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Die Welt · 1903-11-06 · 45 (6.11.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
45 (6.11.1903)
Article
[Ohne Titel] / -y.
Date
1903-11-06
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 45 „biS & W^lt" Seite 5 durch die Schaffung des Kongresses, durch die Gewinnung der öffentlichen Meinung erreicht. Sei die Absicht Russlands, den Zionismus diplomatisch zu unterstützen, sei das hochherzige Anerbieten Englands der Beweis einer verunglückten Charterpolitik, oder im Gegenteil ein grossartiger realer Erfolg? Der Kongress, dem die Frage vorlag, wie er das Anbot Englands beantworten wolle, konnte keine andere Antwort finden als die, eine Expedition zur Erforschung des Gebietes zu entsenden. Erst wenn die Resultate dieser Erforschungsarbeit vorliegen werden, wird der Kongress erklären können, ob er für oder gegen Ostafrika sei. Wie aber auch die Entscheidung ausfallen möge, Zion bleibt weiter unser Ideal und wir können die festeste Hoffnung hegen, dass unser Führer gerade nach seinem Erfolge in Russland uns alsbald ein recht grosses Stück auf dem Wege zu unserem Ziele weiterführen werde. (Stürm. Beif.) Die Stimmung der Versammlung, die erst eregen Mitternacht geschlossen wurde, war sichtlich für das Ostafrikaprojekt. — y. Die „Jüdische Rundschau" veröffentlicht ein Referat, das Herr Elias Auerbach in der „Berliner Zionistischen Vereinigung" erstattet hat. Wir entnehmen den interessanten Ausführungen Folgendes: Die gewaltige Erregung, die den VI. Kongress beherrschte, ist mit den Delegierten in die zionistischen Massen eingezogen. Das Ostafrikaprojfkt hat zwei Lager im Zionismus geschaffen und die Kluft scheint tief. Eine Verständigung müssen wir suchen und wir müssen sie finden, denn Spaltung ist Tod. Das Ostafrikaprojekt liegt als Tatsache vor uns. An uns ergeht die Frage, wie wir uns dazu stellen. Oder vielmehr, die Frage hat zu lauten : Wie steht das Ostafrikaprojekt zum Zionismus? — Richter ist der Zionismus, nicht das Projekt, und wäre es das glänzendste. An unseren bisherigen Prinzipien, die ja für alle Fälle gelten sollten, wollen wir diesen neuen Einzelfall prüfen. Es ist gut, zunächst sich klarzumachen, wie England das An&^bieten, das von ihm ausging, auffasste. Für uns kann es keinem Zweifel unterliegen, dass Herzl's Bemühungen um el Arish und Sinai keine Notstandsaktion waren. England sah — vielleicht mit Bedauern —, dass die Verhandlungen resultatlos verliefen, weil technische Hindernisse eine Kolonisation unmöglich machten. Sein Afrikavorschlag kann darum rur aufgefasst werden als ein Ersatzanerbieten. Unsere Unterhändler werden der englischen und ägyptischen ßegierung genügend klargemacht haben, um was für ein Pipj^kt es sich für uns handelt. Und da England diesen Teil seines Gebietes nicht geben konnte, bot es, gleichviel aus welchen Gründen, einen anderen Teil an. Wir können in der Tat nicht verlangen, dass England eine deutliche Vorstellung davon haben sollte, was uns Palästina bedeutet, oder dass eine Landesfrage in diesem Sinne für uns besteht. Es weiss nur, dass wir heimatlos sind, und es glaubte, uns die Heimat zu geben. Und England wollte uns, zu seiner Ehre sei's gesagt, eine nationale Heimat geben, das geht aus jedem Wort des offiziellen Dokuments hervor. Wozu spricht denn sonst das Schriftstück von der Beobachtung der jüdischen Volksbräuche und der völligen Bewegungsfreiheit der Kolonie in allen jüdischen Fragen? Nicht nur England, sondern die ganze nichtzionistische Judsnheit fasst Ostafrika als Ersatz für Zion auf, und mancher lobt uns drum, dass wir statt des „utopischen Idealstaates" eh e „Kolonie" realer Art zu begründen uns aiischicken. Für uns aber ist es nicht gleichgiltig, ob Palästina unsere Heimat wird oder irgend ein anderes Land auf der weiten Erde. - Was ist u n s Palästina? Ich will es nur mit ein paar Worten andeuten. Nicht nur das Land