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Die Welt · 1903-10-23 · 43 (23.10.1903) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
43 (23.10.1903)
Article
Jüdische Toynbee-Halle
Date
1903-10-23
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 43 lfi>!e # w*itlf Seite 15 Wohl hab^n edle Männer und arsehnliche Kot porationen zugesagt, einen Teil der nötigen jährlichen 10000 Kronen aufzubringen, wohl haben sich menschenfreundliche Damen und Herren der Gesellschaft in den Dienst diesei Sache gestellt, aber ohne die werktätige Hilfe weiterer Kreise kann der Bestand der „Toynbee-HalieÄ nicht gesichert werden. Darum wenden wir uns vertrauensvoll an die O ffentlichkeit mit der innigen Bitte, dieses menschenfreundliche Unternehmen, sei es durch Beitritt als Mitglied des rToynbee- Halletf-Vereihes, sei es durch jährliche Subventionen oder durch einmalige Spenden zu fördern. Wir sind überzeugt, dass unser Appell genügen wird, um der „Toynbee-Halle" zu den nötigen Mitteln zu verhelfen. Mitgliedsbeiträge (mindestens 2 Kr. pro Jahr) und Spenden für die „Toynbee-Halle" wolle man gütigst einsenden an Herrn Fabrikanten Johann Kremenezky, Wien, IX., Eisengasso 3. Jüdische Toynbee-Halle. Die Eröffnung der jüdischen „Toynbee-Halle" findet am Samstag, 31. Oktober d. J., um 7 Uhr abends in der Vortragshalle, Wi^n, XX., Karajangasse 20, statt. Programm des Abends: 1. Eröffnungsansprache des Präsidenten, Rektors Dr. A. Schwarz; 2. Vokal- und Instrumentalkonzert. An diesem Abend ist die „Toynbee-Halle" nur für Gäste, die spezielle Einladungen erhalten, reserviert. Vom ersten November an beginnen die jedermann zugänglichen allabendlichen Vorträge in der „Toynbee- Halle." Das Programm wird allwöchentlich im voraus bekanntgegeben. Anmplduneren zu Vorträgen sind zu richten an Herrn Dr. Siegmund Werner, Wien, IX., Nussdorferstrasse 16. Das Sekretariat. Feuilleton. Beschwerdekästchen. Greissler, Lerchenfelderstrasse. Sie beschweren sich darüber, dass Sie plötzlich ein alter Grieche geworden sind! In einer angeseheneren Wiener Verlagsanstalt ist nämlich jetzt ein Drama, „Das Fremdvol ku, erschienen, darin einerseits Griechen, andererseits Phönizier auf reten. Selbst Sie haben sofort erkannt, dass dieses poetische Erzeugnis eigentlich eine Art Allegorie sein soll und dass unter den kreuzbraven Hellenen niemand anderer verstanden ist, als Sie und die übrigen Indogermanen, während sich hinter dem Pseudonym der sündenstrotzenden Phönizier selbstverständlich nur die Juden bergen. Da man von geborenen Griechen nicht verlangen darf, dass sie der deutschen Sprache ordentlich mächtig sind, so kommen in dem Drama die imposantesten Verstösse gegen die Vorschriften der deutschen Grammatik vor Im Umgang mit Dativ und Akkusativ legt der Autor eine unbegrenzte Naivetät an den Tag. Der Autor! Ja, wer. ist denn eigentlich der Autor? Auf dem Titelblatt steht: „ Albert G^ssmann, d. J.c< Weil das Deutsch der Dichtung mit den primitivsten Schulregeln im Widerspruche steht, so taucht die plausible Vermutung auf, dass am Ende gar der bekannte Landesschulrat, Kustos der Wiener Universität und antisemitische Volksvertreter Albert Gessmann der Verfasser sei. Allein wir tun den pädagogischen Tugenden d*s Mannes mit einem solchen Verdachte in hohem Masse Unrecht; nicht er ist in den grammatikalischen Volksschulregeln so schlecht unterrichtet, sondern eine Frucht seinpr Erziehungskunst, nämlich sein leiblicher Söhn, Albert Gessmann, d. J. — id est: Der Jüngere.; Die Wiener Universitätsbibliothek wiid wohl ihrem Kustos nicht sehr dankbar dafür sein, dass er seine Familienangehörigen nicht verhindert, die Bücherei um derartige Pflichtexemplare zu bereichern. Wir sehen somit eine bemerkenswerte Erscheinung : in. der Regel ist es die Liebe, die den jungen Dichtern die Zunge löst* hier aber hat der Häss einen Jüngling auf den Pegasus hinauf- ^etrieben: De^^Hass ^egen( die