Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Article
- Jüdische Rundschau [Kommentar]
- Date
- 1903-10-30
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 44 „bie & w^it" Seite 5 Zionismus verraten und unser Ziel aufgeben wollen „Palästina wollt ihr opfern* — so schallt's im Chore — „das Land, wo allein die Juden eine Zukunft haben können?" Wahrlich, wäre das Schauspiel nicht so lächerlich, man könLte sich ärgern. Aber wir sind ja an diese Kampfesmethoden schon gewöhnt. Als wir noch die Kleinkolonisation wollten, waren sie alle heftige Gegner des Planes. Als wir zum Zionismus fortschritten, entdeckten sie ihr kolonisationsfreundliches Heiz, weil sie meinten, um to den Wrnd aus üen Segeln nehmen zu können. Jetzt glauben sie — irriger Weise — wir würden um Ostafrikas willen Erez Israel opfern, und sogleich erschallt der Trauergesang um Palästinas Verlust, das man, ach, so innig liebt. Aber diesmal ist das kostbare Nass den Tjänensäckchen zu früh entflossen und man wird sich noch gedulden müssen. Mit einem Veizicht auf Palästina, unter welcher Form immer, ist es nichts, das wollen wir ein für allemal feststellen. Solange es einen Zionismus geben wird, hat er nur ein Ziel. Und das liegt jenseits des Mittelmeeres. Wir verzichten nicht auf die Berge, auf denen Abraham seine Herden weidete, und in deren Schoss man unsere Väter gebettet hat. Wir werden das Land, in dem unser Volk jung war, keiner noch so verlockenden Aussicht opfern. Dass man im anderen Lager solche Torheiten glauben konnte, ist erklärlich. Woher aber die Erregung im eigenen Zelte? Da waren Leute in Basel, die weinten und schluchzten wie dieKinder. als der Kongress die Ostafrika- Expedition bewilligte. Und darunter waren viele brave un.i tüchtige Männer. Die Erregung ist seitdem verflogen, aber die Trauer hält an. Weshalb nur? Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, was eigentlich geschehen iöt. Vielleicht werden wir uns dann besser verständigen. Wir wollten die Sinaihalbinsel haben und man gab sie uns nicht, gleichviel aus welchen Gründen. Statt dessen bot uns England ein Land in Ostafrika an. Wir beschlossen, was bei auch nur einigem politischen Takt beschlossen werden musste: nämlich, ein grossherziges Anerbieten höflich zu prüfen. Wir banden uns nicht für die Zukunft, wir verpflichteten uns nicht, das Unternehmen auszufuhren. Wir bestimmten sogar, dass keine Parteigelder jemals in das Projekt gesteckt werden sollten. Wir behielten unseren Wählern die Entscheidung vor, die ein künftiger Kongress lallen soll; und man behauptet, wir hätten das Programm verletzt, Palästina geopfert, seien keine wahrsn Zionisten. Und warum da* Alles? Weil wir durch die jahrhundertelangen Verfolgungen misstrauisch geworden sind, dass es an Vertrauen selbst zu denen mangelt, die die ganze Bewegung geschaffen haben. Man hielt die Expedition für eine Farce und dachte „hat Herzl nur erst die Expedition, dann macht er später, was er will." Ja, wer ist denn dieser Dr. Herzl? Irgend ein unerprobter Kämpfer, ein eben entstandener Jünger der Bewegung? Der Mann, der unsere Kongresse geschaffen hat, der Mann der sein Leben und seine Existenz an Zion setzte, das Programm verteidigte und verfocht, der soll plötzlich ein weniger guter Zionist sein, als die Herren Neinsager? Und der ganze Misrachi, der geschlossen für ihn eintrat, soll das Land, das für ihn besonderen Wert haben musp, geopfert haben? Und schliesslich wir alle, die wir uns mancne Narbe im ehrlichen Kampfe holten, wir alle sind Verräter?-- Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, die Expedition k^hrt resultatios heim. Dann ist die ganze Frage erledigt. Oder sie berichtet, das Land sei zur Kolonisation geeignet. Dann wird sich der Kongress zu äussern haben. Wir wollen mit unserer Meinung nicht zurückhalten : ist das Land wirklich so gut, wie man es schildert, dann wird er sich für Kolonisation entscheiden, ohne Palätina aufzugeben. Er wird es tun müssen, weil die Lebensbedürfnisse der Massen aller Ideologie trotzen. Wer unter steter Todesgefahr lebt, wer für Leben und Glück seines Liebsten zittert — der nimmt was er bekommt und geht mindestens so gern in ein Land mit jüdischen Gesetzen, jüdischer Verwaltung, jüdischem Leben, wie nach Kanada oder Australien. Denn um die Auswanderer in diese Länder handelt es sich, nicht um die P alästinawan derer, die Massen werden wir nie für Ostafrika aufrufen. Dan Herren „Neinsagern" ist eine kleine Verwechslung passiert. Sie klatschten begeistert bei den Worten Schemarjah Levins: „wir brauchen Ostafrika nicht, wir haben ja Palästina." Leider stimmt das nicht ganz. Wir