Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Article
- Oskar Marmorek als Kongressreferent in Pressburg
- Date
- 1903-11-06
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 45 „bi*-* Weift" Seite ä Nachdem der stürmische Beifall, den diese Replik hervorrief, sich gelegt hatte, beantwortete Marmorek noch einige Anfragen, welche von einzelnen Wählern an Hingerichtet wurden, in erschöpfender und interessanter Weiße. So zum Beispiel eine Anfrage über das Wesen des »Misrachi8 und unter anderem auch eine Anfrage über die Stellungnahme des A.-C. in der ostafrikanischen Angelegenheit; letztere dahin, dass das A.-C. immer nur das. treu© Vollzugsorgan das auf den Kongressen sich offenbarenden jüdischen Volks willens sein kann und sich der ernsten Pflichten und der grossen Verantwortung voll bewusst ist, die ihm aus dieser Stellung erwachsen. Schliesslich dankte Vereinspräses S. Bettelheim dem Redner namens des Vereines in warmen Worten für die Ehre, die derselbe durch sein Erscheinen und seine gediegenen Ausführungen dem Pressburger „A. Z.tt erwies und schloss unter den Klängen der Zionshymne die Versammlung. J. Stn. * Dr. Leopold Kahn über Ostafrika. Donnerstag den 8. Oktober fand eine sehr zahlreich besuchte Versammlung des Einzel verein es „Mariahilf" des Zion statt. Den Vorsitz führte Herr Dr. M. Engländer. Vom engeren A.-C. waren anwesend die Herren Architekt. Marmorek, Dr. Kokesch und Ing. J. Kremen ezki. Ferner Vertreter des L.-C, D.-C. und aller Wiener Organisationen. Von Damen waren u. a. erschienen Frau Sidonie Kahn und Frl. Sch a ch - Paris. In seiner Eröffnungsrede wies der Präsident auf die Wichtigkeit des gegenwärtigen Momentes im Judenleben hin und erteilte hierauf das Wort dem Redner des Abends, Herrn Doktor Leop. Kahn zu seinem Referat über den VI. Kongress. Wiederholt von stürmischem Beifall unterbrochen, führte Redner trotz merklichen Unwohlseins in formgewandter und geistig fesselnder Weise folgendes aus: Sowohl extensiv als auch intensiv ist unsere Bewegung in mühevoller Arbeit seit den letzten 7 Jahren mächtig emporgewachsen. Davon gibt ausser dem Bericht des A.-C. vor allem die grosse Anzahl der Kongressdelegierten Kunde, ferner der Umstand, dass fast alle Lebensaktionen des jüdischen Volkes auf den Anstoss, im Osten fast ausschliesslich durch die Arbeit der Zionisten vor sich gehen. So vor allem im Punkte Schule, wo die Zionisten emsig daran sind, das Volk nicht in Unwissenheit versinken zu lassen. Im intensiven zionistischen Leben steht der Westen hinter dem Osten noch zurück. Der vom Antisemitismus aufgerüttelte Trutzjuie muss sich erst zum bedingungslos nationalen Juden verwandeln. Aber alle verschiedenen An- und Absichten, alle Möglichkeiten und Willensäusserungen haben einen Weg: Das Baseler Programm, und ein fern von kleinlichen Interessen gelegenes Ziel: Das Glück des jüdischen Volkes. Auf diesem brüderlichen Sinne beruht der harmonische Zusammenklang des Kongresses, trotz der stärksten Unterschiede seiner Delegierten. Darüber mögen unsere Gegner was immer reden; viele korrekt Denkende und nichtjüdische Zuschauer waren voll Bewunderung über die Einmütigkeit, die hohen Grundlagen und den Ton der Debatte in unserem jüdischen Parlamente. Aus der Tagesordnung unserer letzten Tagung ist vor allem die Eröffnungsrede unseres verehrten Führers hervorzuheben, die uns Lichtblicke in die jetzt so traurige Lage unseres Volkes tun Hess, und zu der man uns einen ganzen Anhang wichtiger politischer Akten geliefert hat, die eine gewisse Sorte von Verleumdungen radikal aus der Welt schaffen. Leute die verdrehten und logen, als die Verhandlungen mit der Pforte liefen, sind durch die bekannten Schriftstücke unmöglich geworden. Die schönste Antwort auf die Bemühungen dieser Herren ist der Beschluss des Kongresses, dass weiterhin 200 statt 100 Wähler einen Delegierten zu wählen haben, eine erfreuliche Notwendigkeit durch das ständige Wachstum unserer Bewegung, von dem der ausgezeichnete Bericht des Herrn Architekten Marmorek Zeugnis gab. Das ist ein Trost dem Leidensgang gegenüber, den das jüdische Volk noch immer geht, und dessen Nachklänge wir auf dem Kongresse hörten. Die Stützen unseres Kämpfes g^gen das Unglück des Volkes befioden sich ia gedeihlicher Entwicklung. Die Bank hat eine Dividende beschlossen. Dreierlei erhöht deren Wert: Dass wir eine englische; eine solide, wetterfeste Bank vor uns haben, die alle nur kleine Dividenden verteilen. Dass die Bank nur pupillarsichere Geschäfte macht, weil uns jeder Kreuzer des Volkes heilig ist. Dass ferner die Bank seit ihrem Bestände noch keinen Heller verloren hat. Es ist allerdings zuverlässig zu hoffen, dass die Dividende stetig steigen werde. „Zukunftsmusik!