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Die Welt · 1903-11-20 · 47 (20.11.1903) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
47 (20.11.1903)
Article
In der "Deutschen Volksstimme" [Kommentar]
Date
1903-11-20
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „bie^ weit" Nr. 46 möglichst vieler Bauern ein möglichst ausgedehnter Markt von möglichst grosser Kaufkraft für Handwerksprodukte hergestellt werden; denn „Bauern muss schaffen, wer Städte schaffen will". 3. Das Land muss durchaus und für alle Zeiten im Eigentum der Gesamtheit stehen und bleiben. Wir nrissen in modernem Gewände die uralten Agrargesetze Israels wiederherstellen. „Mein ist das Land," spricht der Herr, „ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir." Unser Anfang muss demnack sein: genossenschaftliche Bauern dörfVr. Das Referat fand so stürmischen und ungeteilten Beifall, dass man wohl sagen kann, der Kongress stehe auf Saiten dieser Vorschläge. Eine ungeahnt aktuelle Bedeutung gewann nun dieses Referat durch die Kundgabe der Anerbietungen der englischen Regierung betr^fl"nd Verleihung einer Landkonzeasion in Ostafrika an die jüdische Kolonialbank, das politische Instrument des Kongrpsses. Ein ansehnliches Stück fruchtbaren Landes mit gemässigtem Klima* örtliche Autonomie unter einem jüdischen Oberbeamten, volle Bewegungsfreiheit für die Ordnung der religiösen und ausschliesslich inneren Verwaltungsangelegenheiten und selbßtständige Munizipalgesetzgebung, das sind kurz die Grundzüge des in Aussicht gestellten Charters. Dem Aussenst-henden wird vielleicht die ungeheuere Leidenschaftlichkeit, mit welcher eine grosse Minorität des Kongresses dieses Projekt bekämpfte, nicht ganz verständlich sein. Der Grund war die Befürchtung, dass der Zionismusdadurchsein Ziel „Palästina* vernachlässigen könnte. Mit Unrecht. Durch di*se Hilfsaktion in grossem Masstabe wird das zionistische Endziel nicht berührt; das bleibt nach wie vor die Schaffang eines nationalen jüdischen Kulturzentrums in Palästina und auch die Arbeit für dieses Endziel soll und wird durch das Afrik*projekt nicht in ihrer Energie gemindert werde'-. Derselbe Kongress, welcher der Entsendung einer Expedition nach Ostafrika zustimmte, hat eine Kommission zur wissenschaftlichen Erforschung Palästinas mit eines Jahres^tat von .o.OOOFr es. eingesetzt. Aber die Erlangung Palästinas tir das jüdische Volk ist keine Frage, die man von heut« auf morgen lösen kann; diese Frage wird nur im Zusammenhange mit den grossen Fragen der Weltpolitik von den Mächten gelöst werden. Inzwischen werden aber Hunderttausende von armen Juden jahraus, jahrein ruhelos von einem Punkte des Erdballes zum anderen gejagt. AngectebtsdieserZuständekönnte d< r Zionismus in dem Bewusstsein. dieeinzigestarkejüdische Organisation zu sein, in welcher leb-nlige Volkskraft pulsiert, es nicht vor dem Richterstuhh» der Geschichte verantworten, wenn er diese Gelegenheit ausser acht lassen würde, hunderttausende verkomn eodeF, von körperlicher und geistiger Deprivation bedrohter Stammesgenossen zu bodenständigen und gesunden Menschen — und zu Pionieren für die Besiedelung Palästinas zu machen. Das in Frage kommende Gebiet ist dem Leserkreise dieses Blattes nicht unbekannt: es sind die Hochplateaus am Kenia, auf welchen Theodor Hertzka seinen Staatsroman „Freiland* sich abspielfn lässt. Man mag über H e r t z k a s verunglückte Forschungsexpedition denken wie man will, mögen widrige Zufälle oder unzulängliche Vorbereitung ihr Scheitern verursacht haDen, jedenfalls brauche ich an dieser Stelle nicht auseinanderzusetzen, dass mit dem Missiingen der Expedition nichts gegen die in .Freiland* niedergelegten Grundprinzipien, unbeschadet aller M^inungsiiifferenzen im einzelnen bewiesen ist. Und vor allem bprührt der Misserfolg nicht die Zuverlässigkeit von Hertzkas Sehilderungen der paradiesischen Natur des Landes, welche er den Reiseberichten der vertrauenswürdigsten Autoren, wie S p e e k e s, Grants, Livingstones, Baker s, Stanley g, Emin Paschas, Thomsons, Johnstons, Fischers u. a. entlehnt hat. Diese Schilderungen werden durch neuere Berichte durchaus bestätigt. Die Situation für den Anfang ist heute auch schon durch die Ugandabahn günstiger, welche in 30 Stunden von der Küste (Alombassa) bis au den Viktoria-Nyanza führt. Dann aber werden die vom Kongress entsandten Forschungsexpeditionen auch mit ausreichenden Mitteln und den besten Kräften arbeiten. Eine von einem hervorragenden Kenner des Landes geführte Vorexpedition von erstklassigen geographischen, geologischen, agronomischen und kaufmännischen Sachverständigen wird das Gebiet zunächst mindestens l/s Jahr lang