Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Article
- Great Assembly Hall
- Date
- 1903-10-30
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 44 „bis # weit11 Seite 15 bringen wir den Mann aut die Plattform und immer wieder grollt die Brandung. L zwischen hat Mr. Greenberg den Vorsitz eingenommen, doch auch seiner diplomatischen Feinheit will hier kein Erfolg erblühen. Mit einemmale wird es fürchterlich : es erhebt sich ein Johlen, ein Schreien, Klopfen und Rumoren, als sei die Halle im Zusammenbrechen. So, denke ich, das ist der Volksaufruhr in Zion, so wird es uns ergehen, wenn man beginnen wird, uns zu steinigen. Aus dem wilden Tumult löst sich immer mehr ein einzelner Ruf, dann wird geklatscht und getrampelt und endlich versteht man einen Namen: Z an g will. Die charakteristische Gestalt, das scharf profilierte Gesicht, umwallt von genialen Locken, taucht auf. Israel Z a n g w i 11 steht auf dem Podium und vergessen sind Kritik und Kritiker der Nationalfonds- Prozession. Es beginnt ein neues Kapitel Zionismus. Greenberg kritisiert die Einwandeiungs-Kommission, die auf Mittel gegen „unliebsame Fremde41 sinnt. Das kennen wir schon : Fremde wird's geschrieben und Juden wird's ausgesprochen. Er geht mit den Herien sehr scharf ins Gericht. Aber er ist lange nicht so verzweifelt, wie ich mir das gedacht hatte. Er spricht fast höhnend, scharf kritisch und sehr überlegen. Jedenfalls, meint er, werde noch viel Wasser die Themse hinabfliessen, ehe dnese Vorschläge Gesetz würden. Wenn ii h damals geahnt hätte, dass Mr. Greenberg Ostafrika in der Tasche habe oder doch einen Brief des Sir Clement Hill, der uns dort ein neues East End anbietet, ich hätte seine staatsmännische Ruhe verstanden und seiner Prophezeiung, dass die englische Regierung gerne bereit sein wird, uns ein sicheres Heim zu verschaffen, hätte ich besseren Glauben geschenkt. Auch Z an g will schlug Töne an, die man nicht voll verstehen konnte. Doch seine Rede war ja hier abgedruckt. Mr. Zolotkoff aus Chicago, de Haas und York-Steiner waren die übrigen Redner des Abends. Sie wurden alle drei mit Beifall überschüttet, der leicht errungen war. Sie hatten den Antrag zu unterstützen, der Herzl und den anderen zionistischen Führern das Vertrauen ausdrückt. Der Antrag wurde mit Begeisterung einstimmig angenommen. Es mag ja einzelne Unzufriedene gegeben haben, aber sie schwiegen an diesem Abend, wo Kritik am Zionismus eine Katastrophe hei vorrufen konnte. So stürmisch der Abend begonnen hatte, so harmonisch sollte er enden. Der Chor begann die Hatikwah zu singen. Herren und Damen, Gross und Klein, alles stimmte ein. — Der Saal leerte sich und die hebräischen Worte des zionistischen Nationalliedes tönten hinaus in die laue Luft von London. Man trällerte die Melodie auf den Omnibussen, hörte sie in den Wagen der elektrischen Bahn und sie zog mit der Untergrundbahn bis an die äusserste Bannmeile der Riesenstadt. Beschwerdekästchen. Herrn Landesaussehuss Schöffel: Sie haben dieser Tage den Wiener Zeitungen eine Zuschrift gesendet, in der Sie sich bitterlich darüber beklagen, dass man Sie im niederösterreichischen Landtag mit dem irrtümlichen Epitheton „Jud" und „mit anderen Schimpf Worten" belegt habe. Wir sind zwar davon überzeugt, dass Sie diese Beschwerde ohne Arg und Uebelwollen niedergeschrieben haben, möchten Sie aber denn doch ersuchen, sich fürderhin etwas vorsichtiger auszudrücken. Es liegt uns fern, zu verlangen, da?s Sie sich geehrt fahlen sollen, wenn man Ihnen den Titel „Jude* verleiht — wiewohl ein solches Verlangen durchaus nicht unbegründet wäre — aber andererseits können wir Ihrer sprachwissenschaftlichen Hypothese, dass die Vokabel „Jude* zur Klasse der Schimpfworte gehöre, schon seit geraumer Zeit nicht mehr beipflichten. Also