Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Article
- Löbliche Redaktion!
- Date
- 1903-10-30
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „bis # weit Nr. 44 Selbsthilfe, sage ich! Keine Philanthropie! Kongresse, keine Konferenzen! Das jüdische Volk muss zu seinen Häupten stets die jüdische Fahne sehen, nicht die Wappen jüdischer Banquiers. Dann wird es den Weg von Uganda nach Zion zu finden wissen. Odessa. Jakob Konstantinowsky. Aus Russland, Wilna. Aus durchaus zuverlässiger Quelle erfahre ich, dass in der allernächsten Zeit in Grodno ein Kongress von 80 Rabbinern und 50 weltlichen Juden einberufen werden wird. Die Initiative und die ganze Leitung dieser Angelegenheit liegt in den „bewährten* Händen des „rühmlichst" bekannten Rabbi Akiba Rabinowitz aus P o 11 a w a, Redakteur des nicht minder „bekannten" echtesten Schmutzorgans „Hapeles". Die offizielle Erlaubnis aus dem Ministerium des Innern ist auf den Namen eines treuen Gesinnungsgenossen, des Rabbi Welwel Margolis aus Grodno ausgestellt. Darob ist im Wilnaer Hauptquartier des „schwarzen Kabinettes* ein heller Jubel. Ueberhaupt ist die jüdische „Klerikale" jetzt in sehr gehobener Stimmung, weil dieselbe das Kleid der unterwürfigsten Loyalität anzuziehen verstanden hat und daher äusserst gut bei den Spitzen der Leitung der Politik angeschrieben ist. Rabbi Akiba Rabinowitz ist jetzt zu einer persona grata in Petersburger Kreisen hinaufgestiegen, er ist zu stundenlangen Besprechungen mit leitenden Persönlichkeiten zugelassen worden. Als die letzte Nummer des „Hapeles" die im Auslande gedruckt wird, vom hiesigen jüdischen Zensor wegen der unqualifizierbaren Denuntiationen einzelner Personen und ganzer Klassen von Juden angehalten wurde, ist kurz darauf eine spezielle Aufforderung aus dem Petersburger Hauptzensoramte ergangen, die Nummer freizugeben. Weiters hören wir. dass der „Hapeles", der bis jetzt nur einmal monatlich erschienen war, in ein tägliches Blatt umgewandelt wird und zwar mit dem Sitz der Redaktion in „ Wilna \ Um diese neue Errungenschaft der Presse dürfen wir fürwahr am wenigsten. beneidet werden. Die offizielle Konzession soll in der nächsten Woche publiziert werden. Unter dieser „bewährten" Leitung ist man über die Resolutionen und den Geist der Verhandlungen auf dem bevorstehenden Grodnaer Rabbinerkongresse schon von vornherein klar. Eine Resolution ist mir schon bekannt, nämlich, dass der Zionismus nur eine Uebergangsstufe zum Sozialismus (in Russland wird darunter nur der revolutionäre verstanden) bildet. Ueber die Zusammensetzung des Kongresses aus reinen, waschechten Parteigängern der „Lischco" wird strengstens gesorgt. Das offizielle Programm, das in strengster Diskretion geboten wird, ist — Hebung der Autorität des Rabbinats und Bekämpfung der sozialistischen Bewegung unter den Juden. Es muss hier hervorgehoben werden, dass ein wirklicher Rabbinerkongress aus sämtlichen Rabbinerkreisen zusammengesetzt, mit einem bestimmten, klaren Programm, das früher gründlich in die Oeffentlichkeit besprochen wurde, für das innere jüdische Gemeindeleben von einer wesentlichen Bedeutung wäre. Aber ein solcher Kongress, wie der des Poltawers wird zweifellos den grössten Schaden anrichten, er wird in eine öffentliche Denunziation ganzer Klassen der jüdischen Bevölkerung mit den schlimmsten, verhängnisvollsten Folgen ausarten. Kremenischug. Wie die „Nowosti" melden, herrschte unter den Juden in Krementschug eine schreckliche Panik, weil das Gerücht von bevorstehenden Judenexzessen nicht verstummen wollte. Die Behörde schien die Möglichkeit von Judenexzessen in Krementschug für wahrscheinlich zu halten, denn sie erwirkte die Entsendung eines Kosakenregimentes nach Krementschug. Am Tage der Ankunft des Regiments fand in der grossen Synagoge ein massenhaft besuchter