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Die Welt · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
46 (13.11.1903)
Article
M. L. Lilienblum
Date
1903-11-13
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 46 #Jbie & weit" Seite 5 Gesetzes" im Golus aufnehmen will, während von Perez bloss die Sehnsucht nach den Zeiten des Ba&l-Schemtow*) betont wird, ohne dass wir aber in seinen Erzählungen die leiseste Andeutung fänden, wie „die zahllosen Steine" wegzuräumen wären, um zum „Diamant" zu gelangen, und während der selige Braudes bloss platonischer Zionist war, macht sich Lilienblum den Zionismus zur Lebensaufgabe, weil er einsieht, dass hier aller Kampf nutzlos ist. Zuerst kämpft er gegen „den toten Buchstaben des Gesetzes", weil er unseren religiösen Fanatismus für den Schuldigen an unserem „abnormalen, unnatürlichen Leben" hält. Er überzeugt sich aber bald, dass er nicht auf dem richtigen Wege ist, und voll Liebe für sein Volk, voll Verlangen ihm zu helfen, forscht er nach anderen Ursachen. iNaeh einiger Zeit sehen wir ihn als Kämpfer für die Hebung der ökonomischen Lage der Juden. Er setzt sich mit aller Kraft für die Schaffung eines Ackerbaufonds und Gründung von jüdischen Kolonien in Südrussland ein. Er sieht aber bald ein, dass auch dieses nicht die gewünschte Abhilfe bringen kann und wird zum eifrigsten Palästinophylen. So schreibt er im „Hamelitz" im Jahre 1886: „Man macht mir Vorwürfe, weshalb ich den Kampf gegen-- vollständig aufgegeben habe und nur noch für die Kolonisation Palästinas eintrete, während alles das, was ich zerstören wollte, noch nicht vernichtet ist. Ich habe mich aber überzeugt, dass dieser Kampf nutzlos ist, denn kein einziger Teil eines abnormalen Ganzen kann normal sein. Wenn wir ein normales natürliches Volksleben in Palästina führen werden, so wird alles das, wogegen ich gekämpft habe, von selbst verschwinden." So erklärt er selbst seinen tTebergang vom Kampfe gegen---— zum Kampfe f ü r--, vom Zerstören z-um Schaffen. „Die Wiedergeburt des , jüdischen /Volkes im historischen Lande seiner Väter"**) wurde nun seine Kampf - Parole. Aber auch im Kampfe f ii r die Wiedergeburt zeigt er sich als vorzüglicher Kämpfer gegen die Gegner der Wiedergeburtsidee. „In einer Hand hielten wir die Waffen zur Abwehr von unseren Feinden und mit der anderen bauten wir die Mauern von Jerusalem" (Nehem. IV. 10—'16). Diesen Bibelvers führt Lilienbluni in seinem Artikel „Die Judenfrage und Palästina" (Rasswiet 1881 Kr. 41 u. 42) an, um zu zeigen, was der Wille schaffen kann. Und so verfuhr er selbst. Einerseits schuf er zusammen mit Pinsker „Die Gesellschaft zur Kolonisation Palästinas", an deren Spitze er vom ersten Tage ihres Bestehens bis zum heutigen Tage ununterbrochen steht und schrieb eine Reihe zündender Artikel und Werke über die Wiedergeburt, während er andererseits mit einer besonderen Virtuosität den Assimilanten in russischen und den Orthodoxen in hebräischen Blättern die gebührende, immer scharfe und korrekte, stets den Nagel auf den Kopf treffende Abfuhr zukommen lässt. „Stei ITakzowot" — zwei Extreme — hat er selbst diesen Kampf betitelt. Die Orthodoxen konnten ihm seine „Jugendsünden" (Chatas-Neurim) nicht verzeihen, während die Assimilanten über ihn wegen seines jüdischen Nationalismus herfielen. Nationalist und nicht religiös sein, das war den orthodoxen Dunkelmännern zu neu« und für die Religion zu gefährlich, während es den assimilierten Flaehköpfen zu unverständlich war, denn Kationalismus und Religion waren bei der russischen Judenschaft bis Lilienblum eins und dasselbe.' L i 1 i e n b 1 u in vollzog eine absolute Trennung der beiden Begriffe von einander und darin besteht vielleicht eines seiner grössten Verdienste. *) Der Baai-Schemtow ist der Begründer