Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-10-16 · 42 (16.10.1903) · p. 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
42 (16.10.1903)
Article
Tägliche Rundschau [Kommentar]
Date
1903-10-16
Page
8 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316062-3337652--43626-3337762
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 8 „bi* # Welt Nr. 42 geben wird. Du sollst ilmr nicht schonen, und ihren Göttern nicht dienen." (5. Mos., Kap. V1L 16.) »Und du wirst vielen Völkern leihen, du aber wirst von niemand borgeT(5. Mos., Kap. 28. 12.) Solche un* ähnliche „Verb» issun* en" schienen seit etwa einem J hrhunrtert an den Börstn von London, Paris, Berlin und Frai kfurt realisiert zu werdfn, nrri zw ar gerade durch die Entnatot alisieiurg des Ju< enti ms. D»*> Diaspora und allmähliche Absorbierung <lei Israeiun Curch andere Völker war augemcheinlich das letzte Wort der Weltgeschichte für dic«se seltsame Nation. Da setzte gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mit der zionistischen Bewegung eine jüdischnationale Reaktion gegen diesen Aufsaugung? prozess der zersprengter Israfliun durch fremde Rassen ein. Wie der Name besagt, wurde der Plan aufgeworfen, fiie Juden, in erster Linie das jüdische Proletariat, uta Zion herum, im alten vLande der VerhHssung" wieder zu sammeln und zu ein^m Gemeirweser zu verbinden. Dabei handelte es sich vornehmlich um die Masse der russischen Juden, welche in Russl»nd mphr und mehr unbequem wurden und alsbald sich Bedrückungen und Ausweisungen unterworfen sahen. Wie es scheint, ist der Hauptstrom der jüdischen Emigration nach df?r Zerstörung Jerusalems durch Titus (70 n. Chr.) und die endgilMere Zersprengung des Volkes durch Julius Severus (135 n. Chr.) gegen Nordwesten gegangen, und ist in Rußland und Pol«»n hängpn geblieben. Es gibt heute 5 Millionen Juden in Russland, welche von den Slawen nicht absorbiert werden können, sondern ihren nationalen Typus sowie ihre alten Volkssitten reiner als irgendwo sonst bewahrt habpn. Russland wünschte diese Massen Juden nach Möglichkeit los zu werden und schob sie demnach stosswei*e über die Grenzen ab. Aber die anderen Staaten Europas und Amerika waren auch nicht eben prbaut von solchen Ankömmlit gen, und beeilten sioh, ihre Türen möglichst gegen sie zu verschliessen, beziehentlich sie wieder dritten auf den Hals zu schicken. So wurden diese armseligen Emigranten geradezu zu einer Völkerplasre, welche wie ein Heuschreckenschwarm hin und herzog, überall unwillkommen, nirgends gewünscht. Es liegt auf der Hand, dass die führenden Köpfe im Judentum auf Mittel sannen, ihre bemitleidenswerten Volksgenossen irgendwo unter erträglichen Lebensbedingungen anzusiedeln. Abgesehen von rein humanitären Erwägungpn ist es klar, dass das soziale Ansehen aller Juden durch das Andrängen solches Proletariates vom Osten her auf das empfindlichste geschädigt werden muss. So entstand der Plan des Barons Hirsch, seinen notleidenden Volksgenossen ein Asyl in Argentinien zu eröffnen. Indess hat dieser Plan augenscheinlich nicht viel Anklang bei den Juden selbst erfunden. Wenigstens ist mir nicht bekannt, dass ein freies jüdisches Gemeinwesen in Argentinien entstanden sei. Das Nächstliegende für die Verwirklichung der Zions- Idee wäre natürlich, von der Türkei, wenn nicht die Abtretung Palästinas, so doch eine grosse Landkouzeesion dort zu erwerben, und hier in dem wirklichen Lande der Verheissung ein jüdisches Gemeinwesen zu begründen. Ein solches würde zwar für absehbare Zeit unter der Oberhoheit der Pforte stehen. Aber eine derartige Abhängigkeit sind die Israeliten ja auch in dem letzten halben Jahrtausend ihrer Geschichte gewohnt gewesen, und bei dem fortschreitenden Zerfall des türkischen Reiches würde sich im Hintergründe dieses Planes sogar die Aussicht auf volle politische Unabhängigkeit erheben. Unglücklicherweise hat der Sultan es abgelehnt, sich auf irgend welche Konzessionen in dieser Richtung einzulassen. Er will den Juden zwar eine zerstreute Ansiedlung, nicht aber eine geschlossene Kolonie mit Selbstverwaltung gestatten. Damit ist diesen natürlich nicht gedient. In diesem Jahre nun hat die englische Regierung der zionistischen Bewegung ein greifbares Ziel gegeben. Der Marquis of Lanssdowne bot dem Zionistenkongresse zu Basel ein weites Areal in Uganda zur Besiedlung an, mit dem Rechte voller Selbstverwaltung unter britischer Kontrolle. Damit haben die Führer der Bewegung das wesentlichste E'fordernis für die Durchführung ihres grossen Gedankens. Uganda hat ein gemässigtes Tropenklima, ist fruchtbar und durch eine Bahn mit der Küste des Indischen Ozeans verbunden. Es erfüllt alle Bedingungen für eine Kolonie von Menschen, welche bereit sind, sich durch Ackerbau und Handwerks ihr Brot zu verdienen. Wenn die Juden auf diesen Plan eingehen, würde ein Stück der Geschichte sich von neuem an den Ufern des Nils abspielen, an denen sie schon einmal Jahrhunderte von Arbeit haben leisten müssen; und vielleicht würde sich auch diesmal wieder ein Moses finden, welcher sie später vom Nil in das Gelobte Land selbst zurückführt. Dass der Vorschlag in Basel eine geteilte Aufnahme fand, ist bekamt. Die russischen ui d nmäiisch»i> Juden opponierten. Aber es gelang den Leitern der Bewegurg: Dr. Herzl. Mr. Z?