Phönizier, die den verseniedenen israelitischen "kulfusgemeindeü angeli'Örfen; jüdischer TröJIsr, XX. Bezirk. Es ist begreiflich, dass Sie die Absicht haben, ein neues Vorhängeschloss an der Tür Ihres Gaschäftsladens anzubringen und auch sonst für die Uneinnehmbarkeit Ihres Kaufhauses Sorge zu tragen. In der niederösterr. Landtagsstube hat der Landesausschuss und Prälat Dr. Scheicher mit einem Seitenblick auf die russischen Judenmetzeleien folgende leicht fassliche Mahnung an die Wiener Bevölkerung ergehen lassen: „Es ist leicht möglich, dass es einmal zu einer solchen Geschichte kommt, wie in Russland. Wann dann auch hier solche Dinge geschehen, wie sie in Russland geschehen sind, so dürfe das niemand Wunder nehmen. (Beifall.)" Der bochwürdige Herr ist also nicht abgeneigt, das Volk ein bischen in die Kischenewer Stimmung zu versetzen. In der gleichen Sitzung hielt der fromme Mann eine Entrüstungsrede wider die Vivisektion. Natürlich nicht gegen die Vivisektion von Juden, die er ja, wie erwähnt, in eine trreichbare Nähe rückt, sondern gegen den Brauch, den Kaninchen und Meerschweinchen den Leib aufzuschlitzen, das Schädeldach zu eröffnen und auf andere Weise beinahe so rücksichtslos gegen sie zu verfahren, wie in Hornel etc. gegen die Juden vorgegangen wurde. Zionsfreund. Es erfüllt Sie mit Freude, dass dieser Tage in Wien ein prachtvolles Gebäude eingeweiht wurde, in dessen Grundstein ein Stein vom Oelberg und ein Stück roten Marmors aus Jerusalem eingefügt sind. Und diese Ehrung, die man dem Boden unseres alten Heimatlandes zuteil werden lässt, weckt in Ihnen ein Gefühl dankbaren Stolzes. Auch die Stadtväter Wiens haben sich bei dem Bankett, das der Einweihung der neuen Canisiuskirche folgte, in gehobener Stin mung befanden. Und es muss zugegeben werden, dass zu ihrem Glücksgefühl ebenfalls der Gedanken an die Juden wesentlich beigetragen hat, denn den Stadtvätern ist es sehr angenehm, wenn die Zahl der Kanzeln, die zur Propagierung keineswegs judenfreundlicher Lehren — zumal in Wahlzeiten — dienen, eine Vermehrung erfährt. Die Bankettoaste gewährten in diese Auffassung genügenden Einblick. So ergibt sich ein sonderbares Paradoxon : man holt andachtsvoll aus Palästina Steine, um sie den Kindern Palästinas hier nachzuwerfen. Selcherei-Mädchen. Sie haben Recht: Es überschleicht Einen ein missliches Gefühl, wenn man über den Mann schreiben will; aber der Reiseroman verdient denn doch eine Erwähnung. Der betreffende Mann, nämlich der Abg. Schneider, ist von einer Reise aus Amerika heimgekehrt, die er und seine Ideengenossen als „Studienreise" bezeichnen. Jetzt zieht er von Wirtshaus zu Wirtshaus und informiert die weidlich staunenden Wiener über die Wunder der neuen Welt. Welch ungeheueren, weltumspann enden Eit-fLuss die Alliance Israelite hat, geht aus demfolgenden heimtückischen Streich hervor, der gegen den landfremden Reisenden in New-York verübt wurde: als Führer durch New-York wurde Herrn Schneider — ein leibhaftiger Jude, Lowis Spitzer (!), attachiert. Wir gehen gewiss nicht fehl, wenn wir annehmen, dass vom Juden Spitzer gegn Schneider ein rituelles Attentat mittels einer Kugel ausgeführt worden sei, und dass der Wiener erst nach einem schmackhaften Mittagmahle im Hause Spi'zer erfahren habe, die famose Speise, die ihm von den Juden in den Leib ggagt worden, sei nichts anderes, als eine „Kugel" gewesen. Schneider rächt sich jetzt für das Vorgehen der New-Yorker J..den und führt hier darüber Klage, dass in New-York 300.000 Juden wohnen, gegen die man bisher keine Ausnaftmsgesetze geschaffen habe. — Und der Zweck und Erfolg der „Studienreise"? Man will dieser Tage Herrn Schneiderin einer koscheren Auskocherei in der Leopoldstadt gesehen haben; er trug eine blaue Brille und andere Verkleidung-sstücke und ass, scheu um sich blickend, mit Leidenschaft „Kugel*. J R?

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