Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Article
- Ein neuer hebräischer Bibelkommentar [Rezension]
- Date
- 1903-11-06
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 45 „bi* & Weit Seite 13 Volkes. Seit dem Anfang des Mittelalters war ja neben dem Talmud die Bibel das Buch, um welches sich alles Denken und Forschen konzentrierte. Von den verschiedensten Gesichtspunkten aus suchte man deren Inhalt zu erfassen und zu erklären: Die einen, wie Raschi und Kimchi den einfachen Sinn berücksichtigend, die anderen wie z. B. Ibn-Esra den grammatischen Eigentümlichkeiten nachgehend, wieder andere dem tieferen, verborgenen Sinn nachgrübelnd. Bekanntlich hat der Raschikomentar infolge seiner Einfachheit, Klarheit und besonders wegen der anmutigen aggadischen Erklärungsweise alle anderen mehr oder weniger verdrängt und beim Volke am meisten Anklang gefunden. — Bis auf den heutigen Tag ist Raschi der „Parschandatha" — der Erklärer geblieben. Ibn-Esra reizte nur die höheren, freieren Geister durch seine nüchterne und prägnante Auffassung der Dinge, noch mehr aber durh die verschleierten, kühnen philosophischen Andeutungen. Diejenigen aber, die auf die Kosten ihres Gemütes kommen wollten, ergötzten sich an Nachmanides (Ramban) Erklärungsweise oder an der noch tieferer Mystiker. Wahrend die M en d e 1 s s o hn sehe Ueb ersetz ung der Bibel in der Geschichte der jüdischen Geistesentwicklung (in Deutschland besonders) eine Epoche bildet, so hat sein oder vielmehr seiner Schule Komentar (Biur) beiweiten nichteine solche Bedeutung erlangt. Er ist selten originell, zumeist auf Raschi und Ibn-Esra basierend.— Seit jener Zeit hat man sich unter den Juden verhältnismässig nur wenig mit der Erklärung der heiligen Schrift befasst — zu unserem grossen Nachteile. Denn es haben sich ihrer christliche, besonders protestantische Gelehrte bemächtigt und sind bis heute auf diesem Gebiete die Herren geblieben. Ist es nicht, gelinde gesagt, eine schwere Sünde unsereiseits, dieses Feld so brach liegen zu lassen und all den historischen und sprachlichen Errungenschaften gegenüber, welche das Verständnis der Bibel so sehr modifizieren, gleichgiltig dazustehen, als brauchten wir uns um all den Fortschritt der biblischen Hilfswissenschaften gar nicht zu kümmern und als hätten wir es gar nicht nötig, mit ihnen uns auseinanderzusetzen? Nun unternimmt es der in der Anmerkung genannte Herausgeber einen Kommentar in hebräischer Sprache erscheinen zu lassen, der frei von theologischen (also unwissenschaftlichen) Voraussetzungen auf der Höhe der neuesten geschichtlichen, literarischen und philologischen Forschung stünde und an dessen Bearbeitung gediegene, selbständige jüdische Gelehrte ihre Teilnahme zugesagt haben. Man darf diese Tatsache nicht unterschätzen; sie ist viel mehr als ein bloss literarisches Ereignis. Referent ist der Ansicht, dass sie für das geistige Leben der östlichen Juden von einschneidender Bedeutung werden kann. Zu diesen ist von den erspriessiiehen und schädlichen Folgen der Bibelkritik, die in Deutschland weit, weit über die Fachkreise hinaus bekannt sind, bis nun nur ein schwaches Echo gedrungen. Und nun kommt plötzlich ein vom modernsten Geiste durchhauchter Kommentar! Wie wird man denselben in Russland entgegennehmen, wo man einerseits mit Fleiss und Eifer noch die alten jüdischen Erklärer studiert, andererseits aber den modernen Forschungsergebnissen mit dem lebhaftesten Interesse lauscht und nachgeht? Wird man die kühnen, alier Traditionen zuwiderlaufenden Vermutungen betreffs der Entstehungszeit der einzelnen Bücher der Thora und Propheten, die Textverbesserungen u. a. ruhig über sich ergehen lassen? Das ist psychologisch unmöglich. Voraussichtlich wird es viele Kämpfe — und ehrliche geben. Die einen werden es nicht zulassen wollen, dass durch ein zweitausendjähriges Alter geheiligte Ueberlieferungen mit einemmale erschüttert werden; die anderen werden die Wahrheit auf den Schild heben, die keine Schonung kennt und früher oder später überallhin dringen muss, zumal sie in den westlichen Ländern schon längst nicht bloss Besitz der Zunftgelehrten ist. Wie immer dieser Kampf sich gestalten wird, unabhängig auch von dessen Resultaten — die Tatsache, allein der Herausgabe eines modernen hebräischen