Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 43 (23.10.1903)
- Article
- [Kommentar] / Sch.
- Date
- 1903-10-23
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „&ie # w*it Nr. 43 aktiven Beistand (während der Metzeleien) zu erwarten. Aber zur grossen Verwunderung (n i c h t zu unserer, d, Eins.) blieben dieselben passiv. Anfangs machten sie zwar schwache Versuche, die plündern den Arbeiter durch Worte zur Ruhe zu bringen, da die Plünderer aber darauf nicht achteten, so unterliessen sie, mit den Worten: «gegen die eigenen Brüder heben sich die Hände nicht" jeden weitern Versuch. Sch. Gebesserte Stimmung in Ungarn. Nicht von der Stimmung der Landbevölkerung gegen die Juden, die keine Tendenz zur Besserung zeigt, soll hier die Rede sein, sondern von der allmäligen Ernüchterung derjenigen jüdipchen Kreise, die bisher die geschlossene feste Burg der Antizionisten waren. Diesen Stimmungswechsel widerspiegeln nicht weniger als drei Artikel der letzten Neujahrsnummer des antizionistischen Budapester Wochenblattes „Egyenlöseg". In dem einen derselben heisst es : „Unsere leidenden Brüder sehen bereits die Möglichkeit der Erfüllung ihrer Hoffnungen« Der Zionismus nimmt eine reale Ge stalt an. Der Strom gräbt sich sein eigenes Bett. Unsere Brüder werden eine Heimat finden, wo nur einerlei Gesetz gelten wird und man keiner Sündenböcke bedarf/ In dem zweiten Artikel kommt die Solidarität des jüdischen Volkes folgendermassen zum Ausdruck: „Möge die Posaune auch heuer aller Welt die Einheit und Zusammengehörigkeit Israels verkünden. Sie soll die Erweckerin des jüdischen Bewusstseins sein. Möge sie mit ihrem allarmierenden Schall das jüdische Gewissen aufrütteln und uns aufmerksam machen auf die von allen Seiten her drohenden Gefahren." Am unzweideutigsten und verheissungsvoll nähert sich uns das früher feindliche Lager unserer Brüder in dem ersten Leitartikel derselben Festnummer, die pourl'honneur du drapeau noch die jüdische „Mission11 behandelnd, sich zu folgender Erklärung emporschwingt: „Gewiss ist das Streben berechtigt, unseren unglücklichen Brüdern nicht nur ein erträgliches Menschen dasein, sondern auch die Sicherheit einer sozialen Oganisation und die Bedingungen des RassenundNationalbewusstseins zu verschaffen." Der diesen grundstürzenden Ausspruch in dem offiziösen „Egyenlösög" zu tun sich erkühnte, ist kein Geringerer als Ernst Mezei, einer der edelsten katonischen Publizisten, gewesener Reichstagsabgeordneter der Kossuthpartei, ein ehrlicher Liberaler, der jedes Transigieren mit den Halb- und Vollblut-Ultramontanen verpönt. Nur eines vermissen wir noch mit aufrichtigem Bedauern : den Mut der Betätigung zur praktischen Durchführung der gereiften besseren Erkenntnis. Mit kräftigem Wollen könnten unsere Brüder leicht eine Brücke finden, die zu un s her üb erführt oder vorläufig wenigstens eine Koalition schafft, die ohne Schwächung des Baseler Programms eine moralische und materielle Kräftigung unserer Machtmittel bewirkte. Die Aufgabe so hervorragender und ehrenwerter Männer, wie Ernst M e z e i, wäre es, eine praktische Agitation in den obersten Schichten der jüdischen Kreise zur Bekämpfung der bisherigen Vorurteile gegen den Zionismus zu entfalten, nicht die trennenden, sondern die uns vereinigenden Momente unausgesetzt zu betonen und im Wege einer