Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Article
- Haus Nr. 13
- Date
- 1903-11-20
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 46 „bi* $ Welt11 Seite 5 wir somit auch verantwortlich sind. Aber wenn wir die Sache wie sie einmal ist, betrachten, so können wir nicht umhin, aus der an sich traurigen Sach« Hoffnung und Mut zu schöpfen. Als im Jahre 1882 die ersten Schläge auf die jüdischen Schultern niedersausten, da verlor das Volk völlig alle Fassung. In alle Enden der Welt flohen die erschrockenen Juden. Nur eine kleine Schaar von heldenmütigen Jünglingen, von bewussten, begeisterten Jüngern der nationalen Idee hat sich nach Palästina begeben, hat das Banner hochgehalten. Jetzt im Jahre der Gnade 1903 ist das jüdische Volk viel gereifter, viel bewusster. Und die Waisen von Kischenew beweisen es. Das Volk hat gezeigt, dass es sune Zukunft, sein Ideal versteht. Das Volk hat gezeigt, dass es ein Volk ist. Die Polen, die von den hakatistischen Deutschen bedrängt sind, schicken ihre Kinder nach Galizien oder Russisch-Polen, um sie im polnischen Geiste erziehen zu lassen. Wir schicken unsere Kinder, unsere Waisen nach Palästina, damit sie unsere Kultur konservieren und fortsetzen. In diesen Kindern sehen wir nicht die Waisen der erschlagenen einzelnen Juden, sie sind für üng die Verkörperung der ganzen jüdischen Geschichte, des ganzen jüdischen Lebens. Nicht nur sie sind Waisen, wir alle sind es. Wir, das ganze jüdische Volk sind Waisen, in allen Beziehungen. Waisen ohne Erbrecht, ohne Liebe, ohne Obdach. Ist denn der Fall Kischenew einzig in seiner Art? Sterben denn nicht täglich still und unbekannt Tausende von Opfern des jüdischen Lebens, der jüdischen Not? Ist denn nicht ein jeder Jude ein Opfer seines Volkes? Viele Waisen und viele Opfer haben wir, aber zu schwach sind unsere Kräfte, um mit dem Strom des Lebens zu kämpfen. Dem Elend, dem ökonomischen Elend der jüdischen Massen jetzt abzuhelfen, das liegt nicht in unserer Macht, aber wohl dem geistigen. Die Not im allgemeinen können einzelne Anstrengußgen nicht abschaffen. Unser Leben ist zu eng mit dem sozialen Leben unserer Umgebung verbunden — mit ihr teilen wir alle wechselnden Geschicke. Was wir aber auf dem Wege zur Verwirklichung unseres Ideals wohl tun können, das ist die Hebung des jüdischen Geistes, seine Individualisierung. In gleicher Weise müssen diese zwei Seiten der Bewegung gepflegt werden. Die Entwicklung Palästinas zum Judenlande und die Entwicklung der Juden zum Palästinavolke. Und einer von diesen Schritten ist die Schule Beikinds für die Kischenewer Waisen. Eine Avantgarde werden sie sein, ihnen werden andere Kinder — hoffen wir keine Waisen — folgen, und eine neue, junge und starke Generation wird in Palästina erwaohsen, die die Leiden ihres Volks kennt und seine Träume versteht, eine Generation, die eine Brücke bilden wird zwischen Gegenwart und Zukunft. — Und we; n es der Schule Beikinds gelingen wird, diese Aufgabe zu erfüllen, und wenn die Waisen von Kischenew zu stajk^a tapferen Juden Judäas erwachsen werden, die mit ihrem Spaten den Boden Palästinas graben, die ihn bebauen werdt n — dann sind die Opfer von Kischenew nicht umsonst gefallen, dann war das Haus Nr. 13 eine schmerzliche, aber fruchtbringende Episode der jüdischen Geschichte! . . . A. Coralrik. Ein modernes Gebetbuch. Der Grossherzoglich Badische Oberrat der Israeliten ist bereits seit längerer Zeit mit der Verbesserung des jüdischen Gebetbuches beschäftigt. Nach den Gerüchten, die über das verbesserte Gebetbuch, das noch nicht einmal im Entwürfe vorliegt, in die Oeffentlichkeit gedrungen sind, soll es sich um einige radikale Aenderungen handeln, die namentlich solche Stellen betreffen, die von der Wiederherstellung Zions und der Erlösung unseres Volkes handeln. Es sind