>ngwill und vor allem dem geistreichen Max Nordau, ihn zur Annahme auf dem Kongress zu zu bringen. Ueber die Lage des interr ationalen Judentums äusseite Dr. Nordau sich in mannhafter und selbstbewusster Weise, „Wir Juden haben," so ungefähr sagte er, „seit Jahrhunderten den erniedrigenden Versuch gemacht, uns frfmdei Nationen zu assimilieren und unsere eigenen Sitten ut d Volksgebränche ihnen zu Liebe aufzugeben. D*r Versuch ist missglückt Laasen wir doch endlich die Maske faHei ui d gesUher wir. das* wir rieht zufrieden sii d mit df rStelJung, welche wir heute in der Welt einnehmen.44 Tatsächlich hat das „auserwählte Volktt durch Jahrhunderte die Rolle von Parias in der Welt gespielt, und man kann es sehr wohl verstehen, wie widerlich diese Rolle den selbstbewußteren Charakteren unter ihnen ist. Die Schaffung eines Staatswesens würde jedenfalls eine der wesentlichen Ursachen für diese gering geschätzte Weltstellung aufheben; nämlich dem Zustande ein Ende machen, dass ein hilfloses jüdisches Proletariat, welches notorisch in keinem Lande willkommen ist. wie eine urliebsame Bürde von eirem Staate in den anderen abgeschoben wird. Es ist wohl bekannt, dass die Sympathiekundgebungen in den Vereinigten Staaten mit den russischen und rumänischen Juden vornehmlich der Furcht entspringen, dass diese nach Nordamerika abströmen könnten. An dieser Regelung der Judenfrage hat in erster Linie ein starkes Interesse die jüdische Haute Finance, aus sozialen, politischen und humanitären Gründen. Es kann diesen im wesentlichen europäisierten Joden doch sicherlich nicht erwünscht sein, dass ihre notleidenden Religions¬ und Volkserenossen durch ihr blosses Vorhandensein den jüdischen Namen immer wieder der Geringschätzung durch Fremde aussetzen. Es haben an dieser Regelung ein Interesse aber auch die übrigen Staaten, in denen dievJudenfrage" teilweise immer wieder zu inneren Unruhen und Krisen führt. Wir sollten aus diesen Gründen annehmen dürfen, dass es den Zionisten weder an dem erforderlichen Kapital, noch an internationalem Entgegenkommen bei der Durchführung ihres Programmes fehlen wird. Ein viel ernsteres Bedenken ist die Frage, ob diese Judenmassen überhaupt noch fähig sind, sich zu einem ackerbaulichen Gemeinwesen wieder zusammenzufinden. Wir wissen, dass sie vor 2- 3000 Jahren im wesentlichen Viehzüchter und Ackerbauer waren, wie die Araber noch heute. Wir wissen auch, dass sb unter David und den Makkabäern entschiedene kriegerische Eigenschaften entwickelt haba". Aber welche Wandlungen und Katastrophen hat dieses Volk nicht seit zwei Jahrtausenden durcheremacht! In Russland freilich, wie ich erfahre, treiben die Juden noch heute vornehmlich Handwerke und auch, hier und da, Ackerbau. In den andern Kulturstaaten Europas ist dies nicht der Fall; Handel und Geldgeschäfte sind die wesentlichen Berufsarten, denen sie obliegen. Solche Geschäfte aber könnten sie nicht unter sich selbst betreiben; auch könnte kein Volkshaushalt darauf aufgebaut werden. Sondern für einen Volkshaushalt bedarf es Werte schaffender Produktion. Indes, wenn so kluge Leute wie Max Nordau und Dr. Herzl glauben, dass ihre Volksgenossen imstande sind, zu solchen grundlegenden Arbeiten zurückzukehren, so wird ein Aussen stehen der sich mit seinen Zweifeln bescheiden dürfen. Dann dürfen wir erwarten, dass sich auf den Hochplateaus im Norden des Viktoria-Sees alsbald ein Gemeinwesen nach den geheiligten Normen und Gesetzen des Alten Testamentes entwickeln wird mit Priestern und Tempeln Jehovahs. Freilich wird es möglicherweise auf eine Parodie d*s historischen Jude? tums hinauslaufen, etwa wie sie das heutige Griechenland zum klassischen Hellen entum darstellt. Schon die Sprachen frage ist eine ausserordentlich schwierige. Soll das Hebräische restauriert werden; oder soll Englisch die Landessprache werden? Aber die russischen Juden, welche doch den Grundstock der Bevölkerung bilden sollen, verstehen kein Englisch. Eines ist klar: die gebildeten und reichen Juden Europas werden das Experiment dieser nationalen Staatengründung persönlich nicht mitmachen. Aber auch hierfür haben wir historische* Vorbilder. Bereits zur Zeit Christi war die Diaspora, insbesondere die Alexar drinische Judenschaft, reicher und angesehener als die Jerusalem er. So könnte auch in unserem Jahrhundert ein halb unabhängiges

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.