der Vergangenheit. Für diejenigen von uns, die von Kindheit auf mit der alten Tradition unseres Volkes verknüpft sind — und das sind auch hier in Deutschland noch die Mehrzahl —- hat es nie aufgehört, unsere Heimat zu sein, alles, was wir für die Zukunft Israels dachten und hofften, bevor wir zum politischen Nationalbewusstsein erwachten, lehnte sich an Palästina. Wir haben jüdische Geschichte gelesen, nicht wie man ein vergilbtes Pergament studiert, sondern wie man alte, liebe Briefe hervorholt, die man selbst geschrieben. Und hier stand auf jeder Seite Palästina, mit unserem Blute geschrieben, denn wir sind das Blut unspr«r Väter. Das Volk ist krank, weil es aus seinem L ind-gerissen ist. Zwar glauben wir nicht, dass sich Charakter, Gesc hichte und Kultur eines Volkes aus der Natur seines Landes mathematisch berechnen lassen, aber wir glauben, dass es für jedes Volk eine Scholle gibt, der es am innigsten und natürlichsten an^epasst ist, zumal wenn es Jahrhunderte lang mit ihr verwachsen war, vollends wenn seine grosse und reiche Greschichte auf ihr sich abgespielt hat. Und das ist seine Heimat. Das Volk hat nur eine Heimat, wie das Kind, das früh aus seinem Elternhause gerissen wird. Wenn es in der Hütte emporwuchs, so bleibt ihm der Inbegriff des Trauten und Heimatlichen sein Leben lang die Hütte, und sollte es in Palästen wohnen. Das ist uns Palästina, und darum ist es unersetzlich. Als Ersatz für unsere Heimat, wie es wohlmeinend von England vielleicht gedacht war, kommt darum auch Ostafrika keinen Augenblick in Betracht für alle die, die schon vorher zu Palästina hielten. Hier scheiden sich eben die, die nur aus der Judennot eine Zionistentugend machen, von denen, die mit ihrem Leben und Weben in der jüdischen Geschichte und in Palästina wurzeln. Jene waren nie Zionisten, diese können nie Afrikaner werden. Und wäre das uns angebotene Gebiet fünfmal so gross, Herzl müsste sein Wort wiederholen: „I}as Zeichen zum Aufbruch dürfen wir unseren Massen daraufhin nicht geben." Der britische Vorschlag ist nicht gegen das Baseler Programm, sondern er liegt völlig ausserhalb des Programmesund berührt es auch nicht in einem Punkte. Durfte ihn also Herzl dem Kongress vorlegen? Was ging er uns an? Nun, ich meine : Darin liegt nichts, was wir bedauern könnten, sondern eine hohe und reine Freude sollten wir empfinden. Von seinem ersten Auftreten an hat der Zionismus den Anspruch erhoben, der negotiorum gestor, der Geschäftsführer des jüdischen Volkes zu sein. Mit dem Wort und Wunsch allein war es nicht getan. Aber schneller, als die Kühnsten und Zuversichtlichsten von uns gehofft, hat die geschichtliche Entwicklung uns auf diesen Punkt gebracht. Wir sind heraus aus dem Stadium der Sonderbestrebungen einer Partei, wir sind der öffentliche allgemeine Vertreter des jüdischen Volkes in seiner Gesamtheit. In dieser Eigenschaft stand Herzl vor der Einwanderungskommission in London, in dieser Eigenschaft reiste er nach Petersburg, in dieser Eigenschaft verhandelte er auch mit England. Mancher vor uns hätte den Vorschlag als an die falsche Adresse gerichtet zurückgewiesen, und sich damit als treuer Zionist, aber als schlechter Sachwalter gezeigt. H er zl aber hat mit seinem weit ausschauenden Blick, der ihn ja eben so turmhoch über uns alle hervorragen iässt, dem Zionismus seine vorherrschende Stellung im Judentum als Geschäftsträger des jüdischen Volkes erobert, und er hätte dem Ansehen unserer Bewegung unsagbaren Schaden getan, wenn er anders gehandelt hätte. — Der Zionismus darf sich in keiner jüdischen Frage, wenn er als Vermittler angegangen wird, für unzuständig erklären. Damit ist aber zugleich scharf die Grenze gezogen, bis zu der sich der Zionismus mit Ostafrika befassen darf. Nur als Geschäftsträger hat er zu fungieren. Mehr zu tun, verbietet uns unser Programm. Ja, was ist unser Programm?

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