imposanten Vorstellung bei der Staatsregierung die Genehmigung der Statuten der zionistischen Vereine zu erwirken. Es wäre die höchste Zeit, dass ernste Männer auch in der ungarischen Residenz auf den Plan treten und aufgeblähte Pygmäen verschwinden, die bisher nichts Erspriessliches geleistet, bisweilen sogar unsere Bewegung lächerlich gemacht haben und nur dann sichtbar werden, wenn es gilt, sich den Anschein zu geben, als wären sie zionistischer als Dr. Herzi und die bewährten Männer des Aktionskomitees. Dr. J. Rönai. Jüdischer Mannergesang, Wie ein stolzer Adler Schwingt sich auf das Lied, Dass es durch die Wolken, Bis zum Himmel zieht. Mächtig erküngt, aus hundert Kehlen, wie aus einem Munde, jede Stimme in ihren Grenzen sich frei entfaltend und alle von einem Willen geleitet, in eine Harmonie zusammenfliessend — der Männerchor. Alle männlichen Stimmgattung*n, die tiefsten wie die höchsten, wirken zusammen. Das Gesetz der Harmonie beherrscht sie. Je genauer dieses Gesetz befolgt wird, je vollkommener die Leistung des Einzelnen ist, desto herrlicher die Gesamt Wirkung. Und unbewusst lernen Sänger und Hörer den Wert harmonisch zusammengefaspW Leistungen schätzen. In diesem Sinne wirkt der Chorgesang disziplinierend und fördert mittelbar auch andere, auf einen edlen Zweck gerichtete, gemeinsame Bestrebungen. Wer wäre zum Beispiel einsichtslos genug, die Verdienste des deutschen Liedes um die Erweckung und Hebung des Zusammengehörigkeitsgefühls aller Deutschen und hiermit um die Entwicklung der deutschen Kultur überhaupt zu leugnen. Das jüdische Volk steht, was Empfänglichkeit und Verständnis für Poesie und Gesang betrifft, dem deutschen sicher nicht nach. Der Beweis hierfür ist längst erbracht. Nur lastet der Fluch der Assimilationszeiten auf diesem Beweise. Die jüdische Renaissancebewegung wird uns auch von diesem Fluche befreien. Was die Meister anderer Völker leisten, das gereicht der Gesamtheit des betreffenden Volkes zur Ehre. Jüdische Meisterleistungen jedoch wurden bisher zaghaft und schüchtern anderen Völkern zur gefälligen Annahme dargeboten; nicht stolz und freudig durfte Juda dieser Leistungen sich erfreuen; ängstlich verhüllt sollte es bleiben, dass ein jüdischer Genius das Meisterwerk geschaffen. Das war die Weisheit des Zeitalters der Assimilation. Nun soll es anders werden. In dem „Jüdischen Männergesangverein Schir Zion in Wien" *) ist eine Stätte geschaffen worden, in welcher neben den bedeutenden Schöpfungen der Meister aller Völker, das neuerstandene jüdische Lied seine Pflege und Würdigung finden soll. Von hier aus sollen die kraftvollen Töne dieses Liedes bis in die fernsten Erden wir kel dringen und neuen Mut und neue Hoffnung in jüdische Herzen pflanzen. Ein schönes, ein herrliches aber, verhüllen wir es nicht, eii schwieriges Werk. Der Mitarbeit an diesem Werke möge sich kein Wohlgesinnter entziehen. Jeder kann mithelfen; sei es durch Mitwirkung, sei es durch moralische oder materielle Förderung. An der Spitze des Vereines stehen erfahrene, für ihr hohes Ziel begeisterte Männer; die künstlerische Leitung liegt in bewährten Händen. Die Vorbedingungen zu einer erspriesslichen Wirksamkeit sind also erfüllt. Ein edles Werk ist begonnen worden. An allen, die zur Mithilfe berufen sind, liegt es, es zu vollenden, Emil Fried, *) Wien, 9. Türkenstrasse 9.