Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Article
- Ein modernes Gebetbuch
- Date
- 1903-11-20
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „bie weit Nr. 46 Im übrigen enthält der Aufruf zwar eine Reihe schwerer Vorwürfe gegen die geordneten Organe der Landessynagoge, insbesondere den Oberrat, über deren Tragweite sich' die Unterzeichner wohl selbst nicht genügend klar geworden sind, aber keine Tatsachen zu ihrer Begründung und keine Vorschläge zur Besserung. In Bezug hierauf sei aber noch folgendes bemerkt: Den Synodenmitgliedern und Ersatzmännern zur Synode, welche den Aufruf mitunterzeichnet haben, ist seinerzeit das eben gedachte Rundschreiben des Oberrats vom 7. Oktober 1897 zugegangen, durch welches ihnen Gelegenheit gegeben wurde, sich offen und rückhaltlos darüber auszusprechen, au welchen' Punkten von dem Oberrat in Gemeinschaft mit der Landessynode die bessernde Hand angelegt werden sollte und welche einzelnen Massnahmen in dieser Richtung vorgeschlagen werden können. Damals haben die Männer, welche sich jetzt in den schwersten Anschuldigungen gegen den Oberrat ergehen, keinen positiven Vorschlag zu machen gehabt. Und ebensowenig haben die beiden mitunterzeichneten Synodalabgeordneten auf den Synoden von 1898 und 1901, welchen sie angehörten, sei es für sich oder in Verbindung mit anderen Abgeordneten ihrer Richtung, irgendwelche Mi-ssstände zur Sprache gebracht oder Massnahmen zur Förderung des religiösen Lebens vorgeschlagen, wie es ihre Pflicht gewesen wäre, wenn sie berechtigte Beschwerden geltend zu machen oder nützliche Anregungen zu geben gehabt hätten. Die Unterzeichner des Aufrufs erkennen rückhaltlos die mustergültige Ordnung in der Organisation der Landessynagoge an. Auf dieser einheitlichen und wohlgeordneten Organisation beruht die Kraft des badischen Judentums zur Wahrnehmung seiner religiösen Interessen und die Fähigkeit, die vermögenderen Teile des Ganzen, insbesondere die Stadtgemeinden mit ihrer überwiegend freier gesinnten Bevölkerung, zugunsten der weniger leistungsfähigen Glieder heranzuziehen. Mögen diejenigen, welche es nötig zu haben glauben, das „gesetzestreue Judentum" in Baden zur Sammlung zu rufen, sich der Verantwortung bewusst sein, weiche sie auf sich nehmen, wenn sie durch die Aufstellung unrichtiger und verletzender Behauptungen und durch die Erregung von Misstrauen einen Keil in die Organisation der Landessynagoge treiben, die Mitglieder derselben den geordneten Organen, die beharrende der fortschrittlichen Richtung und umgekehrt entfremden. Im Gegensatz dazu wird der Oberrat nach wie vor (vcrgl. Verordnungsblatt 1897, Seite 57) bestrebt sein, dahin zu wirken, „dass beide Richtungen, jede in ihrer Weise, unter gegenseitiger Achtung und Verträglichkeit, miteinander wetteifern in der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse und in der sittlichen Förderung der Glaubensgenossen". Im Bewusstsein dieser Pflichterfüllung kann er die Beurteilung der gegen ihn selbst gerichteten Beschwerden der Synode überlassen. Dagegen muss der in erster Reihe die Rabbiner und Lehrer sowie die Synagogenräte treffende Vorwurf mangelnder Pflege des religiösen Lebens, unter voller Anerkennung der Pflichttreue dieser Beamten und Kollegien, schon jetzt nachdrücklichst zurückgewiesen werden. Karlsruhe, den 26. Okt. 1903. Grossherzoglicher Oberrat der Israeliten. Der Ministeriaikomrnissär Becherer. Vdt. Driesen. Die allgemeine hebräische Enzyklopädie. Eine sowohl um ihres Zweckes willen, als auch ihrer besonderen Zusammensetzung wegen interessante und bedeutsame Versammlung fand am Sonntag, den 8. d. M. statt: In Gemeinschaft mit den Herren Prof. Dr. M. Philippsohn und Prof. Dr. Otto W arburg hatte Hr. Professor Dr. Leopold Landau die hervorragendsten jüdischen Gelehrten auf allgemein-wissenschaftlichem und speziell jüdischem Gebiete, die sich zur Zeit in Berlin betätigen, zu sich geladen, um ihnen Gelegenheit zu ^bni, einen Vortrag des Herrn Redakteurs N. Sokolow- Warschau über die von ihm in Angriff genommene hebräische Enzyklopädie zu hören und sich über eigene wissenschaftliche Mitarbeit an dem grandiosen Werke zu äussern. Es war vielleicht zum erstenmale, dass sich 'in Berlin ein so erlesener Kreis von Repräsentanten allgemeinen