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Die Welt · 1903-10-23 · 43 (23.10.1903) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
43 (23.10.1903)
Article
Hazefirah [Kommentar]
Date
1903-10-23
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „bis & W^lt" Nr. 43 genommen wird und zur Ausführung gelangt, was nützt der „Ica" ihre Verwahrung gegen das Politische, in der Sache, die sie bloss als kolonisatorische ansieht, wenn es nicht öffentlich geschieht, sondern in diesem mehr privaten Schreiben? Wer wird es erfahren, und wem liegt es daran, davon zu erfahren? Ist die Sache wirklich so gefährlich, so wird sie nicht abgewendet durch geheime Verwahrung. Ist aber keine Gefahr vorhanden, wozu also diese Verwahrung? Wird es nunmehr zwei Parteien geben : Politische Afrikanisten und kolonisatorische Aftikanisten? Werden die Zionisten die ersteren und die „Ica" die letzteren sein? Ich glaube, man hätte die ganze Sache wohl der sehr ehrenwerten „Ica" überlassen sollen, * Ueber das Ostafrikaprojekt schreibt S. Schachn o wi t z-Endingen im Frankfurter „Israel. Familien blatttf Nr. 44 unter anderem : Ostafrika!..... Man musste es gehört, gesehen haben. — Zion hat sie gesammelt, hat sie zusammengerufen. Sie kamen zur Urne und wählten für Zion. Sie weioten beim Aoschiede von ihren Gewählten für Zion. Mit Zionsgruss schlössen die letzteren ihre Briefe und i-ie fuhren lange und sprachen von Zion. Und daheim flammten alle Herzen und blickten alle Augen nach Zion, Artikel wurden geschrieben und Bilder gemalt von Zion. Die Zeitungen brachten lange B^grüssungsworte und man spendete tür Zion. Man hielt Vorkonferenzen und man zankte sich um Zion . ,. . Nun war der grosse Moment da, sie standen im historischen Saal und bebten um Zion. Und der beliebteste Führer kam und — er sprach von Zion. Zion ist es freilich nicht und kann es nie werden — denn es ist Ostafrika. — Mau muss dies gesehen und gehört haben. Am Abend vor der Abstimmung wohnte ich als Delegierter und Mitglied des „Misrachi verbau des* der Versammlung des letzteren bei. „Stellungnahme zum Ostafrikaprojekte" hiess das Traktammm. Erregt und ermüdet boten die Verhandlungen ein eigentümliches Bild. Es war die alte Liebe für Zion, die oft mit afrikanischer Glut zum Ausdruck kam. „Die Nichtdelegierten sollen den Saal räumen, es ist geschlossene Sitzung!" wird beantragt. Aber diese kommen den Aufforderungen nicht nach. Auch sie haben Interesse daran, am Ostafrikaprojekt. Eine geschlossene Vereinssitzung, nur sind die Verhandlungen so laut und so erhitzt, dass man sie getrost auf der Strasse stehend hätte stenographieren können. Einer sitzt still, es ist der Vater und Führer der Misrachigruppe, der berühmte Rabbi Reines aus Lida. Seine Patriarchengestalt ist halbgeknickt. Er ist heute stiller als sonst, er präsidiert durch Seufzer und demonstriert mit Achselzucken .... Ich betrachte die verwirrten Züge im sanften Gesichte. — Welches Drama sich wohl seit gestern im Innern dieses Mannes abspielt! Seit Jahr und Tag kämpft er durch Wort und Schrift für Zion. „Dort in Zion allein können wir ganze, volle Juden sein, dort, nur dort auf dem Boden der Väter werden wir das heilige Erbe der Väter erhalten können, da schon viele Gebote und Vorschriften der Thora ihrem Wesen nach von der Erde der alten Heimat abhängig sind/ Es gelang dem Rabbi, um dieses Argument eine stattliche Schar der Gesetzestreuen zu sammeln und die Misrachigruppe zu bilden. Nun — wie dies nur auf einmal kommen konnte—nun ist es gar nicht Erez-Jisroel, und sein ganzes Gebäude ist wie ein Kartenhaus zusammengestürzt Es ist nicht Zion und wird es nie werden — es ist Ostafrika. Ihm gegenüber sitzt die schneeweisse, ehrwürdige Gestalt des Rabbi Abbe W e r n er, des bekannten Rabbiners der Machasikei-hadas in London. Er hat trotz seines Alters und eines Fussieid^ns die weite Reise gemacht. Denn was tut man nicht um Zion? Er, der täglich Gelegenheit hat, die Flüchtlinge, die Heimatlosen auf ihrer Suche nach einer neuen Heimat zu sehen; er, vor dessen Augen sich das Bild "des Elends in seinen grausigsten Farnen abspielt, wie sollte er nun die Hände in den Schoss legen, während seine Brüder um Zion kämpfen? Nun sitzt der greise Lehrer da. Das schöne, leuchtende und sonst so geistvolle >,Geisicht schaut rKUte fast gedankenlos vor sich hin. Oft begegneten