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Die Welt · 1903-10-16 · 42 (16.10.1903) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
42 (16.10.1903)
Article
Die Reisebeschreibungen des Benjamin v. Tudela [Rezension]
Date
1903-10-16
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 42 „bis # Welt Seite 13 Bücherwelt. Die Reisebeschreibungen des Benjamin v. Tudela. *) Eine der berühmtesten Quellen für die wissenschaftliche Ke«intnis des mittelalterlichen Orients liegt zum erstenmal« in deutscher Uebertetzung vor. Herr Doktor Grünhut in Jerusalem hat das Verdienst, nach den drei Handschriften, deren eine im Privatbesitze des Herrn Epstein in Wien sich befindet, während die beiden anderen im British Museum bezw. der Casanateuse in Rom aufbewahrt werden, einen Text des Itinerariums Benjamins v. Tudela hergesteilt zu haben, der einen grossen Fortschritt gegenüber den bisherigen Editionen bietet. Eines der ältesten Reisewerke wird somit der Oeff-ntlichkeit zugänglich gemacht. Benjamin von Tudela. ein Jude aus Navarra, war einer der ersten Zionisten. Er wurde von seinen hartbedrängten spanischen Glaubensgenossen ausgesandt, um ihnen Kunde vom Leben der Brüder im fernen Osten zu bringen und zugleich zu ergründen, ob *ine Massen auswanderung nach Arabien möglich und durchführbar sei. Er verliess deshalb ums Jahr 1165 seire Heimat Navarra und zog durch die Provence nach Marseille, von wo er sich nach Gerua einschiffte. Sein Weg führte ihn über Rom nach Otranto, dem damaligen Haupthafen für Reisende nach Griechenland, das er durchquerte, um nach Konstantinop^l überzusetzen. Und nun durchzieht er viele Jahre lang Kleinasien, Palästina, Syrien, Babylonien, Madien, P^rsien, Arabien, einen Teil Ostindiens und Nordafrikas, um endlich wohlbehalten in die Heimat zurückzukehren. Was er unterwegs gesehen und gehört, schildert er in jenem wunderlichen Aktenstil nüchternster Art, der alle die Merkwürdigkeiten nur umso maikanter hervortreten lässt. Benjamin war kein allzu kritischer Herr und er verzeichnet ziemlich wahllos Wahres und Unwahres, Selbsterlebtes und Märchen. Naturbeschreibungen fehlen natürlich ganz, wie in allen Reisewerken des Altertums und des Mittelalters. Das Grossartige und Erhabene flösst ihm nur Schrecken ein, die Liebe zu den Bergen und dem bewegten Meer ist ja noch keine 200 Jahre alt Selbst im 18. Jahrhundert preisen oft Reifende die holländischen Gärten als die grösste Schönheit Europas und verwünschen die Eisfelder der Schweiz. Aber das Absonderliche wird getreulich berichtet und Benjamin leistet darin sein Möglichstes. So, wenn er von China erzählt. Der Weg dorthin führt am Eismeere vorbei, über das der Orion herrscht. Lässt dieser Sturm entstehen, so wütet er mit solcher Heftigkeit, dass auf offener See befindliche Schiffe nach jenem Meer geschleudert werden, wo sie sich nicht mehr weiter bewegen können. Die Mannschaft bleibt am Leben, solarge der Mundvorrat reicht, dann geht sie zu Grunde. Man sieht sich deshalb mit Rindhäuten vor, schlüpft hinein, näht sie von Innen zu und wirft sich aufs Eis. Der Vogel Greif sieht das scheinbare Tier, trägt es ans Land und will es verzehren. Da schneidet der Schiffer das Fell auf, tötet den Vogel und geht davon. Ebenso phantastisch ist sein Bericht vom Volke „Cophar Alture% das den Sturm anbetet; er spricht ihm nämlich schlankweg die Nasen ab und behauptet, die Leute hätten an deren Stelle zum Atmen nur zwei Löcher. Dem Namen zufolge handelt es sich hier um türkische Stämme, die in der Kunst des Nasenabschneidens bekanntlich frühzeitig eine hohe Geschicklichkeit erreichten. Möglicherweise hat Benjamin so verstümmelte Leute gesehen. Auch in den Naturwissenschaften ist er schwach. Er glaubt jüdischen Perlenfischern, die er im persischen Golf antrifft, folgende Erzählung, wie die Perlen entstehen. Sie berichten, dass alljährlich am 24. Nissan (April) dort ein starker Regen niedergehe, die Mus* h*>ln an die Oberfläche kommen und sich mit Regentropfen füllen. Sie schliessen sich dann, sinken nieder und der Wunderregen verhärtet sich zur Perle. Ein orientalisch-poetisches Geschichtchen, das wohl der naheliegenden Aehnlichkeit der Perlen mit Wasserlropfen seine Entstehung verdankt. Aber auch viele Tatsachen, die seitdem historisch beglaubigt sind, hat Benjamin zuerst zur Kenntnis des Westens gebracht. Er zuerst erzählt von den Feueranbetern