und jüdischen Wissens zu einem im wahrsten Sinne des Wortes jüdischen Unternehmen zusammenfand. Kam dieses erhöhte Interesse unserer Männer des Geistes an jüdischen Dingen schon an sich als ein ungeahnter Fortschritt, als ein hoffnungsvolles Zeichen der Zeit mit Genugtuung erfüllen, so darf es als noch erfreulicher bezeichnet werden, mit welcher Wärme und innerer Teilnahme sie dem Plane der Enzyklopädie beitraten, gerade weil es sich um einen jüdisch-kulturellen und volksbildnerischen Zweck handelte. Den Vorsitz in der Konferenz führte, unterstützt von Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer als Schriftführer, Herr Prof Dr. M. P h i 1 i p p s o h n, der nach herzlicher Begrüssung der Erschieneneu dem Herausgeber der Enzyklopädie, Herrn N. S o k o 1 o vv, Redakteur der „ Hazrphira", das Wort erteilte. Von vielen Gesichtspunktm aus konnte der Redner die Nützlichkeit, die Bedeutung, ja die Notwendigkeit des geplanten We?kes klarlegen. Für die Massen des jüdischen Volkes, die noch in der hebräischen Sprache wurzeln, werde die Enzyklopädie ein Bildungs- und Belehrungsmittel grandiosen Stiles sein, umso wesentlicher, als sie jetzt aus ungenügender Kenntnis anderer Sprachen oder infolge der Unzulänglichkeit der kleinen wissenschaftlichen Arbeiten in hebräischer Sprache solcher Möglichkeiten zur Selbserziehung enjlraten müsse. Die Enzyklopädie werde den Schlusspunkt in der staunenswerten Entwicklung bilden, welche in den letzten Jahrzehnten die lebendige hebräische Sprache über die Journalistik, Belletristik und Poesie zur Wissenschaft hinüber genommen habe. Schon darin, dass es möglich sein werde, das kostbarste Volksgut, die hebräische Sprache, zur höchsten und modernsten Leistung zu verwerten, werde eine grosse kulturelle Tat vollbracht werden, die unsere wohl von der schwersten Not bedrängten, aber geistig erstaunlich regsamen Brüder des Ostens mit gerechtem Stolz erfüllen werde. Bei dem Unternehmen, das die besten geistigen Kräfte , des Judentums zur Arbeit vereinigen soll— führte Redner des Weiteren aus — handle es sich darum, die Summe allgemeinen und jüdischen Wissens in dem Ausmasse und in der Form, die den Bedürfnissen und der Veranlagung der jüdischen Masse entsprechen, in einem Werke vorzuführen, dem, was wissenschaftliche Exaktheit und Originalität betreffe, die besten enzyklopädischen Leistungen anderer Völker als Beispiel vorschvvpben sollen. Es werde darum des Herausgebers und seiner redaktionellen Bureanx Hauptsorge sein, sowohl für den allgemeinen als auch für den jüdischen Teil die hervorragen dsten jüdischen Fachgelehrten zum Rat und zur Mitarbeit heranzuziehen. In solchem Mittun unserer tüchtigsten jüdischen Kräfte liege die beste Gewähr für das Gelingen des grossen Unternehmens, das, nachdem seine materiellen Vorbedingungen gesichert seien, nun auch in Bezug auf die wissenschaftlichen Grundlagen so f-'st als möglich gestützt werden müsse. In diesem Sinne wendet sich Redner im Namen der künftigen Leser der Enzyklopädie und mit Hinweis auf den idealen Zweok des Unternehmens an die Versammelten mit der herzlichen Einladung, als wissenschaftlicher Beirat dem Werke der F^nzyklopädie beizutreten. An die sehr freundlich aufgenommenen Ausführungen des Referenten schloss sich eine interessante Diskussion, an der sich die Herren Geheimrat P i n n e r, Prof. Berliner, Prof. Zabludowski, Dr. S. Bernfeld, Prof. Landau, Prof. Meyerhoffe r, Prof. B a g i n s k y, Dr. E1 b o g e n und Eduard Bernstein beteiligten. Es fehlte nicht an verschiedenen Hinweisen auf die Schwierigkeit des Unternehmens, die meisten Redner aber unterliessen es nicht, indem sie ihre persönlichen Anschauungen und Ratschläge entwickelten, ihrer besonderen Sympathie für das geplante Werk warmen Ausdruck zu geben. Herr Profossor Berliner kennzeichnete die Stellungnahme des Rabbinerseminars dem Unternehmen gegenüber in einer bündigen Erklärung. Die Herren Prof. Pinn er und Meyerhoff er legten dem Herausgeber nahe, ob nicht statt der alphabetischen Form besser die Einteilung nach Disziplinen gewählt werden soll. Prof. Zabludowski meinte in sehr interessanten Ausführungen unter anderem, dass es gerade höchste Zeit sei, das Werk zu beginnen, da die Kenntnis des Hebräischen zu schwinden beginne*