ßibelkommentars ist von entschieden hoher Bedeutung im inneren Leben der östlichen Juden. Den Reigen unter den Mitarbeitern eröffnet Dr. H. P. Chajes, Professor am Rabbinerseminar in Florenz mit der ersten Hälfte des Kommentars zu den Psalmen. Es war ein glücklicher Gedanke mit einem in bibilkritischer Beziehung neutralem Buch zu beginnen. Es wird sich auch ein orthodox denkender Jude mit dem Gedanken befreunden, dass ein Psalm, der die Ueberschrift „von David* trägt, de facto aus der Makkabäerzeit stammt. Der noch nicht kritisch geschulte Leser wird so allmählich in die „Schule der Kritik" eingeführt. Es wäre ratsam, dass überhaupt zuerst die Hagiographen, dann die Propheten und erst zuletzt die Thora- Erklärung erscheine; in dieser letzteren werden sich die Bearbeiter einer besonderen Verantwortlichkeit bewusst werden und einer grossen Vorsicht sich befleissigen müssen, wenn sie nicht zum Gespötte der naiven, aber vom gesunden, wissenschaftlichen Instinkt geleiteten Leser all die Torheiten der sogenannten „höheren Kritik" mitmachen wollen. In der nun erschienenen Erklärung zu den Psalmen gibt Dr. C h a j e s keine allgemeine Einleitung, indem er auf die einleitenden Bemerkungen zu den einzelnen Kapiteln verweist Hoffentlich wird der Verfasser dem zweiten Teile eine ausführliche allgemeine Besprechung des Inhaltes, der Form, der Gruppirung, der Entstehungszeit n. s. w. der Psalmen vorausschicken. In gewisser Hinsicht kann man diese Arbeit bahnb rechend nennen, insoferne sie nämlich in einem sehr ansprechenden, modernen Hebräisch geschrieben ist. Das war keine so leichte Sache, wie es auch dem des Hebräischen Kundigen auf den ersten Blick scheinen mag Es musste oft Termini geprägt werden, jedes Wort sollte streng philosophisch und — was ein besonderer Vorzug — durch Vergleichung mit anderen semitischen Sprachen erklärt werden, jader Satz aber prägnant dem Sinne nach und im Zusammenhange gewürdigt werden. Diese Aufgabe hat der Verfasser glücklich gelöst und wird den späteren Bearbeitern als Muster dienen können. — Sachlich hat sich der Autor mit lobenswertem Eifer in der Literatur umgesehen, die verschiedenen Ansichten — wenn auch anonym — angeführt, hiebei aber auch selbständige Konjekturen, die sich grossenteils auf die griechische oder syrische Bibelübersetzung stützen, vorgenommen. Im kurzen Vorwort sagt Dr. Chajes, er habe „ohne jede Rücksicht* gearbeitet; das hat er auch eingehalten und sparte nicht an Textverbesserungen. Referent bestreitet nicht, dass manche unter ihnen sehr geistreich sind — man merkt gleich den Unterschied zwischen den holprigen Konjekturen eines protestantischen und denen eines jüdischen Philologen — darunter sind auch solche, die als richtig zugegeben werden müsseh. Im allgemeinen aber scheint mir der Verfasser zu viel im Text gekritzelt zu haben; mehr Zurückhaltung wäre hier am Plalze gewesen und mehr Vertrauen auch zum überlieferten Text. Verfasser meint|oft durch eine Konjektur, Wortumstellung, einen klareren Zusammenhang zu konstruieren. Allein in den Psalmen sind oft in mehreren Versen die Gedanken nur lose aneinander gereiht, ohne engere inhaltliche Verkettung; nicht überall also ist überhaupt ein fester Zusammenhang beabs:chtigt. Es ist bezeichnend, dass gerade Delitzsch, der doch sonst so radikalen Anschauungen in Bezug auf die Bibel huldigt, sowohl in mündlichen Vorlesungen wie auch in seinen Schriften (vgl. dessen Einleitung zur Uebersetzung des Buches Hiob) zur grössten Vorsicht bei Behandlung des Bibeltextes mahnt und die Treue der masoretischen Ueberlieferung immerfort betont. Jedoch ich möchte nicht nörgeln. Dass in Kleinigkeiten manches auszusetzen wäre — worauf aber hier nicht eingegangen werden kann — tut dem Buche als Ganzem keinen Abbruch; es ist als solches eine hervorragende, selbständige Leistung und wird auch demjenigen gute Dienste leisten, der sonst gewohnt ist, nur deutscher kritischer Kommentare sich zu bedienen. Dem Verfasser sowohl wie dem Herausgeber gebührt inniger Dank aller, denen der intellektuelle Fortschritt unseres Volkes am Herzen liegt. Dr. M. Schorr, Feuilleton. Ahasver. Eu'r Auge, Brüder hat ihn nicht gesehen. Ich aber sah ihn — gross und ungebeugt In einer Säule Schatten lauschend stehen, Und tief erbebend hab' ich mich geneigt.