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Die Welt · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
46 (13.11.1903)
Article
Löbliche Redaktion!
Date
1903-11-13
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 46 „bis & weit" Seite 9 Bojan, 9. November, Löbliche Redaktion! Ich stelle zum Punkte „Nationalfonds" den Antrag: Es möge jeder wie immer geartete zionistische Verein, Ortsgruppe etc. Wochenbeiträge in minimalen Beträgen von sämtlichen Mitgliedern einheben und sie allmonatlich an den N.-F. abführen. Mit Zionsgruss Nuchim Frischmann. * Eine Antwort auf den Brief aus England. Mein Freund, Herr Easkin, ist ein interessanter Briefschreiber. Aber diesmal kann ich doch nicht finden, dass er recht hat in dem, was er über die „Jewish Religious Union" schreibt. Ich gehöre zwar nicht zu dieser Union, aber ich möchte doch, dass Ihre Leser den richtigen Stand der Sache erfahren. Die Mitglieder dieser Union sind Juden, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen wollen. Sie bekennen sich offen zu einer Form des Judentums, wie sich ehrliche Leute bekennen wollen. In Babylonien haben unsere Glaubensbrüder in der Landessprache gebetet, in Alexandrien in der griechischen Sprache und doch waren das gewiss gute Juden, Warum sollen nicht auch englische Juden in der Landessprache zu Gott sich wenden dürfen, einer Sprache, die sie verstehen und die auch Gott versteht. Es ist doch besser, wenigstens am Samstag Nachmittag Gottesdienst abzuhalten, als wie viele Juden, sogenannte Orthodoxe eingeschlossen, gar keinen Gottesdienst an diesem Tage zu besuchen, noch überhaupt Sabbath zu halten. Darum keinen Stein werfen, wenn man selbst im Glashause sitzt. Das ist die Ansicht ihres ergebenen Dr. Strauss. & Ein Wort an die jüdischen Mütter! Schon früh beginnt des Juden Märtyrertum! ...In den Strassen flimmert es, Ausrufe des Entzückens tönen von Kindeslippen! Leuchtend haften die Blicke unserer Kleinen an den lichtumflossenen Christbäumen! Traumbefangen lehnt sich das Köpfchen an das Mutterherz und der kleine Mund flüstert: Bekomme ich auch einen Christbaum? — Fürwahr, die jüdische Mutter muss das Heldenblut der Makkabäer in sich fühlen — will sie sich selbst nicht untreu werden! Mit fester Hand entreisst sie den Liebling dem Zauberbann, das Paradies des ärmsten Kindes bleibt dem jüdischen Kinde verschlossen, und spöttisch zuckt die Assimilantin die Achsel ob der unnützen Grausamkeit! Es ist ja Zeit! meint sie—dem Kinde später den Stachel der Zurücksetzung in das Herz zu drücken! Nein — rufe ich — gibt es denn keine Wahl zwischen dem Martyrium unseres Kindes und der systematischen Erziehung zum Abfall? Die Weihnachtszeitmit der Gleichberechtigung aller Kinder vor dem Christkindeist der Boden, dem jene Abtrünnigen entstammen. Der einst erduldete Schmerz wird zum Wegweiser ins Christentum und um dem eigenen Kinde dasselbe Leid zu ersparen, wirft man die bisnun lose gehandhabte Religion weg. Das Kind aber, das im christlichen Hause das Weihnachtsfest gefeiert — bleibt dem Bann der herrlichen Woche verfallen. — Auf ihr Mütter! setzen wir all unsere Mutterliebe ein, um unseren Kindern auf dem Heimatsboden Blumen erblühen zu lassen! Denn Kindern des Ghetto bleiben diese Gefühle fremd — sie hatten ihre Freuden, auch schützte sie ihre Abgeschlossenheit, sie kannten Leid und Not, doch der Stachel des Neides sass nicht in ihrem Herzen; ihnen zeigte man in Wort und Bild nicht allenthalben Nicolo und Christbaum! — Lasst uns jüdische Bilderbücher schaffen! Tausende jüdischer Federn arbeiten im Dienste der Fremden; fände sich nicht Einer, um solch ein verdienstliches Werk zu fördern? Lasset uns Preise aussetzen! Jüdisches Handwerk li^gt am Boden, Not und Elend treibt die Juden in die Fremde! Hier gäbe es ein lohnendes Feld. Ist unsere Geschichte arm an Helden? Wär's Sünde, die herrlichen Gestalten dem Kinde vor Augen zu führen, unsere Feste zu Jugendfesten zu