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Die Welt · 1903-11-06 · 45 (6.11.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
45 (6.11.1903)
Article
Dr. Leopold Kahn über Ostafrika
Date
1903-11-06
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „bisw$it Nr. 45 Judentums. Es wäre verfehlt anzunehmen, dass man damals schon darüber entscheiden hätte müssen, ob man für oder gegen Ostafrika an sich sei.^Sondern nur für öder gegen die Kommission zur Erforschung der Haupt- und einer ganzen Serie von Nebenfragen. Schon bei dieser Vorfrage gab es ein gewaltiges Auseinander der Meinungen. Es gab Leute, die sagten, wenn man diese Frage anschneide, habe man schon ein gewisses Präjudiz, eine* Verbindlichkeit geschaffen, denn wenn die Expedition sage,;dass das Land gut sei, dann werden wir es vielleicht veranlassen, dass das Volk seioem Ideale untreu wird. Das einzige aber, das imstande war, die Juden der ganzen Welt ,zusammen - zufassen, sie zu vereinigen, zu einem Interesse>ausarnmenzuschweissen, das war Zion. Wenn wir an diesem Punkte rütteln, rütteln wir an der Volksorganisation. Durch Jahrhunderte war das Bindewort nicht gefunden,;-sie alle zusammenzuhalten, auch die Religion konnte es nicht. Wenn wir datän rütteln, ist es aus mit dem grossen jüdischen VolkeV Die anderen sagten dagegen, dass wir mit einer solchen Rettung des Judentums aus ungeheuerlichen Verhältnissen nicht zugleich unser Ideal aufgeben. Auch in Ostafrika; werden wir unser Angesicht nach Osten wenden uod uns weiter ins Heimatland sehnen» Im Gegenteil, jetzt zerstreut' und gedrückt, werden unsere Kräfte wachsen, wenn unsere Fahne über unserer freien Gemeinschaft flattern wird. Dem wurde entgegnet, dass wir mit der Arbeit für Ostafrika unsere arbeitenden Kräfte auf Jahre hinaus verbrauchen und unser heiliges Ziel zurückr treten würde. Kurz, es war schwer, zwischen den niederprasselnden Gründen zu einer gewissenhaften Ueberzeugung zu gelangen. Ich weiss, dass es vielen Jasagern tiefinnerst einen Stich gab, und dass mancher Neinsager glücklich war, dass die anderen in der Majorität waren. Beschlossen aber wurde, aus dem Gelde des Schekels, des Nationalfonds, der Bank, überhaupt von jedem Gelde, das im Namen Zions gesammelt wurde, nichts für Zwecke in Ostafrika zu nehmen. So kam es, dass ein Parlament ein Gesetz bewilligt, die Mittel dazu aber entzieht. Es ist das ein vollkommen gerechter Standpunkt. Wenn der Kongress ein anderes Projekt billigt als das, in dessen Zeichen er einberufen wurde, so hat er auch besondere Mittel dazu zu schaffen. Kein Heller, der im Namen Zions gegeben wurde, darf zu anderen Zwecken verwendet werden. Die Juden, die es sich Geld kosten lassen, die Juden nach Kanada, Amerika u. s. w. zu bringen, wo deren grösster Teil entjüdet wird, sollen das Geld für einen jüdischen Freistaat aufbringen. Da entsteht die Frage, wie dann wir Zionisten zur Leitung kämen? Wir sind durch Erfahrung darüber belehrt, dass, wenn etwas geschehen soll, es unter unserer Kontrolle geschehen muss. Wenn eine jüdische .Gemeinschaft gebildet werden soll, so sind wir zur Arbeit bereit, wie wir stets zur Arbeit für unser Volk bereit sind. Wir werden darüber wachen, dass die Juden nicht entjudet, dass sie nicht gehemmt, sondern gefördert werden. Mag das Geld wer immer geben — wir werden uns von der Mitarbeit nicht verdrängen lassen. Wir werden dafür sorgen, dass die Ausführung des Angebotes, dass den Zionisten gemacht wurde, nicht in falsche Hände gerate. Wir Zionisten müssen darüber wachen, dass unsere Brüder nicht dem Judentum entzogen, sondern zum Zionismus erzogen werden. In der darauf folgenden Diskussion kamen zu Worte die Herren: Dr. Paul Weisen grün, Sternberg, Dr. Werner, Dr. Bernhardt, Dr. Zweig. In seinem meisterhaften Schlüsswort besprach Referent die vorgebrachten Argumente: Man verlangt meinen Stanpunkt zu hören. Hier ist er: Die Frage lautet gar nicht „Zion oder Ostafrika", sondern „Zion und Ostafrika". Ich sage nicht, ich bin für Ostafrika, aber ich sage, dass ich nicht gegen Ostafrika bin. Dabei ist noch der Umstand, dass wir uns für oder gegen etwas noch nicht Tatsächliches erhitzen. Die Frage um die tatsächliche Besiedelung kann doch erst nach dem Bericht der Kommission auftauchen. Wenn aber Leute sag^n, als praktische Hilfe statt einer eventuellen Ostafrika - Besiedelung sei an eine Kleinkolonisation Palästinas zu schreiten, so sei ihnen der Bruch des Baseler Programms vor Augen zu halten, der Bruch des Begriffes „öffentlich-rechtlich". Sie sind ferner auf die bisherigen Resultate der KMnkolonisation hinzuweisen, die eine Kolonisationschalukkah darstellen, einen hingeworfenen Bröcken für missachtete Schnorrer. Glaubt vielleicht jemand, die Judenfrage zu lö-!en, wenn er nach Jahren unter Demütigung und Opfern 