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Die Welt · 1903-11-20 · 47 (20.11.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
47 (20.11.1903)
Article
Dr. Alexander Marmorek
Date
1903-11-20
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 lfbk # Weit" Nr. 46 So weit der Blätterbcricht., Wir glaubten unseren Lesern diesen Bericht nicht vorenthalten zu dürfen, denn sie alle kennen Dr. Alexander Marmorek. Mögen seine, mögen die Hoffnungen hunderttausender anner Kranker sich ganz erfüllen! Haus Nr. 13. (Ein Geleitwort den Waisen von Kischenew zu ihrer Reise nach Palästina.) „Das Haus Nr. 13 befindet sich im 4. Bezirk der Stadt Kischenew, in einem unauffindbaren Seitengässchen. Mein Reisebegleiter, der seit drei Wochen mit der Stadt vertraut geworden war, erklärte dem Kutscher: „Haus Nr. 13 . . . dort, wo man mordete \* Das Haus Nr. 13 ist ein Haus wie viele. Arms* lige andere Häubchen sieht man ringsum. Diese aber machen den Eindruck bewohnter Stätten und atmen Leben, das Haus Nr. 13 gleicht einem Leichnam: leere Fensterhöhlen, mit Brettern verschlagene Türen. . So beginnt der g] o^se russische Schriftsteiler Wladimir Korolenko seine neueste Erzählung, „Haus Nr. 13", in der er in schlichter, wahrheitsgetreuer Weke die Geschichte der Ereignisse von Kischenew erzählt. Man schaudert, wenn man diesen Bericht liest, obwohl man sich an die Erinnerung schon gewöhnt hat. Man schaudert, ohne sich die Bilder vorstellen, vergegenwärtigen zu kÖEiien. Und nun kommen die Augenzeugen, die Bewohner des „Hauses Nr. 13U, die Personen der Tragödie . . . die Waisen von Kischenew. Dreissig an der Zahl, 23 Buben, 7 Mädchen, kleine, zarte Kinder, echte Kinder des Ghetto, des Golus. Gereizt und überspannt, nervös und physisch unentwickelt, Kleine Märtyrer, Kinder von Märtyrerr. In dem Alter, in dem bei allen Kindern das Bewusstsein noch sanft schlummert, in dem ihnen die Welt noch froh entgegenlacht, in dem das Leben mit seinen gewaltigen Kämpfen und Stürmen und seinem Wehe für sie eine terra incognita ist, haben diese Kinder schon den schrecklichsten der Schrecken gesehen, den Menschen in seinem blutigen Wahn, das Haus Nr. 13 . . . Von der Wi^ge auf kennen diese Kinder, die grösstenteils von proletarischen Eltern stammen, die dun pfe Atmosphäre des lussisch-jüdischen Ghettolöbens, mit seiner grauen Schwermut, mit seinen Drangsalen. Am Eingange in das Leben wurden sie mit dem Wiegenlied« der jüdischen Mütter begrüsst, diesem unbowussten Angstschrei des unsäglichen Volkskummers. Und sie wurden grossgezogen, sorgfältig, liebevoll, wenn auch unter den schwersten Lebensbedingungen. Denn das Haus der Armen, das Haus Nr. 13, hat viel mehr von den alten jüdischen Traditionen, die da eind: Familienliebe, Hing-bung, Opfermut, aufbewahrt, als die reicheren, besser situiV-rten, vo i «1 -r Assimilation berührten jüdischen Häuser . . . S e, ii Kinder, haben von ihren Eltern vielleicht auch i.off n. glauben und ausharren gelernt. U.,d auf ei mal kam es, das schwere Unglück. Die KL rn barbarisch ermordet, sie selbst misshandelt, Hab und Gut Vernichu f. Einham standen sie da, die Waisen von Kischenew, uie Waisen des jüdischen Volkes. Aber die Geschichte hat ihre Lehren nicht tauben Ohren gepredigt. Das jüdische Volk stand nicht mehr ratlos und verzweifelt, aber untätig den Geschehnissen gegenüber, wie im Jahre 1882. Die 20 Jahre haben das jüdische Leben revolutioniert, das jüdische Voiksbewusstsein aufgerüttelt. Bei den Juden war die Wohltätigkeit immer eine der Kardinaltugenden. Sie war einer der Grundpfeiler des jüdischen Lebens, hervorgerufen durch soziale Verhältnisse und durch ihre orientalische Gastfreundlichkeit. Bei Juden hatte die Wohltätigkeit einen viel edleren