock meldet aus Trembowla, dass auch dort der Empfang ein ausgezeichneter war und die Reise nach Tarnopol fortgesetzt wurde. Von den geea™melten K 115*94 wurden für Fahrkarten und Spesen K 42*94 ausgegeben. Ueber die restlichen K 73 wird Herr B e 1 k i n d entscheiden, ob sie für nachkommende Kinder oder für das Projekt Ussischkin verwendet werden sollen. (Für das Komitee die Herren: Samuel Weißsmann, Mayer Konstantin). In Husiatyn war man schon sehr besorgt, da die angemeldeten Kinder zwei Wochen lang nicht ankamen. Am 6. kamen endlich 22 von ihnen an, Sie sassen durchnähst und durchfroren in den entgegengeschickten Fuhren, die sie um 5 Uhr früh in die Stadt brachten. Auf Wunsch der Kinder wurden sie sofort ins nächste Bethaus geführt, wo sie für ihre Eltern Kaddisch sagten. Vor dem Vereinslokal des „Bnei Ziona wartete schon eine tausendköpfige Menschenmenge zur Begrüssung. Zwei Tage lang blieben die Waisen hier und wir hoffen, dass sie sich an uns so gerne erinnern werden, wie wir uns an sie. Dem Obmann des ,Kaufmännischen Kasinos* gebührt in dieser Sache Dank. (Für den „Bnei Zion*: Lorenz Rathauser.) Kontemplationen eines Berliner Studenten. In Gedanken versunken ging ich achtlos an allen Menschen vorüber zur Universität. Mich bewegte wieder die Frage: Wozu Zionismus? Warum sich absondern? Wavum nicht streben nach dem Ziele, das von vornherein uns Juden gesteckt wurde: Dem Menschengeschlecht als Vorbild zu dienen? Wie gross ist doch die Aufgabe, mitzukämpfen in den lichten Reihen derer, die verlangen : Gleiches Recht für alle, die im Menschen nur den Menschen sehen, wollen und seiner achten, wenn er nur dazu beiträgt, der Vernunft zum Siege zu verhelfen. Drum weg mit dem Zionismus und seinem engen Gebiet! — Soeben bekomme ich beim Eingange zur Universität einen Zettel in die Hand. Ich bleibe stehen und lese, denn schon die fettgedruckte Ansprache weist mich aus meinen idealen Sphären ins Reich der kalten Wirklichkeit Ich lese: Deutschnationale Kommilitonen l Die Wahlen zur Akademischen Lesehalle stehen bevor. Der Studentenschaft ist der öffentliche Kampf durch die Universitätsbehörden verboten worden Deshalb treten wir, ehemalige Studenten der Berliner Universität, auch dieses Mal an Euch heran und fordern Euch auf, Mitglieder der Lesehalle zu werden und mitzuwirken für die Wahl deutschnationaler Kommilitionen. Zwei Jahrzehnte sind nunmehr ins Land gegangen, seitdem zum erstenmal das Judentum aus seiner vorherrschenden Stellung aus den studentischen Vertretungen beseitigt wurde, ab*r Jahr für Jahr erneuert es, nicht immer ohne Erfolg, seinen Ansturm gegen die nationale Mehrheit in der Lesehalle. Jüdische Unduldsamkeit ist es gewesen, die seinerzeit den ersten Anstoss zu diesen Kämpfen gab, indem sie die antisemitischen Zeitungen aus der Lesehalle zu verbannen suchte. Mann für Mann erscheinen heute die Zionisten und die Nationaljuden, die Reformjuden der freien wissenschaftlichen Vereinigung, die sozialistischen Juden, unterstützt von Polen und allen denjenigen ausländischen Elementen, mit denen sie entweder die Internationalst oder doch der Hass gegen deutsch-germanische Art einigt, an der Wahlurne. Wir Deutschnationalen, ob Korporationsstudenten oder Fmken, sind den Anstrengungen unserer Gegner niemals auch nur in annähernd gleichem Masse gefolgt. In der grossen Mehrzahl unserer Korporationen haben wir zwar den Ausschluss der Juden durchgeführt, aber nur ein kleiner Prozentsatz dieser Verbindungen und Vereine hat sich bisher dazu entschlossen, den jüdisch-sozialistischen Bestrebungen auch in der studentischen Öffentlichkeit entgegenzutreten. Auch Ihr Kommilitonen, die Ihr keiner Organisation angehört, steht nicht untätig beiseite, wenn es gilt, der Akademischen Lesehalle ihren nationalen Charakter zu wahren» Tretet ein für die Wahl derjenigen nicht inkorporierten Studenten, die als Vertreter Eurer speziellen Interessen auf der Liste der nationalen Partei stehen. Lasst uns, ob Korporationsstudenten oder Finken, alle kleinlichen Gegensätze beiseite schieben und nur hochhalten das gemeinsame nationale Panier, das Banner der deutsch-germanischen Studentenschaft, Prüft die Verhältrisse an unserer Universität, besonders auch in den Kliniken und fragt Euch, ob in dem Wort Professor Paulsens: „Es kann keine europäische Nationalität glelchgiltig dabei bleiben, wenn die jüdische Bevölkerung allmählich zur herrschenden Bevölkerung wird, wenn sie, gestützt auf Besitz und ermöglichte Schulbildung, mehr und mehr die leitenden Stellen in der gesellschaftlichen, geistigen und staatlichen Welt in ihre Hände bringt," nicht auch für uns Deutsche Studenten eine beherzigenswerte Mahnung steckt. Lasst das alte Wort: Hie d eutschnational — Hie jüdisch-international auch diesmal den Kampfruf sein, an dem sich die Geister scheiden. Die A, H. A. H. des Vereins Deutscher Studenten. Justizrath Dr. Zeidler. Dr. Wendland. Dr. Böhme. Deutschnationale Kommilitonen! hiess es da, die Wahlen zur Akademischen Lesehalle stehen bevor! Und nun beginnt der „geistige Adel* Deutschlands alle Kommilitonen, welcher Richtung sie auch angehören mögen, aufzufordern: zum Kampf gegen die Unduldsamkeit der Juden, die eingeteilt werden in Zionisten, Nationaljuden, Reformjuden und sozialistische Juden. Also auch Ihr, die Ihr Euch alle erdenkliche Mühe gebet, in Sitten und Gebräuchen wie sie zu leben, um allmählich ganz in ihnen aufzugehen, und Ihr, die Ihr im Zionismus nur den Fels sehen wollt, an dem der Wagen Eurer Vernunffgöttin z^rsch eilen muss. der Euch hindert, unter Menschen Mensch zu sein, auch Ihr werdet zurückgestossen! Auch Euch hält man noch immer für Juden, so gerne Ihr diesen verhassten Titel abwerfen möchtet. — Doch lasst uns zu Ende lesen wo es heisst: Prüft die Verhältnisse an unserer Universität, besonders auch in den Kliniken und fragt Euch, ob in dem Wort Professor Paulsens: „Es kann keine europäische Nationalität gleichgiltig dabei bleiben, wenn die jüdische -Bevölkerung all-