Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Article
- Die Aussichten des Zionismus [Kommentar]
- Date
- 1903-11-20
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316067-3338929--44506-3339064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 46 „biew^it" Seite 9 rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" — also eine nationale und politische Wiedergeburt! Der Zionismus hat bei seinem ersten Auftreten innerhalb und ausserhalb der Judenschaft viel Spott erfahren. Trotzdem diese Bewegung in den letzten Jahren stark zugenommen hat, erklärt die „Frankfurter Zeitung", dass es sich nur um Utopien und Phantastereien handele. Für sie „gibt es kein jüdisches Volk mehr", sondern nur „Anhänger der jüdischen Religion". Die Juden hätten sich überall in ihren Wohnländern längst assimiliert und seien mit ihnen auch national verwachsen. — Diese optimistische Auffassung ist ganz falsch. Das jüdische Volk ist als physische Rasse erhalten und unverändert geblieben. Die Vermischungen mit anderen Völkern während der Zerstreuung sind nur gering und vorübergehend gewesen. Wo aber eine Mischung nicht immer wieder erneuert wird und durch nachfolgende Inzucht die Typen gefestigt werden, findet sehr leicht eine Entmischung und Ausmerzung der weniger zahlreichen fremden Rassenelemente statt. Das ist eine alte Erfahrung der. Tierzüchter und nicht minder eine Lehre der Geschichte. Die Jüdische Rasse stellt allerdings einen Mischtypus dar, der aber schon vor der Zerstörung Jerusalems in Palästina und den angrenzenden Distrikten entstanden sein muss. In diesen Mischungen hat. sich, vielleicht infolge der vorherrschenden Rassenpotenz der Hethiter, namentlich in physiognomischer Hinsicht, ein guter Mischtypus herausgebildet, der den spezifischen jüdischen Charakter so leicht erkennen lässt. Ihrer jüdischen Rasseneigenart sind sich die Zionisten bewusst geworden im Gegensatz zu den „Assimilanten", welche in den anderen Völkern aufgehen wollen. „Die Assimilation," sagte ein Redner auf dem Kongress. „ist aus Gründen der Völkermoral zu verurteilen; sie ist auch unmöglich. Philanthropische Gesellschaften haben alles getan, um die Assimilation durchzusetzen, aber alle M.ittel 'haben bis jetzt ein Resultat nicht gezeitigt." Dass der Zionismus ein öffentlich-politischer Faktor geworden ist, zeigt sich am klarsten darin, dass Staatsregierungen mit seinen offiziellen Vertretern in Verhandlungen eintreten. Dr. H e r z 1, der Präsident des zionistischen Komitees, hatte eine Unterredung mit dem russischen Minister von Plehwe. Die russische Regierung kann natürlicherweise eine jüdischnationale Bewegung innerhalb Russlands Grenzen nicht dulden. „So lange jedoch," heisst es in dem Briefe des Ministers, „der Zionismus in dem Willein bestand, einen unabhängigen Staat in Palästina zu schaffen, und so lange er die Auswanderung einer gewissen Anzahl jüdischer Untertanen aus Russland zu organisieren versprach, konnte die russische Regierung ihm sehr wohl günstig sein." Falls das alte Aktionsprogramm aufrecht erhalten bleibe, wolle Russland die zionistischen Bevollmächtigten bei der ottomaeischen Regierung unterstützen. Indes hat der Sultan deji zionistischen Forderungen gegenüber bisher sich ablehnend verhalten. Entgegenkommender war die englische Regierung. Sie bietet den Juden einen Landdistrikt in Ostafrika zur Kolonisation an, und zwar auf dem Boden einer jüdischen Autonomie unter britischer Oberherrschaft. In der Erklärung der englischen Regierung heisst es, dass sie an jedem wohl erwogenen Plan Interesse nehme, der die „Besserung der Lage der jüdischen Rasse bezwecke". Die Einzelheiten des Planes sind: „Gewährung eines ansehnlichen Landstriches, die Ernennung eines jüdischen Beamten zum Oberhaupt der örtlichen Verwaltungsbehörde und die Gewährleistung voller Bewegungsfreiheit an die Kolonie für Munizipalgesetzgebung und für die Ordnung der religiösen und ausschliesslich inneren Verwaltungsangelegenheiten; dieses örtliche Selbstverwaitungsrecht muss indes das Recht der englischen Regierung unberührt lassen, eine allgemeine Oberaufsicht zu üben." Um das Ostafrikaprojekt entstand auf dem Kongress ein heisser Redekampf. Die Gegner sahen darin eine Preisgabe des zionistischen Zieles, einen Verstoss gegen das Baseler Programm; dje Anhänger des Projektes, welche die Mehrzahl bildeten, wollten damit aber nur eine vorbereitende Hilfe, ein „Nachtasyl" für die ärmsten der Juden, eine Erziehungsstätte für weitere Aktionen auf dem Wege nach Zion schaffen. G e rn a n d t zitiert nun die Hauptstellen aus der Rede N o r d a u s und fährt fort : Das Afrika-Projakt ist als eine notwendige Durchgangsstufe zur Verwirklichung der zionistischen Ideen zu betrachten. In der Tat ist es von vornherein ausgeschlossen, fast zwölf Millionen Menschen in Palästina unterzubringen. Die Juden werden sich an verschiedenen Stellen der Erde sammeln müssen, um von hier aus allmählich Zion auf dem einen oder anderen Wege zu erobern, sei es durch wirtschaftliche Kolonisation oder durcji das Eingreifen