Charakter als bei den übrigen Völkern, wie zum Beispiel dem humansten der Völker, dem englischen. Die jüdische Wohltätigkeit stand viel höher und hatte einen tieferen ethischen Inhalt, als die britische vor der Abschaffung der Armengesetze. Aber die jüdische Wohltätigkeit war immer eine individuelle, eine private. Man wusste nichts von der Pflicht des Einzelnen dem Ganzen, dem Volke gegenüber. Und deshalb hat die ganze jüdische Wohltätigkeit nur zur Züchtung von Schnorrern verholfen, im besten Fall zur Unterstützung einzelner Personen, dem Volksorganismus aber nützte sie nicht, sondern schadete ihm vielmehr. Sie hinderte die Wirkung der Auslese. Das war die jüdische Wohltätigkeit früher, das ist sie teilweise auch jetzt unter den Juden des Westens. Aber die Zeit hat das Volk gelehrt, seine Kräfte anders, zweckmässiger zu verwenden. Und wir sehen es am augenfälligsten im vorliegenden Falle, bei den Waisen von Kischenew. Was hätten die Juden mit diesen Waisen gemacht vor den furchtbaren Lehren, die sie bekommen haben? Sie hätten gewiss ein Waisenhaus gegründet und hätten aus den armen Kindern Schmarotzer gezüchtet, die nicht fähig wären, selbständig zu leben. Was haben sie aber jetzt gemacht? Jetzt hat das Volk klar erkannt, wie eng das Leben des jüdischen Individuums mit dem der Gesamtheit verbunden ist, wie sie ineinander zusammenfliessen, denselben Geschicken unterliegen. Und es begriff, dass die Zeit gekommen ist, zu handeln, Hand anzulegen an die grosse nationale Tat, die Entknechtung des jüdischen Volkes, materiell und geistig auf dem befreiten Boden Judäas. Einer der ersten Vorkämpfer der jüdischen Kolonisation Palästinas, einer von den mutigen Jünglingen, die im Jahre 1882 nach dem ersten ^Pogrom" nach Palästina zogen, einer der Besten unter den sogenannten Biluj, Herr Israel Beikind, hat seit Jahren den Plan gefasst, eine Musterschule für Ackerbau in Palästina zu gründen. Eine Ackerbauschule, die nicht Agronomen, sondern Bauern, jüdische Bauern erziehen sollte. Man hat den Plan nicht überall günstig aufgenommen. Manche hielten ihn für eine Chimäre, manche sind jetzt noch dieser Ansicht. Einige Jahre verstrichen und Beikind arbeitete rastlos für seine Idee, diese träumerische, grandiose Idee, eine Schule zu gründen, aus der die künftigen Säer der jüdischen Saat auf dem Boden Palästinas hervorgehen sollten. Ein nüchterner, abseitsstehender Beobachter würde gewiss sagen, die Sachen seien hier auf den Kopfe gestellt. Und es ist vielleicht auch so. Aber bei Juden unter den gegebenen Verhältnissen muss man anders räsonnieren, muss man anders handeln. Ich weiss nicht, ob Beikinds Plan so schnell ausgeführt worden wäre, denn gar viele Hindernisse standen im Wege. Aber da kam die Tragödie des Hauses Nr. 13. Es blieben Waisen, Obdach- und schutzlos. Und der Instinkt des jüdischen Volkes hat den richtigen Weg erraten. Die Waisen des jüdischen Volkes sind auch dem jüdischen Volke geweiht. Das Blut ihrer Eitern, die weil sie Juden waren, gemordet wurden, hat sie, ihre Kinder, zu Auserlesenen des jüdischen Volkes gesalbt. Und sie müssen die Avantgarde, der Vortrab sein, der nach Palästina kommt. Beikinds Schule wurde somit für die Waisen bestimmt, Ich bin keineswegs Optimist und will mich keinen übertriebenen Hoffnungen hingeben. Ich teile die Befürchtungen unserer besten Männer, dass die Waisen vielleicht nicht die Erwartungen erfüllen werden, die wir hegen, dass das jüdische Volk doch noch immer zu viel vonseinem alten Wohltätigkeitssytem hewahrt hat, um diese Kinder nicht zu Schnorrern grosszuziehen. Aber das sind Fragen der Zukunft, Fragen, deren Lösung von uns und nur von uns abhängt, für die

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