nächstens bedachtsamer! Mitglied des christlichen Frauenbundes: Das ist allerdings fatal! Sie haben eine ansehnliche Warze auf Ihrem zarten Kinn, die der Anmut Ihres Antlitzes Eintrag tut, und Sie haben noch vor wenigen Tagen die anerkennenswerte Absicht gehabt, die Poliklinik aufzusuchen und nachzufragen, ob sich gegen das erwähnte Ornament nichts unternehmen lasse : da hat jetzt Ihr Herr Abg. Schneider im Landtag mitgeteilt, „die Poliklinik sei ausdrücklich von Juden zu dem Zwecke gegründet worden, damit den jüdischen Aerzten Gelegenheit geboten sei, an den Christen alle möglichen Experimente zu machen*; nun fehlt Ihnen begreiflicherweise die Courage, sich in die jüdische Folteihöhle hineinzuwagen, und Sie bezeichnen sich mit Recht als Opfer der Juden, auf deren Konto Sie jetzt Ihre Verunstaltung setzen. Was Sie in Ihrer wahrhaft tragischen Situation tun sollen? Sehr einfach : es ist Ihnen bekannt, dass der niederösterreichische Landtag einen Preis von 2000 Kronen für einen „arischen" niedei österreichischen Dichter ausgesetzt hat, der einen niederösterreichischen Stoff im niederösterreichisch-arischen Sinne behandeln soll. Gehen Sie zu einem solchen Dichter, schildern Sie ihm Ihre tragische Lage und lassen Sie die besagte Warze, die ja zweifelsohne ein niederösterreichischer Stoff ist, im niederösterreichischarischen Sinne behandeln, da Sie sie von jüdischen Aerzten nicht behandeln lassen wollen. Urwiener: Ihr Wohnhaus trägt die Nummer 77 und aus diesem Grunde wollen Sie in ein anderes Haus übersiedeln, denn auch Sie sind ein Anhänger des grossen Mystikers Gregorig. Als jüngst im Landtag über eine Subvention verhandelt wurde, die zufällig unter § 77 eingestellt ist, erklärte er, der Paragraph habe vorn einen Siebener und hinten einen Siebener — Grund genug, um dagegen zu stimmen. Denn zahlreiche Anthropologen — unter ihnen eben auch der Gregorig — sind ja der Ansicht, dass die Ziffer 7 zur jüdischen Rasse gehöre. Es ist daher nur natürlich, dass ein konsequenter Judenfeind seine Abneigung auch auf den „Siebener" überträgt und mit Dingen, die das jüdische Rassenstigma 7 tragen, nichts zu tun haben will. Wenn also im Wäscheladen des Herrn Gregorig ein Kunde gemäss der Warenrechnung 7 fL zahlen will, so gibt der Herr Gregorig rasch dem Käufer wieder einen Gulden zurück, nur um ja nicht eine jüdische Zahl ins Haus zu kriegen. Sie werden einsehen, dass*sich derlei Beispiele nach Belieben vermehren lassen : wenn ein Antisemit 7 Kinder hat, so wirft dies ein bedenkliches Licht auf seine Gesinnungstreue; für die allgemeine Verjudung ist es bezeichnend, dass alle Wege in die Siebenhügelstadt führen, wohin von Rechts wegen kein frommgläubiger Antisemit wallfahren dürfte; wenn Herr Gregorig 76 Jahre alt sein wird, so wird er hoffentlich wissen, was er zu tun hat, um dem verhassten Symbol 77 aus dem Wege zu gehen etc. etc. Wir machen übrigens Herrn Gregorig darauf aufmerksam, dass er schon heute seine Feindseligkeit auch auf alle übrigen Ziffern ausdehnen muss, falls er als wahrhaftiger Anti-Semit sich benehmen will: dass alle römischen Ziffern einen semitischen Beigeschmack haben, muss ihm aus dem Beispiele der Siebenhügelstadt klar geworden sein. Bleiben also — für Herrn Gregorig — nur noch die arabischen Ziffern übrig Und mit diesen darf er sich schon gar nicht einlassen! Nicht einmal mit der Null, mit der ihn doch sonst so zahlreiche harmonische Fäden verknüpfen. Denn die Araber sind, wie jedermann weiss, geradezu Patentsemiten, Doch überlassen wir es Herrn Gregorig, sich aus diesen Ziffcjrnkalamitäten irgendwie wieder herauszuwinden. Freund der Anpassung: Sie haben jüngst in den Wiener Blättern einen interessanten medizinischen Bericht gelesen: Prof. Gersuny hat die Nase eines jungen Schauspielers,