erforschen, um die Arbeitspläne für eventuell weitere notwendige Forschungsexpeditionen zu schaffen, falls der Kongress sich auf Grund der Berichte dazu versteht. So wird mit der denkbar möglichsten Gründlichkeit alles gptan werden, was Wissenschaft und Erfahrung an di° Hand geben, um ein Gelingen der Kolonisation zu sichern. Und auch an dem nötigen Kapital für die Kolonisation wird es nicht fehlen. In den letzten Tagen hat Dr. Karl Peters in der „Täglichen Rundschau* ausgeführt, dass das jüdische Grosskapital schon deshalb dem Plane günstig sein müsse, weil die assimilierten Juden des Westens schon durch die blosse Existenz eines zahlreichen jüdischen Wanderproletariates immer von neuem ihre eigene soziale und gesellschaftliche Stellung bedroht sehen. Dieser nüchternen Erwägung eines Aussenstehenden werden sich auch Grosskapitalisten nicht entziehen können, welche für die zionistischen Leitmotive k*in Ohr haben. Nur ein e Wolke huben die bisherigen Berichte über das Land am Horizont auffauchen laesen, welche das Werk mit Missiingen bedrohen körnte: In einer Zuschrift von Sir H. H. Johnston, einem der besten Kenner des Landes, den wir bereits unter den Autoren Hertzkas genannt haben, an die Times findet sich dpr Satz: „Ueberraachungen werden uns bevorstehen, welche die der Gold- und Diamantenfund* in Südafrika erreichen, ja übertreffen dürften.* — Wird sich da nicht ein Strom von Abenteurern aller Länder über das Gebiet ergiessen? und kann sich auf solchem Boden ein gesundes, auf landwirtschaftlicher Basis ruhendes Gemeinwesen aus städtischem Bevölkerungsmaterial entwickeln? Nun, die Gefahr ist keine grosse, und hier würde sich der Segen der bodenreformerischen Verfassung zuerst bewähren. Wo der Boden Gemeineigentum ißt, da kann es ja ein Mutungsrecht des Einzelnen nicht geben! Die Ausbeutung etwaiger Goldu» d Diamantenfelder würde ebenso, wie die von Kohlen- und Salzbergwerken Sache des Gemeinwesens sein und könnte vor allem niemals Spekulationsobjekt werden. Es müsste mit der britischen Regierung vereinbart werden, dass eine Mutung nach Gold und Edelsteinen etwa in den ersten zehn Jahren nicht stattzufinden habe, bis eine genügende Bauernbevölkerung im Lande erstarkt und mit dem Boden verwachsen sein würde. Dann allerdings wäre ein^r Ausbeutung etwaiger Gold- und Diamantenfelder kein Hindernis mehr in den Weg zu legen, denn ein einzelnes Land kann sich auf die Dauer heute nicht mehr dem Zusammenhange mit der .Weltwirtschaft entziehen wollen, wie das Beispiel der südafrikanischen Republiken lehrt. Und wenn dann etwa der britische Löwe den Löwenanteil der Goldernte für sich in Anspruch nehmen sollte, so wird sich darum wohl kaum eine ernsthafte Diskussion entspinnen; denn wir wollen den Schatz in unserem Weinberggraben! Schöneberg. Dr. Emil Simonson. * Im N.ovemberhefte der „P o 1 i t i s c h - a n t h r o p o 1 og ischen Revue" bespricht Dr. Fr. Gernandt die Aussichten des Zionismus. Ende August fand in Basel unter ausserordentlich starker Beteiligung der VI. Zionistenkongress statt, auf welchem jüdische Delegierte aus fast allen Ländern der Welt versammelt waren. Man muss gestehen, die Zionisten haben in wenigen Jahren viel geleistet, viel agitiert und berechtigte Hoffnungen erweckt. Zionistische Gruppen haben sich überall aufgetan und zahlen ihren „Schekel", den jüdischen „Peterspfennig", reichlich in den Nationalfonds. Der Zionistenkongress fühlt sich als die nationale und politische Vertretung des Judentums, als die bedeutungsvollste „Versammlung seit der Zerstörung Jerusalems4'. Muss auch der Antisemitismus als eine der wichtigsten äusseren Ursachen der jüdischnationalen Bewegung angesehen werden, so ist doch andererseits der dauernde energische Antrieb zur Agitation und Aktion mehr in der Rasse selbst begründet, in der eigenen Erkenntnis der Juden, dass eine Verschmelzung mit den anderen Völkern gar nicht oder nur in geringem Masse möglich ist. Der Rassegedanken, der immer mehr anfängt, zum Inhalt des modernen Vöikerbewusstseins zu werden, hat auch das jüdische Volk ergriffen. Man hat eingesehen, dass die Juden bei anderen Völkern nur geduldet werden, und die Vorgänge in Kischenew, die Austreibung aus Rumänien, die Einwänderungsbeschränkungen von Seiten Australiens, Amerikas und neuerdings Englands beweisen, dass "die Landfrage für das heimatlose Volk eine akute geworden ist. Die Land- und Heimfrage bedeutet daher den Zentralpunkt der zionistischen Bewegung. Der Zionismus will das Volk aus der Zerstreuung sammeln; er erstrebt, wie es im Baseler Programm heisst, „für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-

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