Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Article
- Oberst Goldsmid
- Date
- 1903-10-16
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 10 £ W^lt" Nr. 42 Oberst Goldsmid. Unser verehrter Stammes- und Gesinnungsgenosse der königl. britische Oberst Goldsmid ist vorige Woche, nachdem er die im Gesetze normierte Altersgrenze — 57 Jahre — erreicht hat, in den Ruhestand getreten, Hiebei wurden dem verdienten Soldaten von seinem Könige mehrfache Beweise der Huld zuteil. Er ist an das königliche Hoflager nach Balmoral berufen und durch den hohen Viktoria-Orden ausgezeichnet worden. Der Lebenslauf des Obersten Goldsmid ist ein sehr merkwürdiger. Er ist am 6. Oktober 1846 in Indien als Sohn des Sekretärs der Präsidentschaft von Bombay, Mr. Henry Edward Goldsmid geboren worden. Seine Eltern, beide jüdischer Abstammung, hatten den Glauben der Väter verlassen, und der junge Albert Edward wurde gleich nach der Geburt getauft und im christlichen Glauben erzogen. Erst in seinem 14, Lebensjahre erfuhr unser Albert Edward Gold- V< \ v> smid, dass er jüdischen Stammes sei, und von da an reifte bei ihm der Entschluss, zum jüdischen Glauben zurückzukehren, und in demselben Augenblicke, da er majorenn geworden war, führte er diesen Plan aus, ungeachtet aller zu überwältigenden Schwierigkeiten, die nicht gering waren. Denn der junge Goldsmid widmete sich der militärischen Karriere. 1866 verliess er die Militärschule von Sandhurst als zweiter in der Lokation, und wurde dem 104. Füsilier-Regiment zugeteilt. Er machte infolge seiner Tüchtigkeit seinen Weg, und im letzten Kriege vov Transvaal war er Generalstabschef der 6. Division, dann Kommandant von Orange River, Herbert und Hay District und stellvertretender Generalinspektor des Kommunikationswesens. Während seines ganzen Lebens nahm Goldsmid den wärmsten Anteil am Judentum, und trat aktiv überall hervor. Er holte sich seine Frau ebenfalls aus einer Marannen-Familie, und konnte sie nach ihrer Bekehrung zum Judentume nur unter geradezu romantischen Verhältnissen heiraten. Als Baron Hirsch seine Kolonien in Argentinien gründete, gewann er Oberst Goldsmid als Generaldirektor derselben (1892—1893). Oberst Goldsmid gründete auch das jüdische Knaben-Bataillon in London und steht seit dessen Gründung an seiner Spitze. Er ist Präsident des Maccabean-Clubs in London, einer Vereinigung der hervorragendsten jüdischen Männer von London. Er ist aber vor allem anderen Zionist und hat seine Gesinnung jederzeit und jedenorts mutig betont und betätigt. Als das zionistische Aktionskomitee im Jänner des laufenden Jahres daranging, eine Expedition zur Erforschung und Prüfung der Sinaihalbinsel auszusenden, da stellte sich Oberst Goldsmid, der kaum erst aus Südafrika zurückgekehrt war, wo er einen dreijährigen mühseligen Krieg mitgemacht hatte, der nationalen Sache zur Verfügung, machte die ganze Expedition mit, um dann noch die Verhandlungen mit der egyptischen Regierung zu führen. Dem letzten Kongresse wohnte Oberst Goldsmid wohl nicht als Delegierter, sondern nur als Gast bei, folgte aber mit fieberhafter Teilnahme den aufregenden Verhandlungen. Nun, da er vollkommen unabhängig ist, wird er wohl sein ganzes Leben seinem Volke widmen, das auf diesen eifrigen Sohn wahrlich stolz sein kann. Oberst Goldsmid ist Goltlob noch in voller Rüstigkeit und wir dürfen hoffen, ihn noch lange Jahre in unseren Reihen zu sehen. Er hat zwei Töchter, von denen die ältere mit Mr. Louis Samuel Montagu, dem ältesten Sohne von Sir Samuel Montagu vermählt, die jüngere, Miss Karmel, ledig ist. Sie sind beide gute Zionistinnen. 0. M. Aus Russland. Kowno. (Panik unter den Juden.) Wie der russische „Wilenskij Wjestnik" meldet, entstand unter den Juden von Kowno am abgelaufenen Jörn Kippur eine schreckliche Panik. Es verbreitete sich das Gerücht, dass an diesem Tage die Juden in Kowno erschlagen und ihr Hab und Gut geplündert werden solle, gleichwie in Kischenew und Hornel. Die Juden sperrten sich in ihre Wohnungen ein und wagten nicht, die Strasse zu betreten. Eist die Kundmachung der offiziellen „Kowenskija Gubernskija Wjedomosti", dass die umfassendsten Voikehruugen zur Sicherheit des Lebens und des Eigentums der Juden getroffen wurden, brachte einige Beruhigung in die geängstigten Gemüter. Minsk. (Massenauswanderung.) Wie die „Ssewero Sapadnoje Slowo" meldet, ist gegenwärtig eine Massenauswanderung der Juden aus dem Gouvernement Minsk zu verzeichnen. Unzählige Städte und Städtchen sind jetzt fast menschenleer; die jungen Juden und Jüdinnen verlassen ihre alten Wohnstätten und wandern nach Amerika aus. Eine ähnliche Erscheinung konstatiert die „Nowoje Wremja" im Gouvernement Wolhynien. Moskau. Die „Moskowskija Wjedomosti", dieses den russischen Regierungskreisen nahestehende Blatt, dessen Einüuss auf die konservativen und nationalen Elemente in Russland ungeheuer gross ist, hat nach den Vorgängen in Hornel an leitender Stelle einen Artikel unter dem Titel „Die klaffende Wunde im modernen Judentum" veröffentlicht, in welchem es unter anderem wörtlich heisst: „Alle offiziellen, noch mehr aber die genaueren privaten Verhältnisse konstatieren einstimmig, dass die Juden der einheimischen Bevölkerung des Reiches und der. Regierung gegenüber eine feindselige und herausfordernde Haltung eingenommen haben. Die Beteiligung der Juden an der sozialistischen Propaganda, an allen anti-gouvernementalen Plänen und Bewegungen ist so gross geworden, dass man sogar behauptet, in Russland sei eigentlich keine russische,