* werden unsere Gegner sagen. Aber sie sagten auch „Zukunftsmusik!" als wir zur Gründung einer »Jüdischen Volksbank" schritten. Für Nichtzionisten bietet sich hier also ein Geschäft wie jedes andere, nur sicherer. Die Zionisten allerdings, die vor allem unsere Ideale vor Augen haben, haben wir über Beschluss des A.-C. um den Ertrag ihrer Dividende gebeten, um die Kosten von Arbeiten in Palästina zu decken. Beim Aktienverkauf muss man aber ein Versäumnis der Zionisten des Westens feststellen. Sie wissen nämlich die in oberflächlichen Zerstreuungen aufgehenden Juden nicht energisch genug auf ihre finanziellen Pflichten dem Judentum gegenüber aufmerksam zu machen. Etwas besser steht es mit ihrer Arbeit für den Nationalfonds. Es ist für die halbe Million Kronen, die wir darin haben, die juristische Person noch nicht gefunden, wahrscheinlich aber wird sie im sicheren England gefunden werden, wo auch die Bank bis auf weiteres die Verwaltung führt. Die Summe ist zwar für die 15 Monate, seit der Nationalfonds lebt, und nach den Schwierigkeiten seines Entstehens eine respektable zu nennen. Gering aber ist sie gegenüber ihren Aufgaben. Denn wenn wir mit unseren sonstigen Kapitalien und Mitteln Vorzugsrechte undTitel in Palästina erlangen sollten, so bleibt noch ein Erfordernis: Der Boden, die Erde. Zu dieser Erwerbung eben soll der Nationalfonds dienen, und wenn der Boden so dem ganzen Volke gehören wird, wird der Hauptforderung der modernen Nationalökonomie entsprochen werden, welch letztere mit Recht das Grundübel der misslichen ökonomischen Verhältnisse von heute im Privatbesitz von Grund und Boden findet. Wir verkaufen nicht, wir verpachten nur dem Arbeitswilligen. Arbeitswillig, das sind sie ja alle, die jetzt in unmenschlicher Hetze über die Erde getrieben werden. Es ist Sache des Nationalfonds, ihnen Arbeit und Leben zu geben, es ist Sache der Juden, die Möglichkeiten dazu zu vergrössern. Wie er wirken wird und soll, das wieder werden uns die Männer der Anglo Palestine Cy. sagen, der Jaffaer Gründung unserer Bank, die für Import und Export, wie für Informationen uns sehr wertvoll ist und bei den Behörden in gutem Ansehen steht. Der nächste Punkt der Verhandlungen war die Ostafri^afrage. Es ist bekannt, dass wir nach dem momentanen Stillstand unserer Verhandlungen Absichten auf den Süden Palästinas hatten, auf El Arisch, dass aber die Wasserfrage vorderhand auch dieses Begehren unmöglich machte. Während die Verhandlungen betreffs El Arisch schwebten, traf Chamberlain auf der Rückkehr von seiner Afrikareise zufällig im Verhandlungsorte ein und es kam der schon bekannte Vorschlag der Kolonisierung Ostafrikas aufs Tapet. So lange die Verhandlungen über El Arisch schwebten, lehnte Dr. Herzl ab. Als aber die Möglichkeiten augenscheinlich verschwanden und die Katastrophen in Europa drängten, gab Dr. Herzl einem Unterhändler Vollmachten für Verhandlungen. Ihr Effekt war die Signatur des letzten Kongresses. Man fühlte deutlich den Moment, wo wir Grosses gewinnen oder Grosses verlieren könnten. Das Offert der humanen Regierung eines grossen Volkes, das sich bei der Behandlung von Kolonisten stets von den höchsten Grundsätzen leiten Hess, an ein armes, gedrücktes Volk, das mit Blutspuren hinter sich durch die Geschichte wandelt — ein solches Offert musste erschüttern. Die Frage tauchte auf: Sind wir, die wir ein eigenes Ideal haben, die wir sagten, die Hilfe für das Volk geht nur von Zion aus, ermächtigt und befugt, diese Frage auch nur in den Kreis unserer Erörterun gen zu ziehen? Darauf kann nur eine Gegenfrage antworten: Ist man berechtigt, sich ablehnend zu verhalten, kann man die Verantwortung dafür übernehmen? Wir Zionisten sind das Judentum, das um sein Leben und seine Zukunft kämpft; — haben wir das Recht, ein solches Angebot unberücksichtigt zu lassen? Solcherart gab's auf dem Kongress ein bewegtes Hin und Wider, ein gewaltiges Ringen der Volksseele nach Erkenntnis, und sie alle kennen das Resultat: die Zustimmung. Den Jasagern ist es nicht leicht geworden. Sie hatten die Empfindung, dass etwas Grosses für das Volk von Nöten wäre und wenn sie Nein sagten, sie vor ihren Kindern, vor der ganzen Nation und der Geschichte angesichts der Lage unseres Vollces die Verantwortung nicht tragen konnten. Konnte man denn auch wissen, ob das Volk das Angebot nicht als grosses Glück empfinden werde? Unter diesen Gesichtspunkten wurde der Kampf der Meinungen ausgefochten, selbstlos, voll Ernst und Würde, ein Lichtbild modernen