gestalten, auf dass mit dem Begriffe: Ich bin eir Jude! nicht schon im zarten Kindesalter das Bewusstsein bitterer Entbehrung verbunden wäre. Ins Herz des Kindes senkt die Liebe zum Judentum j Das kann aber der Einzelne nicht! Reichen wir uns die Hand zum lohnenden Werke! Beweisen wir, dass das Judentum auch Freude schaffen kann. Eine jüdisch fühlende Mutter. Aufruf! Wie die „Welt" bereits meldete, hat am 17* September ein verheerendes Feuer die Stadt Zloczow (Galizien) heimgesucht und deren grössere Hälfte eingeäschert. Dabei ist auch das Lokal des Vereines „AhawasZion" samt Einrichtung, Thora und wertvoller Bibliothek verbrannt. — In dieser furchtbaren Not wenden sich die Gefertigten an wohltätige Gesinnungsgenossen, an zionistische Vereine und jüdische Verleger mit der Bitte, dem Vereine nach Kräften beistehen zu wollen. Jede, auch die kleinste Gabe ist willkommen! Adv.-Kand. J. Grosskopf, jur. J. K i 11 a y, Obmann. Oomannstellvertreter. J. Reiss, Schriftführer. Spenden werden vom erstgefertigten dankbarst entgegengenommen. * Busk, am 5. Marcheschw. 5664. Das Ergebnis der durch den gefertigten Verein vor den Feiertagen eingeleiteten Sammlung zugunsten des Nationalfonds wurde mit Beschluss des Ausschusses vom 18. Oktober 1903 mittelst N.-F.-M. dem Nationalfonds bereits abgeführt. Eine Quittung durch eines unserer Blätter wird daher diesmal nicht erfolgen. Mit Zionsgruss Für den Verein „Ahawath Zion" in Busk. Sa 1. Goldberg Wolf Chary Präsident. Sekretär. O. Czaczkes Kassier. * Trinkwasser für die Emigranten. Löbliche Redaktion! Von den Emigranten, die täglich in grossen Massen an unserem Wohnort vorüberfahren, und jeden Tag von uns mit Trinkwasser versehen werden, erfuhren wir, dass sie auf der langen Reise durch Europa oft entsetzlichen Durst gelitten, ohne dass es ihnen möglich gewesen, namentlich an den kleineren Bahnhöfen, Trinkwasser zu bekommen. Mögen daher die zionistischen Vereine in den betreffenden Oertern unserem Beispiele folgen und Labung bringen, wo es nötig ist. Man kann z. B. mit Einwilligung des Herrn Stationsvorstehers, vor Ankunft des Zuges von ^einigen Dienstmännern gegeoi eine geringe Zahlung einige Eimer Wasser bereitstellen lassen. Wir machen es so; und die rührende Dankbarkeit der armen Leute ist der schönste Lohn für diese geringe Mühe. Mit Zionsgruss! Hochachtungsvoll Vorstand des Zion. Vereines Deventer (Holland). :*: Erklärung. Wieder einmal schäumten dieser Tage die Wogen der öffentlichen Diskussion hoch auf — war doch in die ohnehin lodernde Flamme des Rassenhasses abermals heisses Oel gegossen worden durch das gar nie versagende Losungswort: „Jud — Judenbub!tf Fürwahr, wo immer: auf der Bierbank, an den Kaffeetischen, in den Aemtern, hörte man von nichts anderem und bemerkte man überall aufgeregte Menschen, die sich eifrig mit der bangen Frage beschäftigten, ob sie wirklich — als Christen — den Jüdischen Schindern" ausgeliefert werden dürfen?! Offenbar musste ein neues Reizmittel seitens der Agitatoren gefunden werden, um die für sie noch immer zu träge Masse von der Untersuchung über die Greuel in Kischenew, Hornel u. s, w. abzul* ken. Da denn heute durch die ihnen mit Recht verbalste Forschung daigetan wurde — was auch in die breiten Massen eingedrungen ist —- dass nicht die „Jud^nu durch Brunnenvergiftur g an der Pest Schuld waren (1348), auch nicht die ,Juden" die dreimonatliche Trockenheit in Portugal (1506) und auch nicht das Erdbeben i'\ Lissabon (26. Jänner 1531) verschuldet hatten — da auch die Hostienblutungen ihre Zug- und Tragkraft verloren haben, so musste der beabsichtigte Feldzu^ gegen die freie Wissenschaft mit einem anderen Schlagworte eröffnet werden und nun konnte selbstverständlich iur der Schlachtruf: „Vivisektion durch Judenbuben" Erfolg versprechen. Allein von dem grauenvollen Mittelalter weg, auf die Neuzeit übergehend, hat auch hier die Forschung die Ur-

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