Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Article
- Aus der Rede des Präsidenten Rektor Dr. A. Schwarz
- Date
- 1903-11-06
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „bi* & W$lt Nr. 45 sein dieses die Welt regierenden Gottes aufs Unerschütterlichste überzeugt war, erging an ihn der Befehl, seine Sendung anzutreten. Der Offenbarung, wie das Judentum zu allen Zeiten sie aufgefasst hat, musste die Erkenntnis Gottes vorausgehen; am Sinai hat Gott nicht sich selbst, nicht sein Dasein, sondern bloss seinen heiligen Willen, sein Sittengesetz uns und durch uns der ganzen Menschheit geoffenbaret. Es ist demnach eine Entstellung, eine Verdrehung der Tatsachen, wenn man gegen besseres Wissen nun wieder behauptet, dass wir Juden den Monotheismus als ein durch die Offenbarung vermitteltes Gnadengeschenk betrachten. Gegen solche Entstellungen müssen wir uns mit aller Macht zur Wehre setzen, und das können wir nicht wirksamer und erfolgreicher tun, als wenn wir unser Volkstum hegen und pflegen, als wenn wir das jüdische Bewusstsein überall, wo es eingeschlummert ist, gleichwohl ob durch Betäubung von Aussen oder durch Erschlaffung von innen, aus dem tiefen Schlafe erwecken. Der Behauptung, wir hätten den Monotheismus entlehnt, er sei bei uns nicht autochthon, müssen wir selber, wir als Volk und nicht durch vereinzelte Gelehrte, durch Rabbiner und Prediger, durch Orientalisten und Philologen, entgegentreten; wir müssen der Welt zeigen, dass das Judentum sich weder totschlagen noch ausrauben lässt. Die Bibel freilich gehört heute der ganzen Menschheit, aber der Autor dieser Bibel sind und bleiben wir, wir, das jüdische Volk; dieses Autorrecht lassen wir von keiner Macht uns rauben, dieses Autorrecht lassen wir von niemandem antasten. Jüdisches Bewusstsein wecken heisst darum vor allem, die enge und innige Zusammengehörigkeit aller auf dem Erdenrunde lebenden Juden mit dem schärfsten Nachdruck betonen. Es muss einfür allemale gebrochen werden mit der Selbsttäuschung, mit dem Selbstbetrug, als gäbe es bloss jüdische Oesterreicher, jüdische Ungarn, jüdische Deutsche, jüdische Franzosen, jüdische Engländer, jüdische Russen, jüdische Amerikaner; wir sind unbeschadet unseres allenthalben bewährten Patriotismus österreichisch-ungarische, deutsche, französische, englische, russische und amerikanische Juden, denn wir sind Juden, wir sind ein Volk, wir sind als Juden ein Volk, weil wir nach wie vor das Volk der Bibel sind, das Volk, dem die Welt mit der Bibel und durch die Bibel den Monotheismus verdankt. Verbindet uns nun wieder diese unerschütterlich feste Ueberzeugung, dann werden wir es als unsere heilige Pflicht betrachten, den jüdischen Monotheismus zu hegen und zu pflegen, dann wird das wieder erwachte jüdische Bewusstsein in ein stolz bescheidenes oder, wenn Sie es wollen, in ein bescheiden stolzes jüdisches Selbstbewusstsein sich umwandeln und unsere Feinde werden nach und nach zu der Einsicht gelangen, dass es eine babylonische Verwirrung gewesen, Babel und Bibel in einem Atemzug zu nennen, weil wir Juden auch heute noch das sind, was wir seit Jahrtausenden gewesen, das klassische Volk der Bibel, das Volk der monotheistischen Erkenntnis. Die Erweckung des jüdischen Bewusstseins ist aber nirgends eine gebieterischere Notwendigkeit als in den untersten Volksklassen. Die Gesundung des jüdischen Volksorganismus muss aus seiner innersten Tiefe heraus sich vollziehen; wir dürfen nirgends von oben nach unten, wir müssen überall von unten nach oben bauen. Aus diesem Grunde betrachte ich den spezifisch jüdischen Charakter unserer Toynbeehalle als ihren allergrössten Vorzug. Diesen Vorzug wollen wir ihr nicht bloss in dem beginnenden IV. Vereinsjahre, sondern für alle Zeiten zu erhalten suchen, dann wird sie als eine Stätte der Veredelung und Verbindung für alle Klassen, ganz besonders aber als eine Pflegestätte echt jüdischen Bewusstseins sich bewähren. Als solche, meine Damen und Herren, empfehle ich sie Ihrer Gunst und Ihrem Wohlwollen. Vergessen Sie das eine nicht: die Toynbeehalle bedarf des Sonnenlichtes und der Sonnenwärme, um zu wachsen und zu gedeihen; vergessen Sie aber auch das andere