Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 43 (23.10.1903)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1903-10-23
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 43 *-,w«itiÄ Seite 11 Lügeritt 'hinweist, der Staaten und Kommunen, Einrichtungen un 1 Traditionen auf der goldenen Wage der reinen Lpgik zu wiegen gewöhnt ist. Wie sonderbar! Auch er steht da, auf der historischen Bünne, wo er zum fünfcenmale von der Lage seines Volkes berichtet, und flagt, ohne sich einer Paradoxie bewusst zu sein, ohne sich auf einer konventionellen Lüge zu ertappen: „Unser Ziel und unsere Hoffnung ist zwar Palästina, aber hier errichten wir ein Nachtasyl". Ein merkwürdiges Nachtasyl mit nationaler Grundlage. „Es ist nicht* wahr" — ereifert sich mein Nebenmai'ti — „und wenn es auch ein Nord au gesagt. Wenn das Nachtasyl gut ist, dann bleiben wir auch bei Tag darin, ist es aber nicht gut, wozu dann das neueGolus?" Tonart und Gestikulation erinnern mich an „Omar Röwo", aber die Einwendung ist nicht so gar unlogisch." „Schluss der Debatte!" — beantragte einer. „Wir müssen ja morgen in denKongress und müssen Nachtruhe haben!" „Nachtruhe?". — wird ihm erwidert — „Nein, nichts da. Keine Ruhe] Unsere Brüder leiden und wir wollen ruhen? Pflegten wir doch auch die Jomkippurnacht zu durchwachen. Es ist heute wichtiger als Jomkippur, denn heute gilt es doch nicht einem menschlichen Leben für ein Jahr, sondern dem ewigen Schicksal eines Volkes.". Hat mich d*r Mann überzeugt? Ist mir erst jf>tzt die prinz'pielle Wichtigkeit der Frage recht zu Bewusstseiu gekommen? Von meinpn Augen sind plötzlich ade Spuren des Schlafes, der Müdigkeit geschwunden und anderen Stelle stehen grosse dicke Tränen ... Man hat abgestimmt. — Mit 295 gegen 178 Stimmen beschloss der Kongress die Wahl einer Kommission und die Entsendung einer Expedition naov> O^tafrika. Man hat sinnlos applau iiert und bitter demonstriert. . „.Es ist nicht wahr!* schrie man. Wie ein Kind das, als es alle seine Arpi mente dahinfallen sah, sich doch noch trotzig an Seine Ueberzeugung festklammert. „Nicht wahr! Die Abstimmt ng ist ungiltig!" Man protestierte unsinnig und keiner wagte zu lachen. Uno" viele verlassen voll Schmerz den Saal. Und das laute Schluchzen der eifersüchtigen Zionsliebhaber vermischte sich mit den Freudentränen derer, die den Anfang einer besseren Zukunft für ihr Volk in dem Momente sahen.... Als ich mich gleicn uaiauf durch die tief erregte Menge im Korridor durcharbeitete, stiess ich auf einige, die gestern Abend für das Projekt so warm eingetreten waren. Freuen sie sich nun ihres Sieges? Nein, sie sind bleich und scheinen fast erschrocken über ihren Erfolg. Tief in ihrem Herzen war doch eine Stelle, die von einer frischen Wunde blutete. „O mösre es zum Guten führen! Dem Volke zum Wohle gereichen!" In einiger Entfernung steht eine Gruppe der erbittertsten Afrikagegner beisammen. Ich finde keine Spur von einer Niederlage bei ihnen. In ihren bleichen Gesichtern blitzt ein kleiner Strahl von Hoffnung auf. „Vielleicht — wer weiss — vielleicht wird es doch dem Volke zum Wohle gereichen! -—!tf Aus Russland. Petersburg. Die „No w o j e Wremja" veröffentlichte ein Feuilleton unter dem Titel „In den jüdischen Ackerbaukolonien", in welchem, von den üblichen Ausfällen gegen die Juden und deren Arbeitslust abgesehen, einige bemerkenswerte Gedanken über den Zionismus ausgesprochen wurden. Der Verfasser des Feuilletons, Nikolai Hofstätter, schildert den in allen Weltteilen erwacht« n Hass gegen die Juden und sagt dann wörtlich: „Der progressive jüdische Gedanke ist unter dem Eindruck der gefahrdrohenden Verwarnungen bereits erwacht und arbeitet selbst an der gerechten Lösung der Frage. Denken sie nur an die Z'onisten, welche ihre Volksgenossen nach Palästina rufen. Um aber das ganze jüdische Volk zu zwingen,, diesem Rufe zu folgen, müsste man dem Judentum alle Wege und Mittel zur Ausbeutung der Mitmenschen abschneiden. Alle Regierungen sollten den Juden nun den Weg zur produktiven Arbeit öffnen, dann erst wird Israel, welches durch seine schreckliche Geschichte aus dem normalen Geleise geworfen wurde, als gleichberechtigtes Mitglied gelten können." Petersburg. In der „No wo st i" widmet der bekannte Publizist Grigori Star zew dem Zionismus einen längeren Artikel, in welchem es unter anderem wörtlich heisst: „Die zionistische Büwesung darf nicht nur vom Standpunkte der praktischen Interessen beurteilt werden,. Wenn es auch. einen selbständigen politischen Judensfaat in Palä*tii a oder in Afrika noch nicht gibt, so hat der Zionismus seine Sache bereits getan, und darin liegt sein unsterbliches Verdienst. Die Juden werden verfolgt, beleidigt und erniedrigt. Und als Antwort auf diese Beleidigungen und Erniedrigungen ertönen aus der eingeschüchterten jüdischen Volk-masse kühne, fast heroische Stimmen: „Ja, ja wir sind Juden, wir werden unter gar keiner Bedingung dem Glauben unserer Väter und unserem Volke untreu werden". Daher ist der edle Traum erstanden, nach Zion zu gehen. In den jüdischen Massen ist der Wunsch erwacht, ihr Volkstum zu erhalten.'