Ceylons, von den Aethiopern und Sudanesen, deren Länder er besucht. Am ausführlichsten wird er natürlich, wenn er auf die versprengten Söhne seines Volkes zu sprechen kommt und vom heiligen Lanie berichtet. Einen längeren Abschnitt widmet er der Beschreibung der Patriarchen- ') Verlag J. Kaufmann in Frankfurt a. M. 1903. gräber, die er vielleicht aliein von allen mittelalterlichen Bewuchern gesehen hat. Denn seit d^r Entstehung des Islam ist der Zutritt nur sehr wenigen Nichtmohamedanern gestattet worden und selbst das Betreten der über der Höhle Machpela errichteten Moschee ist streng untersagt. Er erzähl*, dass man ihn durch eine unterirdische Höhle in eine zweite führte, in der sechs Gräber zu sehen sind : die Abrahams, Isaaks und Jakobs und die der Patriarchenmütter. Auf jedem der Steinsärge soll eine Inschrift stehen, die den darinliegenden Toten bezeichnet. Jerusalem tut er sehr nebensächlich ab. Es war damals ein kleiner, von den Christpn stark befestigter, im übrigen unbedeutender Ort. Eine sehr interessante Darstellung endlich gibt er vom Leben der „Fürsten des Exils", jener angeblichen Nachkomme» Davids, die nach Zerstörung des jüdischen Reiches in Bagdad residierten. Er schreibt von dem Exilarchen Daniel ben Chasdai: „Die Araber nennen ihn Saidna ibn Daud (Fürstensohn Davids). Seine Herrschaft erstreckt sich über alle jüdischen Gemeinden, so weit das Szepter des arabischen Oberherrn Emir El-mumenin reicht. So hat es Muhamed al Maktafi hinterlassen ♦ . . Wer ihn nicht begrüsst, erhält hundert Stockhiebe. Wenn er sich Donnerstag zur Auüenz begibt, gehen Reiter vor ihm her, die rufen: „Machet Platz für unseren Herrn, den Sohn Davids/ Er reitet ein Pferd, ist in durchwirkte Seide gekleidet und um die Mütze ist ein Turban gewunden, in dem eine Kette mit dem Siegel Mohameds sich befindet. Er küsst dem König die Hand, dieser erhebt sich und weist ihm einen Stuhl an. Alle muhamedanischen Fürsten müssen stehen, nur der Exilarch darf sitzen ... Er zieht eine Steuer ein, die wöchentlich 200.000 Goldstücke beträgt. . . Seine Synagoge ist mit Marmorsäulen erbaut, in allerlei Farben, belegt mit Gold und Silber und an den Wänden befinden sich Psalmen in goldener Schrift... Vor der Bundeslade ist eine Marmortrpppe von zehn Stufen, auf deren erster die Sitze des Exilarchen und der anderen Fürsten aus dem Hause Davids sich befinden." . . . Benjamin kehrte auf dem Wege über Italien, die Schweiz und Frankreich heim. Den Zweck seiner Reise hat er nicht erreicht, denn die von ihm erstrebte massenhafte Auswanderung der europäischen Juden nach dem Osten unterblieb, obwohl er den kastilischen Jud«n seine Ergebnisse unterbreitete. Wahrscheinlich haben religiöse Bedenken die Wanderung verhindert, vielleicht haben auch die Regierungen, für welche die Juden kostbare Ausbeutungsobjekte darstellten, d.°s Unternehmen zwangsweise verhindert. Aber er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, die Heimkehr des Volkes zu seh^n. Denn er schliesst mit den Worten der Prophezeiung, dass einst Gott Israel aus allen Völkern sammeln und in sein Land bringen werde. F. Feuilleton. Ernte. Eine Sukkothgeschichte. Für die Kinder des Hauses war das eine fröhliche Zeit. Die Freude begann schon um Neujahr und auch Tage und Wochen nachher lebten sie noch in der Erinnerung an das helle, freundliche Fest. Das alte Haus mit dem wunderlichen Dache, das in zwei steilen Absätzen zu einer Höhe anstieg, die der des Geschosses und der ersten Etage fast gleichkam, hatte viele verborgene Winkel, in denen es sich traulich spielen liess. Und doch war es die grösste Freude für die Kinder, in den Tagen der Ernte die weiss gekalkten Stufen zum Dachboden hinaufzusteigen und dort die kleinste der zahllosen Kammern aufzusuchen, in der die Hütte für das Fest zurechtgemacht wurde. Ihre kleinen Schätze an bunten Bildern und Flitterwerk trugen sie dorthin und opferten mit heiligem Eifer ihren teuersten Besitz zum Schmucke dieses Raumes. Wenn dann der Vorabend dieses Festes kam und das bewegliche Dach der Kammer mit seinem papiernen Zierrat emporgehoben wurde, dass die gelben und roten Fähnchen und die vielfarbigen Ringe lustig im Winde flatterten — dann war es immer ein unvergesslicher, freudiger Augenblick, der den jungen Zuschauern vor banger Erwartung schier den Atem raubte.

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