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Die Welt · 1903-11-06 · 45 (6.11.1903) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
45 (6.11.1903)
Article
Die jüdische Toynbee-Halle in Wien
Date
1903-11-06
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 45 „bie & weit11 Seite 9 „BneiBrith", zahlreiche Tempelvorstände, mehrere Rabbiner, viele Tempelfunktionäre und Vertreter der hervorragendsten jüdischen Institutionen in Wien. Die Eröffnungerede hielt mit gewohnter Meisterschaft der Präsident des Vereines der Jüdischen Toynbee-Halle, Rektor Dr. Adolf Schwarz. Die Rede, die mit der grössten Aufmerksamkeit angehört und mit stürmischem Beifalle aufgenommen wurde, wird in extenso als Broschüre erscheinen, weshalb wir sie unseren Lesern nur auszugsweise vorlegen wollen. Es ist kein Zweifel, dass die Ausführungen des Redners, wenn sie im Druck vorliegen werden, auf weite Kreise den nachhaltigsten Eindruck machen werden. Hier hat ein ernster Forscherund aufrechter Mann gesprochen, unbekümmert um Beifall oder Missfallen seiner engeren Fachgenossen und weiterer Kreise. Auch Herr Dr. David, der erst jüngst ernannte Rabbiner der Wiener Gemeinde, trat in warmen Worten für die Jüdische Toynbee-Halle ein. Das von Frau Rosa Feigenbaum prächtig arrangierte Konzert, das dann folgte, war geeignet, den Gästen einen hohen Begriff von den künstlerischen Leistungen zu erwecken, die den Besuchern der Toynbee-Halle geboten werden. Meister Ignaz Brüll, Oberkantor Fuchs und die Damen Eug. Weiss, Edith und Melitta Heim fanden reichen Beifall und mussten dem Drängen nach Zugaben trotz der vorgerückten Zeit immer vom neuen nachgeben. Es war ein schöner, glückverheissender Anfang für das neue Vereinsjahr. Am Sonntag, den 1. November, begann der Vortrag- Zyklus mit einem Vortrage des Gründers der Toynbee- Halle, Prof. Dr. Leon Kellner über das Buch S. Lub- 1 i n s k i s „Die Entstehung des Judentums". Der Vortragende Hess dem Machwerke die gebührende Abfertigung zuteil werden. * Aus der Rede des Präsidenten Rektor Dr. A. Schwarz. ... Worin, so fragen Sie, besteht das Wesen der Toynbeehalle? Ich würde mich glücklich preisen, wenn ich in der Lage wäre, auf diese kurze Frage Ihnen eine ebenso kurze Antwort zu geben. Wer jedoch wüsste es nicht, dass es Dinge gibt, die schon deshalb sich weder definieren noch beschreiben oder schildern lassen, weil sie ihr inneres Wesen nur dem sinnigen Beobachter enthüllen. Was sie in Wirklichkeit ist, könnte Ihnen am beredtesten die Toynbehalle selber künden. Zu ihrem eigenen Leidwesen jedoch muss sie sich das insolange versagen, als es ihr an Raum gebricht, mit ihrem Publikum zugleich eine grössere Zahl lieber Gäste bei sich zu empfangen. Sie ist erst darauf angewiesen, sich einen Dolmetsch zu bestellen, und als solcher muss ich von vornherein darauf verzichten, die Sprache der unmittelbaren Anschauung in kunstgerechter Form Ihnen zu vermitteln. Um die Leistungen der Toynbeehalle erschöpfend zu schildern, müsste ich in erster Reihe aufzählen, nicht wie viel Gutes sie schafft, sondern wie viel Böses sie verhindert, wie sie gerade in jenen winterlichen Abendstunden, welche den Leichtsinnigen, die weder mit sich noch mit ihrer Zeit Etwas anzufangen wissen, am gefährlichsten sind, gar manchen, die von den Sorgen der Lebensnot zur Verzweiflung getrieben, sich selber zu entfliehen drohen, zum Stab und zur Stütze, um nicht zu sagen zur Lebensretterin wird. Wem brauchte es denn erst gesagt zu werden, dass die Kunst des Arztes, mit welcher er'jeder möglichen Erkrankung vorbeugt, weit höher zu bewerten ist als die Kunst, mit weicher er die zum Ausbruch gekommene Krankheit wieder zu verscheuchen versteht? Und dabei darf doch nicht übersehen werden, dass moralische und soziale Krankheiten schon deshalb gefährlicher sind, weil sie durch ihren Ansteckungsstoff leichter in Epidemien ausarten. Man dürfte demnach die Toynbeehalle eine sozial ebenso wie kulturell hochbedeutsame Institution nennen, aber