bisher unverbürgte Gerüchte, ebenso wie diejenigen, welche eine Anzahl orthodoxer badischer Juden zu schweren Angriffen auf den Oberrat der badischen Israeliten veranlasst haben. Wir wollen in unserem Blatte vorerst kerne Stellung zu dieser übrigens sehr wichtigen Sache nehmen, weil die erste Entscheidung bei dem badischen Distriktskomitee liegt und dieses gewiss erst nach sorgfältiger Prüfung sein Votum abgeben und seine Vorkehrungen treffen wird. Sollte es aber wahr sein, dass man Zion aus dem Gebetbuche tilgen, dass man dieses entnationalisieren will, dann werden unsere Gesinnugsgenossen zweifellos alles aufbieten, um einen solchen Entwurf zu Falle zu bringen. Jedenfalls wird ein derart „verbessertes" Gebetbuch dann den badischen Zionisten die Pflicht auferlegen, sich auch auf die Führung der israelitischen Gemehiden ihres Distriktes einen solchen Ekifluss zu sichern, dass man solche „Verbesserer" unnachsichtlich entfernen und die Verbreitung dieses Gebetbuches aufs Entschiedenste verhindern kann. Wir hoffen aber zuversichtlich, dass es der badische Oberrat der Israeliten nicht auf einen erbitterten Zwist innerhalb der Gemeinden abgesehen hat und dass er unsere Gesinnungsgenossen nicht zwingen wird, einen rücksichtslosen Kampf zu führen, bei dem es dann auf beiden Seiten kein Zurück mehr gäbe. Wir sind gewarnt, wir werden auf der Hut sein. Die früher erwähnten Angriffe der orthodoxen Kreise beantwortet der Oberrat mit folgender Kundmachung: Bekanntmachung des Grossherzogl. Badischen Oberrats der Israeliten. An die Synagogenräte des Landes. Von einer Anzahl Personen ist ein Aufruf verbreitet und auch dem unterzeichneten Ministerialkornmissär zugesendet worden, worin zur Gründung eines „Vereins zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden" aufgefordert wird. Gegenüber den in diesem Schriftstück mit mehr oder weniger Sicherheit aufgestellten, den Entwurf eines neuen Gebetbuches betreffenden Behauptungen sehen wir uns veranlasst, folgendes zu erklären: 1. Es ist nicht wahr, dass „der Oberrat es für gut befunden hat, das Werk der Oeffentlichkeit vorzuenthalten, bis es der Synode unterbreitet ist". Im Gegenteil soll der Entwurf des 1. Bandes, sobald er fertiggestellt ist, was frühestens in Jahresfrist der Fall sein wird, veröffentlicht und den weitesten Kreisen Gelegenheit gegeben werden, sich über den Entwurf ein Urteil zu bilden, bevor er an die Synode gelangt. 2. Ueber die Annahme des Entwurfes wird die aus allgemeinen Wahlen hervorgehende Synode, jedoch keinesfalls schon in ihrer nächsten Tagung, Beschluss zu fassen haben. Im Schosse des Oberrats sind über dereinstige Einführung des neuen Gebetbuches in Synagoge und Schule noch keinerlei Beschlüsse gefasst worden. Es muss indessen darauf hingewiesen werden, dass bereits in den Erläuterungen zu dem Rundschreiben des Oberrats vom 7. Oktober 1897 über die Aufgaben der obersten Organe der Landessynagoge auf innerkirchlichem Gebiete (Verordnungsblatt Seite 58) ausgesprochen ist, dass „diejenigen Gemeinden, welche in der althergebrachten Form des Gottesdienstes ihre Befriedigung finden", durch das neu abzufassende Gebetbuch „in keiner Weise gestört werden", vielmehr auch sie für die ihnen passende Form des Gottesdienstes „möglichst ausgiebige Unterstützung" erhalten sollen. Weiter bestimmt aber der § 19 der Synodalordnung, dass selbst „Beschlüsse der Synode, welche Form oder Inhalt der Gottesdienste zum Gegenstande haben oder Aenderungen sonstiger dermalen zu Recht bestehenden religiöser Gemeindeeinrichtungen bezwecken, in den einzelnen Gemeinden nicht gegen deren Willen durchgeführt werden sollen". Nach alledem ist es ausgeschlossen, dass Oberrat oder Synode das neue Gebetbuch irgend einer religiösen Richtung gegenüber zu einer Bedrängung der Gewissen missbrauchen werden.