haben nämlich Palästina noch nicht, wir haben es erst in Gedanken, können es also noch nicht bevölkern. Sobald es unser ist, wird kein Mensch, mehr für Ostafrika eintreten. Nach der Meinung mancher unserer Brüder aus dem Osten haben wir Palästina allerdings schon. Aber das beruht auf ihrer ungeschulten Denkweise. Da sie nämlich keine Gegenwart haben, leben sie ausschliesslich in einer Gedankenwelt. Und da haben sie sich so in den Palästinagedanken hineingedacht, dass ihnen die reale Wirklichkeit entgeht. Sie haben uns oft gesagt: „Palästina ißt unser Land", dass ihnen irgendwo ein nebelhaftes Zentrum stets vor Augen steht: „unser Land/ Sie leben schön in diesem Lande ihrer Sehnsucht, sie unterstehen gar nioht mehr dem Zaren, Und darum nennen sie sich die „besseren Zionisten/ Aber das ist ein Irrtum, der geklärt werden muss. Mögen sie die Massen befragen, das Volk, das seufzt und blutet unter der Knute! Das ist noch n i c h t in Erez Israel! Und wir fürchten, manche liebe und ehrliche Gesinnungsgenossen werden zum nächsten Kongresse keine Mandate erhalten, wenn sie die Realitäten so wenig begreifen. Anders die westeuropäischen Zweifler. So hörten wir einen Delegierten sagen; „Der Zionismus hat mit O-tafrika nichts zu tun: denn er ist eine Idee des jüdischen Gedankens, der nur in Palästina gedeihen kann. Die Menschen sind gleichgiltig. Nachtasyle interessier en nicht," Sehr schön. Sollten aber nicht Menschen die Träger der Ideen sein? Ein abstraktes Judentum hat bedenkliche Aehnlichkeit mit dem Messer ohne Klinge, das keinen Griff hatte. Hat man die Juden totgeschlagen, so gibt es auch keinen jüdischen Gedanken mehr. Ernster sind die Einwände derer, die fürchten : „Sind wir erst in Ostafrika, so wird sich alles, was wir an Intelligenzen besitzen an der Schaffung eines dortigen Staatswesens beteiligen und für Palästina wird nichts bleiben. Man wird sich wohl fühlen und die Volksheimat vergessen, was dann?" Wir könnten mit der üblichen Gegenfrage antworten : „Und wenn es nun noch 50 oder 100 Jahre dauert, bis wir Erez Israel bekommen und unser Volk physisch und moralisch zu Grunde geht, was dann?*' Aber wir wollen es nicht, denn wir hoffen auf einen baldigen Erfolg. Darum also : die Befürchtung entspringt einem Rechenfehler. Man zählt nur die Gegen wärtigen, nicht dieKommenden. An dem Tage aber, öer uus Palästina bringt, sint* wir eine Riesenarmee, nicht nur an Soldaten, sondern auch an Offizieren. Wir werden sogar in der Erziehungsstätte am Kenia ein vorzüglicnes ßauernmaterial ausgebildet haben. Und auch am wichtigster, am Gelde wird es nicht fehlen. Nach unserer Beurteilung der Sachlage glauben wir auch nicht, dass von Seite der Führung Gewicht darauf gelegt wird, dass selbst im günstigsten Falle der Zionismus offiziell das Ostafrikaunternehmen betreibt. Vielleicht lässt sich eine Form finden, der zufolge der Zionismus als solcher ganz aus dem Spiele bleibt. Umsomehr Gründe, mit Ruhe und Gelassenheit abzuwarten, was die Expedition sagen wird. Vorläufig haben wir nichts geopfert, kein Programm durchbrochen, uns zu garnichts verpflichtet, aber einen diplomatischen Erfolg erfochten, den wir noch vor drei Monaten kaum erträumt haben. Denn es hängt ausschliesslich vom Willen des jüdischen Volkes ab, ob es bereits jetzt eine nationale Existenz beginnen, oder warten will, bis man uns das letzte gibt, was wir fordern. Darüber sollte man jubeln, statt zu weinen. Werden wir uns darüber einmal klar. Wir haben einen Erfolg erzielt, der uns vielleicht in Konstantinopel weiter bringt, als alle Verhandlungen der letzten Jahre. Der geradeste Weg ist nicht immer der beste zum Ziele, besonders nicht bei dem Zustande orientalischer Strassen. Beim Teppicbhandel im Bazar ist es sehr zweckmässig, zwischendurch mit dem Konkurrenten ein paar Worte zu wechselr. Lassen wir uns also die Freude am Erfolge nicht verderben, der hoffentlich nicht unser letzter bleiben wird. Und denken wir daran, dass Herzl selbst in seiner Schlussrede uns an die Worte erinnert hat, „möge meine Rechte verdorren, wenn ich je dein vergesse, Jerusalem." * Eine russische Monatsschrift über das Ostafrikaprojekt. In dem jüngst erschienenen Septemberhefte der angesehenen und einflussreichen Petersburger Monatsschrift „Russkoje Bogatstwo" (Russischer Reichtum) veröffentlicht der hervorragende russische Publizist I. Ius c h a k o w einen längeren Artikel über das Ostafrikaprojekt, der veröffentlicht zu werden verdien*. Iuschakow, der dem Zionismus bereits einige Arbeiten gewidmet hat, ist vor allem ein ehrlicher Publizist und ein wahrer Juder - freund, dem die trostlose Lage der Juden aufrichtigen