damit wäre ihr Wesen schon deshalb nicht erschöpft, weil das fluktuierende Element einen immer kleiner werdenden Bruchteil ihrer Besucher bildet. Die Toynbeehalle hat eine gewaltige Anziehungskraft für alle, die sich bilden und veredeln wollen, und sie übt eine Abstossungskraft auf jeden aus, der sich unter guten Menschen nicht heimisch , fühlen kann. Die zwei- bis dreihundert Personen, die während der langen Wintermonatc allabendlich sich hier zusammenfinden, bilden gleichsam eine grosse Familie, deren Glieder nach den Mühen und Arbeiten des Tages nicht allein nach Erholung dürsten, sondern auch wissenschaftliche Belehrung und künstlerische Erbauung suchen und finden. Erwägt man ferner, dass die Toynbeehalle durch die von ihr eingeführten Sprach- und Literatur-Kurse vielen Lernbegierigen eine wirkliche Fortbildungschule ist, so muss man sie eine Stätte Geist und Gemüt anregender Geselligkeit, zugleich aber auch wirklicher Volksbildung und Volksveredlung nennen. Und auch damit, meine Damen und Herren, habe ich Ihnen nicht alles genannt, was die Toynbeehalle leistet und bietet. Ich will'Ihnen, für heute, wenigstens noch einen ihrer grossen Vorzüge nennen: sie ist eine jüdische, jüdisch insoferne, als sie sich zum Ziele gesetzt bat, das jüdische <Bewusstsein zu fördern und zu verbreiten, und das jüdische Selbstbewusstseiri zu wecken und zu steigern. Das ist ein Gewinn, der uns allen, unserer ganzen Gesamtheit zustatten kommen muss. Denn wahrlich, in einer so tieftraurigen Zeit wie die unsere, in einer Zeit, da die mittelalterlichen Gespenster in Schrecken erregender Weise umgehen und die blutigsten Verfolgungen in halb- und ganzbarbarischen Landern von Tag zu Tag zunehmen, in einer Zeit, da die feindseligen Angriffe von aussen mit der Fahnenflucht und dem Abfall im Innern sich verbinden, um die Felsenmauer des Judentums zu erschüttern, in einer solchen Zeit muss der Mangel jüdischen Bewusstseins aufs tiefste beklagt und aufs schmerzlichste empfunden werden. (Der Redner kommt hierauf auf die letzten Judenmassacres und auf die heftigen Angriffe auf den jüdischen Monotheismus zu sprechen, der den Juden als Fremdgut vorgeworfen werde, und fährt dann fort:) Der monotheistische Gedanke musste erst durch das Leben eines ganzen Volkes .seine Verkörperung, seine Ausgestaltung erhalten, bevor «die unserem Stammvater von Gott gewordene Verheissung, er werde den Geschlechtern der Erde zum Segen werden, in Erfüllung gehen konnte. Der Monotheismus musste erst zur. Volksreligion werden, bevor er dem Polytheismus jmit Aussicht auf Erfolg entgegentreten konnte. Für den Gang der Weltgeschichte, für die Entwicklung des Menschengeschlechtes ist es völlig belanglos, bei welcher Einzelperson der erste Kern des monotheistischen Denkens sich nachweisen lässt, denn es kommt einzig und allein darauf an, nicht bei, sondern in ■ welchem Volke dieser Keim zum mächtigen Baume emporgewachsen ist. Wir Juden sind gewiss stolz auf unsern Urahn, aber wir verhehlen es uns doch nicht einen Augenblick, dass wir im geistigen Sinne des Wortes erst als Volk die Kinder Abrahams genannt zu werden verdienen. Was uns Juden zu demauserwählten Volke macht, ist die von unser e m Urahn ererbte geistige Veranlagung, welche es ermöglich t e , d a s s d e r monotheistische Gedanke in uns als Volk die tiefsten Wurzeln schlug und d i e h e r r l i c h s t e n Früchte zur Reife brachte. TEs ist leider ein vielfach verbreiteter Irrtum, dass wir Juden die Idee des einig-einzigen Gottes der Offenbarung am Sinai verdanken. Das gerade Gegenteil ist wahr; es ist ein völlig unjüdischer, es ist ein geradezu heidnischer Gedanke, dass Gott jemals einem Weibgeborenen sich geoffenbart, ohne dass dieser Offenbarung die wahre und klare Erkenntnis des höchsten Wesens vorausgegangen wäre. Erst nachdem unserem Urahn die Wahrheit wie eine Sonne aufgegangen war, vernahm er die Stimme Gottes; erst nachdem er von dem Da-

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