des Chasstdismus. Er bemühte sich, das tote Gesetz zu beleben. A. B. **) Titel eines der besten Werke Lilienblums, . A. B. Es wird vielfach behauptet, Lilienblums zerstörende Arbeit wäre viel intensiver, viel nützlicher gewesen. Intensiver — vielleicht, nützlicher war sie — meiner Ansieht nach — nicht. Wenn sein „Chatos Keurim" eine furchtbare Revolution im Bet-Hamidrasch hervorrief, so war seine „Wiedergeburt" der Rettungsanker der intelligenten Jugend. Tausende Talmudjünger flohen oder wurden wegen „Chatos Keurim" aus dem Bet-Hamidrasch fortgejagt, aber ebenso viele, wenn nicht noch mehr intelligente Jünglinge fanden in „unserer Volkssache" den Boden, welcher nach den „Pogromen" zu Beginn der Achtzigerjahre ihren Füssen entschlüpft war, wieder. Das bisherige Leben Lilienblums war ein unablässiger Kampf, der keine Kompromisse kennt, ein ununterbrochenes Hoffen. Lilienblum begann mit den Ivetten des Golus zu klirren, die Judenschaft vom beinahe zweitausencljährigen Schlafe aufzurütteln und das „e i n g e - schlafene Seh a m g e f ü h 1" seiner Brüder zu wecken. Seine flammenden Worte entzündeten die Herzen eines ganzen Geschlechtes und er, einer der Veteranen des Zionismus, sah denselben wachsen und gedeihen. Wie rührend war der Augenblick, als er, stürmisch begrüsst, die Minsker Konferenztribüne betrat und mit dem Gefühle höchster moralischer Befriedigung das „Schechejonu" sprach. Er ist für seine treue Arbeit belohnt. Die Kationalidee, dessen Vorverkünder und Vorkämpfer er war, dringt immer tiefer und tiefer in das Bewusstsein der Judenschaft, die Kolonisation Palästinas, welche ihn ein halbes Leben kostet, trägt üppige Früchte, die zionistische Bewegung, als deren Schöpfer er neben Pinsker mit Recht angesehen werden muss, wird von einer Partei angelegenheit zur Sache des ganzen Volkes. Ihn umringt eine gewaltige Organisation, welche früher oder später die Ideale, mit denen er lebt und für die er seit 22 Jahren streitet, verwirkliehen wird. Möge er es noch erleben! A. Ben j a m i n. Die Jewish Lad's Brigade. Die J e w i s h L a cPs Brigade zählt erst S Jahre. Sie wurde im Jahre 1895 geschaffen behufs Hebung der Disziplin und der physischen Stärke unter der jüdischen Jugend. Neunzehn Buben waren es, die an der ersten Musterung in Deal im Jahre 1897 teilnahmen. Die Zahl wuchs seitdem immer mehr und mehr und jetzt konnte die grosse Queens Hall in London kaum mehr die jungen Krieger beherbergen. Zur dritten öffentlichen Parademusterung, die am 31. Oktober 1. J. in der Queens Hall stattgefunden hat, fand sich ein grosses Publikum von Juden und Xicht juden ein, darunter zivile und militärische Xotabilitäten. Oberst G o 1 d s m i d und Lord Mayor S a m u e 1, Feldmarschall Sir Henry IST o r in a n, der Inspektor der Hilfstruppen der britischen Armee Gen. Turner, Lord Chelmcsford, waren die angesehensten Gäste. Nach der Musterung, die die Tüchtigkeit und Fälligkeit der jüdischen Jungen in körperlichen Hebungen im glänzendstem Liebte gezeigt hatte, hielt Lordmayor Samuel eine Ansprache, worin er die soziale Bedeutung dieser Brigade hervorhob. General Sir Alfred T urne r, der die Preise und Medaillen verteilte, lobte auch vom rein militärischen Standpunkte den meisterhaften Drill der Brigade und spendete dem um diese Sache verdienstvollen Oberst Golds m i d hohes Lob. Er betonte, dass der König von England den Oberst ■ Goldsmid mit einer hohen Auszeichnung beehrt hat „wegen seiner philanthropischen Y e rd i e n s t e, d i e er in der V e r b esse r u n g de r Lebensbedingungen seiner Glaubensgenossen, dieser alten und grossen Rasse, auf die er mit Recht so stolz ist, erworben hat". Er meinte dann, England könnte ruhig sein, wenn alle Freiwilligen so gut ein-

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