* Petersburg. Im letzten Heft der bekannten Fachschrift „Wjestnik Prawaa (Bote des Rechtes), des Organs der Petersburger juridischen Gesellschaft, wurde eine Arbeit des bekannten Juristen Baratz veröffentlicht, in welcher der Nachweis geliefert wird, dass das berühmte „Pskower GerichtsgesetzB, das älteste Denkmal russischer Jurisprudenz, hauptsächlich auf Grund der Lehren des Talmud abgetasst wurde. Der Emfluss ging von r*en Judäo-Chazaren aus, welche bekanntlich im IX., X, und XI. Jahrhundertein Russland eine hervorragende Rolle gespielt haben. Die Arbeit hat im Lager der russischen Antisemiten grosse Unzufriedenheit hervorgerufen. Die „Nowoje Wremja" hat bereits einen Artikel gegen den Verfasser Bar atz veröffentlicht. Petersburg. In den „Nowosti* veröffentlicht der bekannte russische Oekonomist Borodin einen Artikel unter dem Titel „Die ökonomische Lage der Juden in Rußland", in welchem auf G?und von offiziellen Daten des Ministeriums des Innern folgende Daten festgestellt wurden : „Das dichte Zusammenleben der Juden in dem ihnen zur Ansiedlung überwiesenen Rayon, sowie alle möglichen Einschränkungen ihrer Tätigkeit konnten nicht zur Förderung ihres Wohlstandes beitragen. Dass die Juden in ihrem Ansiedlungsrayon sehr dicht zusammenleben, geht aus folgenden statistischen Daten des Ministeriums des Innern hervor. In den 13 Gouvernements des südlichen Teiles des Ostseebassins entfallen auf 5085 Quadratmeilen 9,577 013 Bewohner, von denen 1.2*16 856 Juden sind, sodass ein Jude auf sechs Nichtjuden entfallt. Die elf Gouvernements des nördlichen und südlichen Teiles des Rrhwarzmeerbassins zählen auf 11.722 Quadratmeilen 16,437.445 Einwohner, von denen 1,394.881 Juden sind, so aass sich das Verhältnis der Juden und Nichtjuden hier wie 1:10 stellt. Nimmt man den Flächeninhalt aller zum Ansiedlungsrayon der Juden gehörenden Gouvernements zusammen, so e>nält man das Verhältnis von 1:9 Anders liegen die Vea hältnisse, wenn man den Prozei tsatz der jüdischen Bevölkerung der Städte und Flecken im Ansiedlungsrayon p üft. In den Städten und Flecken des Gouvernements Mohilew beläuft sich die jüdische Bevölkerung auf 94 Prozent, in Wolhynien auf 71. in Minsk auf 69, in Kowno auf 68, in Podolien auf 62, in Witebsk auf 61, in Grodno auf 60. in Wilna auf 56, in Kiew auf 49, in Kurland auf 45, in Poltawa auf 43, in Bessarabien auf 38, in Tschernigow auf 29, in Cher^son auf *8, in Taurien auf 19 und in Jekaterinoslaw auf 15 Prozent. Rechnet man den Flächeninhalt aller dieser Städte und Flecken zusammen, so beträft er 1897 Quadraimeilen mit einer Einwohnerzahl von 3,373.293 Bewohnern, von denen 1.802.259 Juden sind. Auf diese Weis* entfallen 660 Quadratmeilen auf die jndiech** Bevölkerung, die duart eine Dichtigkeit von 2730 Seelen auf die Quadratmeile besitzt.« Petersburg. In dem soeben erschienenen Oktoberhefte d*r bekannten Monatsschrift „Wjestnik Jewropy* (Europäischer Bote) werden die Judemxzesse von Hornel ausführlich besprochen. Das Journal konstatiert, dass in Kischenew trotz der früher zwischen Christen und Juden bestandenen Freundschaft viele Morde und Bestialitäten vorgekommen sind, während in Hornel, wo die Juden, wie der „Regrierungsbote" meldete, äusserst herausfordernd waren, auf beiden Seiten eine gleiche Anzahl von Toten und Verwundeten zu verzeichnen ist. Das Journal erblickt darin den Beweis dafür, da^s in Kischenew die Juden von Anfang an an ihrer Selbstverteidigung behindert wurden . . . Warschau. Der halbamtliche „Warschawskij Dnew,nik" konstatiert offiziell, dass die Auswanderung der Juden aus den westlichen Gouvernements in den letzten Tagen einen Massencharakter angenommen hat. gt. In Nrt. 7 (31) des „Osswobosschdem'jeh14 lesen wir folgendes : In Hornel sind ungefähr 100 organisierte i(d. h. zur revolutibnäien Partei gehörige) russische .Arbeiter. Ihrerseits hatten die jüdischen Arbeiter ^däs Rechf,