nicht: das jüdische Volk bedarf solcher Toynbeehallen, solcher Pflegestätten, um zu gesunden und zu erstarken. Distriktsversammlung des innerösterreichischen Distriktes. Der Obmann des Distriktskomitees ei öffnt t die Versammlung um 3 Uhr, begrüsst die Vertreter der Vereine, die Vertrauensmänner sowie die erschienenen Mitglieder des Landeskomitees und Distriktskomitees. Vertreten waren 24 Vereine durch 37 Delegierte, ferner 9 Mitglieder als Vertrauensmänner für Floridsdorf, Krems, Baden, Weigelsdorf für den III., )X. und XX. Wiener Bezirk. Ihr Fernbleiben haben entschuldigt die Vertrauensmänner von Triest und Salzburg. Der Obmann erstattet den Rechenschaftsbericht für das abgelaufene Tätigkeit?jähr. Gegenüber der vorigen Tätigkeitsperiöde kann man ganz besondere Erfolge, sowohl was die Agitation als auch die Organisation und Verwaltung betrifft, konstatieren. Neue Ortsgruppen sind gebildet worden in Triest, Krems und Weigelsdorf, zwei neue Zeitungen erscheinen: „ZionB und „Der jüdische Arbeiter". Es wurde rührig agitiert, dass in den Tempeln Spenden für den jüdischen Nationalfonds angenommen werden. Dem Distriktskomitee wird volles Lob gespendet, man bemängelt jedoch, dass man es bis nun unterlassen habe, den Zionismus unter den jüdischen Massen im II. und XX. Wiener Bezirke zu propagieren. Eine systematische Agitation in diesem Sinne wird die Aufgabe des neuen Komitees sein. Aus dem Kassaberichte konnte man konstatieren, dass die Zahl der Schekelzahler auf 1488 gestiegen sei. Ein Suffizit ist in barem Gelde und in den vorhandenen Broschüren vorhanden* Für die musterhafte Wirtschaft wird dem Referenten der Dank ausgesprochen. Ueber die vom D.-K. eingeleitete Kischenewer Hilfsaktion konnte kein endgiltiger Bericht erstattet werden, da noch einige Sammelbögen ausstehet. Dem Obmanne sowie den beiden Referenten wird das Absolutorium erteilt, worauf Dr. Max Bernh ardt per Akklamation zum Obmanne wiedergewählt wurde. Zu Vertretern der Bürgeivereine wurden gewählt die Herren : Max Markus, Moritz Ehrlich, Hart mann, Walltuch und Dr. M.Scherlag, das Mandat für die Frauenvereine erhielt Frau Fanni Weiss und das für die Mädchen vereine Frl. Gisella K o hn, das Mandat für die Verbindungen techn. Samuel Jungmann und das für die Vereine jur. Jochanan Thau, die Mandate für die Arbeitervereine erhielten die Herren B r e i n i n und Schmidt. Zu Provinz Vertrauensmännern wurden Herr Oskar P o 11 a c k aus Weigelsdorf, Herr Jul. Schick aus Krems und Herr Leopold S i c c a r d aus Salzburg gewählt. Wegen vorgerückter Stunde konnten die übrigen Referate nioht gehalten werden. Diese Referate werden in der nächstens einzuberufenden Distriktsversammlung gehalten und darüber sowie auch über die bereits eingebrachten Initiativanträge debattiert und Beschlüsse gefasst werden. M. L. An die P. T. Vereine und Vertrauensmänner! Wir bringen Ihnen nachfolgende, bereits im Zirkular Nr. 1 sub Punkt II. 1, enthaltene Mitteilung zur gefL Kenntnisnahme und Dam ach ach tun g in Erinnerung. Die am 18. Oktober stattgefundene Distriktsversammlung — ausführlicher Bericht in der Novembernummer des „Zion" — hat ihre Tagesordnung nicht erschöpft. Behufs Fortsetzung derselben, insbesondere der Beratung über; das Distriktstatut, ersuchen wir die Wiener Organisationen ihre Delegierten zu der Sonntag, den 8. November 1903 um 3 Uhr, statt finde ndenDistriktsversammlungzu entsenden, während wir den Provinzdelegierten natürlich nicht neuerdings das Opfer der Reise zumuten wollen und es denselben überlassen, ihre Wünsche schriftlich bekanntzugeben. Aus dem Distriktsstatut (das im Kongressbureau, IX., Türkenstrasse 9 aufliegt und für die Delegierten erhältlich ist) heben wir hervor: Einführung eines obligaten Distriktsbeitrages von 20, 10 und 5 Heller für alle im Distrikte organisierten Korporationen, obligate Einführung des?Zion% Umwandlung des Distriktskomitees in einen Verein, Einhebung des Mitgliedsbeitrages von 4 K von allen im Distrikt wohnhaften, nicht vereinszugehörigen Zionisten im Sinne des Beschlusses der letzten Parteitages, Kreierung eines Wiener Vertrauensmännerkollegiums als Distriktsbeirates in wichtigen Wiener taktischen Fragen.