5000 Juden in Palästina ansiedelt, während im Golus 50.000 neue Familien entstehen? Wir können und dürfen nicht ruhig die Arme verschränken, während die Kopfe unserer unschuldigen Kinder an der Wand zerschmettert werden und die Opfer der Not haufenweise fallen. Unsere siegreiche Charterpolitik hat uns eine Möglichkeit geboten, die die Expedition vielleicht zur fassbaren Wirklichkeit machen wird. Dann werden wir das Volk entscheiden lassen — es wird den richtigen Weg zu finden wissen. Mag es dann erwägen, ob es schon jetzt, ob es vor Zions Toren seine natürliche, nicht die Kultur des Golus zu alter Blüte treiben will. Mag es dann erwägen, ob es jene Feinde beschämen will, die den unzivilisierten Völkern Staaten bildende Fähigkeiten zusprechen, den hochkultivierten Juden aber nicht, den Juden, die seit zwei Jahrtausenden wieder an ein Leben denken können, das ein Leben ist. (Stürm. Beif.) Nach einigen resümierenden Worten des Vorsitzenden wurde hierauf die interessante Versammlung in später Nachtstunde geschlossen. u. .* Der Mädchen- und Frauen verein in Wien hielt Samstag, den 11. d., eine Versammlung ab, in welcher die Präsidentin, Frau Sidonie Kahn, ein Referat über den sechsten Kongress erstattete. Sie führte die bekannten Tatsachen an, wobei ihre Gemütstiefe und zionistische Begeisterung in einer Reihe von glänzend gesprochenen Stimmungsbildern vom Kongresse sich offenbarte. In packender Weise sprach die Frau zur Frau und wies die Wege, welche die nationale Kleinarbeit zu wandeln habe. Namentlich die Stärkung der finanziellen Instrumente der Bewegung, des Nationalfonds und der Bank sei Sache derjenigen, die als Jüdin ihr Volk liebt und als Frau die Aermsten der Armen. So müssen sie .unsere Männer unterstützen, denen die Liebe für das Volk in Fleisch und Blut übergegangen ist, allen voran unser geliebter Führer Dr. Herzi. (Stürmischer Beifall.) Er ist uns Bürgschaft dafür, dass die Ostafrikasache einen bestimmten Endpunkt habe: Zion. Rednerin bringt alle Argumente pro und contra vor, gibt ein packendes Seelen* gemälde der Derühmten namentlichen Abstimmung und schliesst mit einer Würdigung unseres Führers und seiner Erfolge. Nach einer inhaltsreichen Diskussion wurde die Versammlung geschlossen. mn. * Der „Verband der jüd. akademischen Verbindungen Wiens" veranstaltete am Samstag, den 10. Oktober einen Diskussionsabend über den VI. Kongress, um den zionistischen Akademikern so Gelegenheit zu geben, zu den wichtigen Fragen, welche Gegenstand des VI. Kongresses waren, Stellung zu nehmen. Nach der Begrüssung der Versammlung durch cand. phil. Oskar F ran kl erstattete in streng sachlicher Weise Herr Dr. J. Schalit das Referat. Der Referent gab zuerst einen kurzen Ueberblick über die früheren Kongresse und kam dann auf den Verlauf des letzten Kongresses zu sprechen, inbesondere auf das Ostafrika-Projekt. Redner erklärte sich vorläufig nur mit einer kurzen Berichterstattung begnügen zu wollen, weil jeder intellektuelle Zionist — und das sei ein jeder Student — in dieser Frage aus sich selbst heraus und nicht erst aus der Leidenschaft, einer Versammlung sich seine Meinung bilden dürfe. J*denfalls müsse aber gesagt werden, dass die Neinsager aus Russland auch bei allen, die gegenteiliger Ansicht waren, die grösste Hochachtung und Sympathie fanden. Ihr grenzenloser Idealismus zeige, wie sehr: der ideale Zionismus ihr Lebensinhalt geworden sei.* Am Schlüsse , seiner mit grossem Beifall aufgenomnommenen Rede besprach er auch die Aufgaben, di« den Studenten wieder zufallen. In der Debatte ergriff zuerst das Wort Herr Dr. Weisengrün, der sich als Freund des Ostafrika-Projektes erklärte, zugleich aber für eine sofortige Kleinkolonisation eintrat. Herr Rubinstein trat den Ausführungen des Herrn Leop. 'S i t zmann entgegen, der-in der Besiedlung von Ostafrika eine, Gefahr für den Zionismus sah, und legte in längerer Rede die Vorteile dar, die uns durch eine Autonomie in nationaler und wirtschaftlicher Hinsicht erwüchsen. Bb. Jungmann und Kauf erklären sich als Anhänger des Ostafrika-Projektes, ebenso Herr Pa senk es. An der Debatte beteiligten sich noch die Herren,N. Gross und Dr. A. Fischl. Im Schlussworte kam Dr. Schalit auf den Anwurf des Dr. Weisen grün zurück, dass nämlich die Charterpolitik gescheitert sei. Im Gegenteil habe diese Politik, sdie Politik des Baseler Programmes, nie so reale Resultate gezeitigt wie gerade jetzt. Vom Jahre 1880-r-1897> war es nicht möglich, die grosse Oeff^ntlichkeit nur allein zur Diskussion der Judenfrage, geschweige denn zum Versuche einer Lösung derselben gewinnen zu können. Was in diesen 17 Jahren nicht erreicht werden konnte, wurde in der kurzen Zeit von sieben Jahren durch die nationale Zusammenfassung der Juden

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