Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Article
- Uganda und Palästina, zwei jüdische Staaten
- Date
- 1903-11-13
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „bi* # W^lt" Nr. 46 sein, die dem Volke Lehrer, Advokaten, Aerzte, Apotheker, Literaten, Seelsorger und Richter bieten wird. Ein zivilisierter Staat mu8S neben den Landleuten auch solche Arbeiter in genügeöder Zahl besitzen. Ich stelle mir vor, diese Elite von Zionisten werde nach dem Beispiele unserer alten Weisen, tiebst dem Gelehrten berufe, wenigstens in der ersten Zeit auch Handwerke und Landbau treiben. Die drei Millionen Juden, die in Europa und Amerika zurückbleiben werden, sollen und müssen die armen Abziehenden unterstützen, gerade so wie es einst unsere Vorfahren in Babylouien taten, als auf Geheiss des Königs Cyrus ein Teil des Volkes nach Erez-Israel zurückkehrte. Alle zurückbleibenden Juden werden aus freien Stücken, wenn nötig, sicn selbst ihrer Schmucksachen entledigen, gerade so wie unsere Ahnen es taten, als Moses zur Verherrlichung Gottes die Stiftshütte bauen wollte. Haben doch unsere Vorfahren dem Aron sogar zur Anfertigung des goldenen Kalbes einen Teil ihres Schmuckes gegeben! Schon höre ich unsere Spötter sagen : „Ja, Uganda ist da« goldene Kalb; in« Feuer mit ihm!" Sind die Deutsch-Oesterreicher, sind die Deutsch- Schwe zer etwa weniger deutschfiihlende Deutsche, als die Bayern, die Badenser, die Preussen, die Hannoveraner u. s. w.? Warum sollten die Ugandajuden weniger Zionsgefühl haben als die B-nchsjuden (ich meine nicht die „Reichsjuden" im mittelalterlichen Sinne)? Im Gegenteile, gerade die Ugandajuden werden am meisten zionistische Gefühle hegen, weil eben ihr Ideal noch nicht verwirklicht sein wird. Wer will die Wege Gottes erforschen? Ich halte es für ein Glück, wenn wir mit der Besiedelung Ugandas beginnen. Die dort lebenden Juden werden ihr Zionsideal warm bewahren. Im gegebenen Augenblicke werden sie hilfreiche Brüder sein. Vereinzelte werden sogar von Uganda nach Palästina auswandern. Dass aber alle die in Uganda eingebürgerten und unter eigenem Gesetze und Verwaltung lebenden Juden je von dort nach Palästina übersiedeln sollten, ist ebenso wenig wahrscheinlich als wünschenswert. Es war somit kein ganz glücklicher Eicfall, Uganda mit „Nachtasyl8 zu bezeichnen. Uganda — falls die Kommission es für ein gutes und gesundes Land erklären wird — soll fürderhin nicht mehr ein Nachtasyl genannt werden. Uganda wird ein Daueraufenthalt für einen Teil des Volkes Israel werden. Als Jerobeam und Rechabeam unser Vaterland in zwei Königreiche spalteten, begann unser allmählicher Verfall — weil wir Nachbarn blieben. Anders soll und wird es sein, wenn die zwei jüdischen Staaten Weit von einander sein werden. Die innigsten Freundschaftsbande werden sie vereinigen. Kuost und Wissenschaft wird das Hauptband zwischen den zwei Schwesternationen bilden. Nicht „Palästina oder Uganda" sondern „Uganda und Palästina" muss unser politisches Ziel sein. Professor Dr. Theodor Mommsen. Ein unvermutet schneller Tod ohne langes Leiden krönte jüngst das harmonische Leben des berühmten Mommsen, der 86 Jahre lebte, aber nicht alt wurde, und als aufrechter Soldat auf dem Felde der Wissenschaft fiel. Es ist nicht nötig zu wiederholen, was jeder Kulturträger zum Ruhme dieses Mannes zu sagen weiss und wir, als das Sprachrohr der Juden, denen allen die Hochachtung vor der Wissenschaft Gebot ist, verbeugen uns vor den Manen ihres hervorragenden Vertreters. In Vertretung der Juden, deren Verfolgung fast allen Gebot ist, haben wir an dem neuen Grabe auch einen Dank auszusprechen; Dank für manches gute Wort, das auf den Flügeln von Mommsens Autorität in die irrdenkenden Massen hinausflog, um uns Gerechtigkeit zu schaffen. Die Worte sind auf unfruchtbaren Boden gefallen. Das ändert nichts an unserer Dankbarkeit für den grossen Toten. Friede mit ihml M. L Lilienblum. (Zu seinem 60. Geburtstag.) Die literarische Tätigkeit Lilienblums zerfällt in -einen zerstörenden und einen schaffenden Teil. Es ist ein Kampf gegen alles Krankhafte im. Judentum und für alles, was seinem Volke frommt. Aber das Zerstören war für Lilienblum nicht Selbstzweck, sondern hat ebenfalls eine schaff ende Tendenz. Das Alte, Abgelebte zerstören, entwurzeln und an dessen Stelle das Neue erbauen, wollte und vollzog, wenn auch nur teilweise, dieser in Ehren ergraute „Lehrer der Jugend". Seine zerstörende Arbeit gleicht dem Feuer der talnmdischen Legende, welches das Vogelnest samt dem Vogel verzehrt, aber einen keimenden Kern hinterlässt, aus dem nachher ein anderer, viel besserer Vogel entsteht. Lilienblum zerstört „die Asche, die den Funken unserer Seele bedeckt" und nicht zur hellen Flamme emporlodern lässt. M. L. Lilien blum. Lilienblum sah, dass viele Krankheiten, von denen manche schon chronisch sind, im jüdischen Volksorganismus wühlen und nahm mutig den harten Kampf mit denselben auf. Er sah die Gemeinden verkommen, die Rabbiner entartet, die Orthodoxen verdummt, die Assimilanten ihrem Volke entfremdet und mit seiner virtuosen Feder wies er auf alles hin, wollte er alles ausbessern. Seine schärfsten Geistespfeile wendet er gegen die veralteten „verknöcherten" religiösen Gebräuche. Und darin macht er Schule. Ein ganzes Heer jüdischer Schriftsteller folgte diesem „Rufer im Streite". Vor allen Dingen waren es Achad Haara in „Wort und lieben", Perez in seinen Erzählungen über den Chassidismus und hauptsächlich im „Diamant" und Braudes in „Hadat wehachajim". Aber die Schüler wären weniger konsequent als der Lehrer und blieben weit hinter demselben zurück. Während Achad Haam den Kampf mit dem „toten Buchstaben des