der Staatsregierungen beim Zusammenbruch des türkischen Reiches. „Alle unsere Wege," sagte ein .'Delegierter, „sind nicht die kürzesten, kleinsten, sondern wir müssen sehr oft herumgehen und Umwege machen, um zum Ziele zu kommen. Seit nahezu zweitausend Jahren befinden wir uns auf der Wanderung nach Hause, .nach Zion. Wir wandern dorthin durch Amerika, Brasilien, Australien, durch die Steppen Russlands, durch alle Himmelsstriche. Warum sollten wir nicht auch, wenn es sein müsste, durch Ostafrika nach Zion wandern?" Kein sachlich denkender Mensch kann der Begeisterung, dem Eifer und Opfermut der Zionisten seine Anerkennung versagen. Wenn ein Volk, wie das jüdische, sich auf sich selbst besinnt, zum nationalen Zusammenschluss i.nd Handeln sich aufrafft, so ist das ein bedeutungsvoller Moment in der Weltgeschichte. Denn die soziale Rolle, welche die Juden als wirtschaftliches und geistiges Element unter den anderen Völkern gespielt haben, würde damit eine Wandlung'erfahren, von der man zu hoffen berechtigt ist, dass sie sowohl für die jüdische, wie für die anderen Rassen zum Heil ausschlagen wird. Die Völkergeschichte tritt in das Stadium der „Entmischung", und die Staatsregierungen sollten durch internationale Verhandlungen mitwirken, dem unwürdigen Zustande ein Ende zu machen, in dem ein grosser Teil der Judenschart sich befindet. Dass diese Hilfe allein in der Trennung, und nicht in der Verschmelzung bestehen kann, dürften Anthropologie und Geschichte hinreichend bewiesen haben. Eine Ostafrikadebatte im Maccabeanclnb in London. Sonntag den 8. J. M. referierte Dr . M .x B e r a b t e i n in London im „Maccabf an-Klub* ül»*--r dit-i „Expansion des Zionismus und die ostatnkanische Fra&«Isach einigen allgemeinen Bemerkungen über die JuJ^nfra^e, sagte der Referent: Der Beschlues des Kongresses, eine Kommission nach Ostafrika zu entsend*«, hat zu stürmischen Szenen am Kongresse Anlass gegeben... Der Grund di?ser Szenen war folgender : Der Zionismus, wiewohl noch sehr jung, hat schon eine Geschichte der fieberhaften Tätigkeit und des Fortschrittes hinter sich; er hat im Laufe von wenigen Jahren eine mächtige Organisation ins Leben gerufen. Er hat den Kongress geschaffen, die Jüdische Kolonialbank errichtet, die Institution des Nationalfonds geschaffen, er hat eine grosse Bewegung zugunsten des Wiederauflebens des Studiums der hebräischen Sprache und ihres Gebrauches als lebender Sprache geweckter hat die Massen organisiert, ihnen den Geist nationaler Disziplin beigebracht, eine eigene Presse geschaffen, zahllose Symptome der Veijüngung der jüdischen Nation hervorgezaubert — und all di^s auf Grund seines eigenen Programms, der praktischen Wiedererlangung Palästinas, und nur Palästinas. Auf der Grundlage der palästinensischen Idee vereinigte der Zionismus alle Elemente der Judenschaft, die Gebildeten und die Ungebildeten, die Massen, die Klassen, die Gläubigen, die Ungläubigen, Atheisten und Rabbiner, Die neue Vorlage, die Siedlung in Ostafrika tauchte plötzlich, unerwartet, unrorhergesagt auf und drängte sich hinein in das zionistische Programm, nicht allmählich, wie eine junge Knospe zwischen alte Blumen, nicht wie ei» neues, nebensächliches Thema unter den Fragen, die wir zu betrachten haben, sondern mit roher Gewalt, überwältigend, und forderte den ersten Platz, die grösste Aufmerksamkeit, die Urgenz — sie drückte Palästina mit allen Hoffnungen, allen Schritten und Taten, die bis nun unternommen wurden, an die Wand. Zu jeder anderen Zeit wäre ein solcher Eindringling hinausgeworfen und ohne Umstände weggestossen worden. Aber unter einem anderen Stern wurde dieser geboren. Die Panik von Kischenew, die Alien-Immigration, der Verlust der kleinen Freiheit, die den Juden gelassen wurde, der des Wanderns, der dumpfe Klarg der schweren Türen der Zufluchtsorte, die vor den Juden zugeschlagen werden, das waren die Umstände, die seine Geburt begleiteter. Er kam zu einer Zeit, da die Juden über ihre engen örtlichen Interessen sich erhoben und die gesamte Judenheit in Bedrängnis sich nach Jemandem umsah, der ihr raten und helfen könnte. Und ihre Augen fielen natürlich auf die Zionisten, .*ie einzigen, die organisiert und arbeitswillig waren Aber der Zionismus ist nicht eine Institution der Panik und ihrer Folgen und hat nie beabsichtigt, die Sturmglocke an die Türe zu hängen und sie zu läuten, wenn im Judentum ein Brand ausgebrochen ist. Es wurde von uns zu wiederholtenmalen gesagt, dass unsere Politik nicht die Politik der Panik ist, sondern eine Politik ihrer Vorbeugung, indem wir dem jüdischen Volke ein sicheres Heim verschaffen, sicher vor den schlimmen Folgen des Schreckens und den noch schlimmeren des friedlichen Schlummers — der Assimilation, des Aufgehens. Wir haben die Juden gewarnt mit den zwingendsten Argumenten, mit der ganzen Kraft unserer Beredsamkeit und dem Gefühle, uns zu helfen, dieses Heim zu erbauen und nicht Katastrophen abzuwarten. Haben wir Ihnen nicht gesagt, dass laut unserem Wiasen und unserer Erfahrung, das gegenwärtige System