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Die Welt · 1903-11-06 · 45 (6.11.1903) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
45 (6.11.1903)
Article
Ahasver
Date
1903-11-06
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „bie # w*it" Nr. 45 Wie Sterne unter Wolken glomm sein Blick, Weiss wie der Schnee vom Hermon floss sein Bart, Als trüg' es Wolken, stark war sein Genick, Und seine Faust am Stecken fest und hart. Bleich stand er da und rot im Fieberbrand, Und die gewaltige Brust ging gross und schwer Im weiten schwarzen wallenden Gewand. Wie unterm Sturm die Woge über Meer. Rann eure Rede leicht und segenvoll, Stieg sonnig Leuchten in sein Angesicht; Wann aber Unheil eurem Mund entquoll, Zog Finsternis ihm Stirn und Braue dicht. Eu'r Ohr, ihr Brüder, hat ihn nicht gehört, Ich aber hört ihn — murmeln heiss und bang: „Ist dies die Stunde, die meinen Brüdern kehrt?" „Ist dies mein letzter, froher Lebensgang?" „Mein Schicksal, Brüder, ruht in eurem Schoss!" „Sagt: soll ich endlich meinen Frieden sehen?" „Oder soll ich traurig, schaudernd, ruhelos* -Die ewieen Wanderpfade weitergehen?" Israel Auerbach, Beschwerdekästchen. Rabbiner N.: Ja, es ist erfreulich, dass die Einberufung eines allrussischen Rabbinerkongresses nach Grodno gestattet wurde. Aber seien Sie, bitte, so gut und ersuchen Sie dann die Kongressteilnehmer, man möge nicht wieder, wie seinerzeit in Krakau, mit Schwurfinger, Tränen und seelischer Erschütterung einen Unisono-Eid leisten, dass es keinen „RitualmordK gibt. Oder, wenn die Kongressteilnehmer auf einen solchen feierlichen Moment nicht verzichten wollen, so wirken Sie wenigstens dahin, man möge — gleichfalls mit Tränen und dem Uebrigen — eidlich noch beteuern, dass zweimal zwei nicht fünf gibt, dass sich die Sonne nicht um die Erde dreht, dass ein Kilogramm Eisen nicht schwerer ist als ein Kilogramm Stroh und dergleichen mehr. Da ist erst gestern von den Blättern gemeldet worden, dass ein Münchener „ Atelier für Kunst und Kunstgewerbe" eine Ansichtskarte verbreitet hat, auf der angeblich nach einem Altargemälde ein „Ritualmord a dargestellt wird. Das ^telier hat sich also durch die Krakauer Schwurfinger keineswegs auf einen anständigeren Pfad weisen lassen. Man kann Ihnen daher mit gutem Gewissen empfehlen, Ihre Thränen nicht vor ein Gesindel zu werfen, das, wie es selbst zugibt, aus dem „Ritualmord" ein „Kunstgewerbe" macht. Musikus: Sie finden es heiter, dass in Jekaterinoslaw der Zensor Halevys Oper „Die Jüdin" nicht aufführen lässt. Vergebens protestiert die Theaterdirektion gegen dieses Verbot und beruft sich darauf, dass die Oper unbeanstandet in Petersburg und Moskau gegeben wird. Der Zensor erklärt nach wie vor, dass in aufgeregten Zeiten, wo an allen Ecken und Enden Juden exzeese stattfinden, eine Oper mit einem Sujet wie „Die Jüdin" nicht auf die Bühne gelassen werden darf. — Der Mann hat gar nicht so Unrecht. Es wäre ganz gut möglich, dass die Theaterbesucher, falls ihnen das Benehmen oder der Sopran der „Jüdin" oder der Tenor des alten Eleazar nicht völlig zusagten, sich nach der Vorstellung zusammenrotten, ins Judenviertel ziehen und mit dem üblichen Rufe ,Dies für die Verbrechen eurer Glaubensgenossen!" auf die Juden einhauen. Der Zensor kennt seine Leute. Mediziner. Die Sache ist uns selbst nicht ganz klar. Tatsche ist, dass heute Antivivisektionismus ein unöslicher Bestandteil des Antisemitismus geworden ist Wo der Zusammenhang zwischen Judentum und Vivisektion zu suchen ist, ist zwar vorläufig noch nicht