Dankgottesdienst statt, wonach der Rabbiner Freudenberg eine wirkungsvolle Rede hielt. Mohilew am Dnjeper. Der erste Wundarzt von Mohilew veröffentlicht in den „Nowosti" einen Bericht über folgenden Vorfall: Am 10. Oktober gegen 11 Uhr nachts erschien beim Wundarzt eine Dame mit einem 13jährigen Christenknaben Iwan Tarasso w, der eine verbundene Hand hatte. Auf die Flage des Wundarztes antwortete die Dame, der Knabe sei soeben von einem unbekannten Juden überfallen worden,* der ihn misshandelte und nachher mit einem Dolch die Hand durchlöcherte. Durch diese Erzählung betroffen, besichtigte der Wundarzt die Wunde mit doppelter Aufmerksamkeit. Als er um die Wunde einen schwarzen Rand bemerkte, gewann er die Ueberzeugung, dass die Wunde von einer Schusswaffe herrühre. Nach vielem Drängen gestand Tarassow folgendes: In Abwesenheit des im Hause Tarassows wohnenden Offiziers nahm der Knabe Iwan dessen Dienstrevolver und hantierte mit ihm so unglücklich, dass dieser sich entlud^und die Kugel ihm die Handfläche durchbohrte. Aus Angst vor häuslicher Züchtigung hatte der hoffnungsvolle Junge die Geschichte vom Ueberfall des Juden total erdichtet . . , Odessa. Wie die „Odesskija Nowostitt melden, standen vor wenigen Tagen acht Bauern vor Gericht unter der Anklage, im Dorfe Akerbet im Bezirke Akerman Exzesse gegen die Juden veranstaltet zu haben. Die Verhandlung wurde geheim durchgeführt. Die Gerichtskammer unter Vorsitz des ersten Präsidenten Dawydow verurteilte drei Bauern zum Verlust der Rechte und zu zweijährigem Zuchthause, zwei zu einem Jahre Gefängniss, die letzten drei wurden freigesprochen. Warschau. Ueber die Beschäftigung der jüdischen Bevölkerung im Westgebiet veröffentlicht der halbamtliche ,Warschawskij Dnewnik* interessante statistische Daten. Es erweist sich, dass die Zahl der jüdischen Arbeiter in den Fabriken im Ansiedlungsrayon des Nordwestgebietes 22.279, des Südwestgebietes 9596 und in Südrussland 2058 Mann beträgt. Was das Handwerk betrifft, das die Juden der genannten Gebiete betreiben, so entfällt der stärkste Prozentsatz mit 38*71% auf die Schneider, alsdann folgen Schuster mit 17-04% und diverse Handwerke mit 11*57%. Der Prozentsatz der jüdischen Fabriken wird im Nordwestgebiet auf 51, im Südwestgebiet auf 23-9% veranschlagt. Ueber die Verbreitung des Ackerbaues unter den Juden werden folgende Angaben gemacht: Die Zahl der landwirtschaftlichen Kolonien beträgt 301 mit einem Landbesitz von 100.107 Dessjatinen Land und 68.959 Seelen. Das Wachstum der jüdischen Bevölkerung finden wir durch folgende Zahlen ausgedrückt: in der Periode von 1850 bis 1860 wuchs die jüdiische Bevölkerung um ll°/0, 1870 um 13 4 und 1897 um 14 01%. In den 114 Städten des Weichselgebietes belief sich die jüdische Bevölkerung in 66 Städten auf 50% und in Warschau auf ein Drittel der Bevölkerung. Vor kurzem aber hat das offizielle Blatt im Weichseigebiete behauptet, dass die Juden im Westgebiete ausschliesslich Handel betreiben. Gt. M. Moses. Als sich aus der Flachheit zielloser jüdischer Ghettopolitik die ersten Köpfe erhoben, um den Weg zum Leben Judas zu gehen und zu zeigen, war Moses darunter. Wir müssen nicht sagen, wer er war; denn jeder zionistische Novize hat diesen Namen gefunden, wenn er den ersten Quellen unserer Idee nachforschte. Moses sass in derKattowitzer Konferenz im Jahre 1884, wo zum erstenmale von einer bemerkenswerten Versammlung die Politik, die das Judenglück im Judenland schaffen will, der Politik gegenübergestellt wurde, die nur zum Ziele hat, die Judenfeindschafc im Golus zu zerstören. Dem damals geschlossenen Bund und sich selbst blieb Moses zeitlebens treu. Von seinem emsigen Schaffen, das die Tat und nicht den Ruhm erstrebte, drang wenig durch den Lärm des Tages zu uns. Aber er arbeitete feurig an den ungeahnten Erfolgen mit