sich die Blicke der beiden Gaonim und suchen dann beschämt einander auszuweichen. Sie fühlen sich kompromittiert vor — vor sich selber, Zion wollte Gott noch nicht und Afrika wollen wir nicht. Ein junger Mensch ergreift das Wort; er ist sehr energisch und temperamentvoll und es gelingt ihm daher, was durchaus nicht leicht ist, sich Gehör zu verschaffen. Wenn ich nicht irre, ist es der in Russland neu aufgekommene Typus der halb sozialistischen, halb zionistischen jüdischen Handwerker. Was spricht er? „Was! — Ihr wollt nicht? Könnt Ihr das verantworten? Afrika? Und warum auch nicht Afrika? Unser Leben soll ja, höret doch nur, ein rechtliches und gesichertes 6ein. Man wird uns nicht mehr hinmorden dürfen, wie dort in Kischenew, wo ich auch meinen Vater verloren. Wir werden da auch den Schabbes halten können, nach dem ich mich in letzterer Z^it so vergebens sehne •. Wollt Ihr es von Euch weisen?u — schreit er. „Ja wohl! Runter! Schluss!" „Wollt Ihr Euch an uns, am jüdischen Volke versündigen?" „Bravo!* „Nein!" „Sehr richtig!* „Runter mit dem!" Die Antwort folgt sofort. Etwa fünf melden sich zugleich zum Worte, u iterbrectiea einander und plaidieren alle mit dpn gleichen Worten gegen Ostafnka. Auch die Komik verlangt ihr Recht und inden tiefen Ernst der Situation bringt ein etwas hitziger Zionist, der, wie es scheint, direkt aus einem Beshamedrosch in Lithauen nach Basel gekommen, für einen Moment einen heiteren Strahl unfreiwilligen Humors hinein. Der Mann, der seiner hohen Bedeutung als Weltpolitiker sich erst in den letzten Tagen bewusst wurde, sieht sich erst vorsichtig nach allen Seiten um und fragt, ob die Worte, die ihm auf der Zunge schweben, auch nicht in weitere Oeffentlichkeit hinauskommen, da er keineswegs den heiteren, polischen Himmel zu trüben beabsichtige'. Nachdem man ihn auf die geschlossene Silzung hinwies, meinte er, man solle das Anerbieten Englands schon wegen seines Verhaltens gegen die Buren ablehnen ... Die finsteren Gesichter heiterten sich unwillkürlich auf und lachend wurde dem braven Politiker das kluge Wort entzogen. Ein alter Mann, ein in der hebräischen Literatur bekannter Meister, will sprechen, aber er kann nicht. Die Tränen, diese verdammten Tränen, die seit Monaten sich immer einstellen, so oft er über sein Volk spricht, sie sind schon wieder da und drängen jeden Laut in die Brust zurück; Er hat sie nämlich gesehen, die Verstümmelten und Gepeinigten. Seine Füsse hatten im Blute seiner Brüder gewatet. Er muss etwas Grässliches, etwas Unfassbares^ ungeheuerlich Schauerliches gesehen haben, von dem er nicht sprechen kann, an das er aber denken muss. Seitdem ist ihm der Geist wie gelähmt, so oft er zu und von seinen Brüdern sprechen soll, die Kehle wie zugeschnürt. »Brüder, seid doch vernünftig!u — lallt er nur und setzt sich wieder seufzend nieder. Es kommen noch die verschiedensten Argumente zum klaren und unklaren Ausdrucke. Der Rabbi Reines erhebt sich selber und will etwas sag^n, er weiss aber offenbar nicht was. Der talmudische Scharfsinn hat ihn für heute verlassen. Wie jener, der etwa ein Dutzend Namen für die sicher erwartete Geburt des Sohnes vorbereitet und nun ratlos vor der Wiege der geborenen Tochter sitzt, da er nicht weiss, wie er sie benennen soll, Auch seine Autorität lässt ihn heute im Stich. Ein wilder Tumult und der greise Rabbi, dessen Erscheinen allein sonst ehrfurchtsvolles Schweigen gebietet, findet keine rechte Aufmerksamkeit. „Es ist bereits Polizeistunde, meine Herren" — bittet bescheiden der christliche Wirt — „bitte doch nicht so laut!u „Nein!Ä — bekommt er zur Antwort — „nein! nein! Fällt uns nicht ein! Wir gehen nicht nach Ostafrika!u „Das Endziel ist freilich nur Palästina!tf Welche Paradoxie! Erst nach Afiika, um dort eine nationales Konstitution zu erlangen und dann nach Palästina. Es hätte dies sonst jemand sagen müssen. Aber Her zl ist der allbeliebte, halbvergötterte Führer. Wenn er sich zeigt, applaudiert man, wenn sich seine imposante Gestalt nur erhebt, so juhelt man schon. Und doch ist es paradox. Es sagt es keiner, aber man fühlt es. Und es fühlen es am meisten diejenigen, die nicht wissen, was „paradox" ist.--— Aber auch *>r. der erreise Nestor, der: Verfasser der „Paradoxen", der eine Welti .auf ihre i ^konventioriellep.

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