bekannt, aber es muss sicherlich irgend ein festes Bindeglied zwischen beiden bestehen, denn so oft jetzt eine Anklage gegen die Vivisektion laut wird, schliesst sich prompt der Epilog „Pfui Juden!tt an. Sie verkehren in zahlreichen jüdischen Familien, doch sie haben nirgend bemerkt, dass die Juden am Samstag nachmittag, um sich ein vergnügtes Stündchen zu bereiten, ein gefesseltes Meerschweinchen ununterbrochen mit einem Zahnstocher in die Waden stechen. Auch die beiden Professoren, die im Interesse der Wissenschaft am meisten die Vivisektion ausüben müssen, der Physiologe Exner und der Professor der experimentallen Pathologie Paltauf sind ebensowenig Juden wie ihre Assistenten. Auch der „Vater der Vivisektion*, der alte Galenos, war ebensowenig ein Hebräer, wie Moses, der Verfechter des Tierschutzes, ein arischer Grieche war. Auch ist Ihnen nichts davon bekannt, dass die Juden des Mittelalters ungezählte christliche Inquisitoren auf Scheiterhaufen geröstet, in den Folterkammern bedachtsam torquiert und sonstwie viviseziert haben. Und dennoch ist der Antivivisektionismus derzeit ein hochwichtiger Programmpunkt des Antisemitismus. Wir werden voraussichtlich demnächst folgende Notiz in den Zeitungen lesen : Gestern Nachmittags schlug in der Alserstrasse der Kutscher Josef Stein er, Schriftführer des Luegerbundes, so rasend mit dem Peitschenstiele auf seine Pferde los, dass sich gegen hundert Zuschauer bei dem Wagen ansammelten* Die Empörung der Zuschauer wuchs von Sekunde zu Sekunde und machte sich schliesslich in stürmischen Rufen „Pfui Juden!" Luft. Da gerade zwei galizische Juden auf dem Weg zum Krankenhause die Stelle des Zusammenlaufes passierten, so wendete sich die Erbitterung der Menge gegen die Juden. Sie wurden von dem Kutscher und den aufgeregten Passanten blutig geschlagen. Ein Mitglied des „Vereines zur Bekämpfung der Vivisektion* Hess endlich die Jaden verhaften. Zeitungsleser : M o m m se n ist gestorben und an seiner Bahre ist bereits ein grimmer Streit entbrannt: Die freiheitlich gesinnten Journalisten legen die Hand auf den Altertumsforscher und erklären: „Er war unser!" indem sie gegen den Antisemitismus gerichtete Aussprüche Mommsens zitieren und die antisemitischen Zeitungen suchen wieder andererseits aus zwei Zitaten nachzuweisen, dass Mommsen mit Leib und Seele im Lager Gregorigs gestanden ist. Es geht zu, wie beim Skäischen Tore, die einen zerren hin, die anderen zerren her, und bangen Herzens muss der Zuschauer abwarten, wer Sieger bleiben wird. Sie Naivling haben erwartet, dass sich die Zeitungen hauptsächlich um Mommsens Stellung zu den Römern kümmern werden, und jetzt bemerken Sie, dass eigentlich Mommsens Stellung zu den Juden das Interessanteste an dem Manne gewesen sein mag. — Ueber Mommsens Stellung zu den Kaninchen möchten Sie auch gerne was erfahren? Gedulden Sie sich, die „diesbezüglichen" Leitartikel und Landtagsreden werden nicht lange aui sich warten lassen! R. Briefkasten. B. S. Vaslui. Uns ist über die Sache nichts bekannt. B. St. Gedicht dankend abgelehnt, J. E. Leibitsch. Das Blatt erscheint in Jerusalem. H. Raygrodsky, Lodz, Verein „Zion", Nadworna. Die Anregung des Herrn K. wird noch beraten, da sich die Ausführung als schwierig erweist. Kremser Zionisten. Wir haben darüber keine offizielle Nachricht bekommen. Hr. A. F., Wien, Frl. A. M., Krakau. Bitte eich an die Administration der „Welt" zu wenden, die den Vertrieb besorgt, oder an eine beliebige Buchhandlung.

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